Lukas und ich haben vier Monate lang von diesem Urlaub geträumt. Kein Meer, keine Hotels, keine fremden Menschen. Nur zwei Wochen daheim, wir zwei allein, ohne Weckerläuten, mit Frühstück irgendwann gegen Mittag.
Ich habe mir sogar eine Liste geschrieben. Keine To-do-Liste, ganz im Gegenteil. Eine Liste mit Dingen, die ich nicht machen würde. Ich würde nicht nach Uhrzeit kochen. Keine Hemden bügeln. Keine beruflichen Anrufe annehmen. Es sollte der erste echte Urlaub seit drei Jahren werden, und ich hatte vor, aus jeder Minute Stille alles herauszuholen.
Und dann hat Theresa angerufen.
Lukas’ Tante. Zweiundsechzig Jahre alt, eine Stimme wie eine Schuldirektorin und die felsenfeste Überzeugung, dass ihr die ganze Welt etwas schuldig sei. Ich habe sie sogar aus dem Nebenzimmer gehört, denn Theresa redet nicht einfach. Sie verkündet.
„Lukaserl, ich hab beschlossen, bei euch vorbeizuschauen. Für vier Tage ungefähr. Vielleicht auch eine Woche. Das wird man dann sehen.“

Sie hat nicht gefragt. Sie hat nichts vorgeschlagen. Sie hatte beschlossen.
Lukas hat mich angeschaut wie jemand, der gerade barfuß auf einen Legostein gestiegen ist. Ich habe den Kopf geschüttelt. Er hat hilflos die Hände gehoben. Und in dem Moment war mir klar: Er würde ihr nicht absagen.
Theresa hatte ihn nach dem Tod seiner Mutter großgezogen. Zwei Jahre lang, von seinem zwölften bis zu seinem vierzehnten Lebensjahr, bis sein Vater wieder geheiratet hat. Zwei Jahre, aus denen sie eine lebenslange Schuld gemacht hat. Immer, wenn Lukas versucht hat, Nein zu sagen, kam derselbe Satz: „Ich hab dich ernährt, als sich sonst keiner um dich geschert hat.“
Und dann ist er eingeknickt. Jedes einzelne Mal.
„Na gut“, habe ich gesagt. „Dann soll sie halt kommen. Aber ich werde sicher nicht um sie herumspringen.“
Lukas hat sofort genickt, viel zu schnell und sichtbar erleichtert. Als wäre damit schon alles erledigt.
Am nächsten Tag ist sie angekommen. Um zehn Uhr vormittags, ohne vorher eine genaue Uhrzeit zu nennen. Ich habe ihr in meinem Pyjama die Tür aufgemacht, mit einem Häferl Kaffee in der Hand und einem Abdruck vom Polster auf der Wange.
Theresa hat mich von oben bis unten gemustert. Langsam. Prüfend. So, als würde eine Kommission eine renovierte Wohnung abnehmen.
„Anna, bist du jetzt erst aufgestanden? Es ist schon zehn.“
Kein „Servus“. Kein „Danke, dass ich kommen darf“. Sofort Kontrolle.
Sie ist mit zwei Koffern hereingekommen. Mit zwei! Für vier Tage. Ich wollte fragen, was sie da alles eingepackt hatte, aber ich habe mir auf die Zunge gebissen. Lukas ist aus dem Schlafzimmer aufgetaucht und hat ihr geholfen, das Gepäck hereinzuschleppen. Theresa ist inzwischen durch die Wohnung gegangen, hat mit dem Finger über Möbel gestrichen und nach Staub gesucht.
„Eure Vorhänge sind schon ganz ausgebleicht. Ich hab ja gesagt, ihr solltet Raffrollos nehmen.“
Das war ihr erster Kommentar zu unserem Zuhause.
Ich habe einen Schluck Kaffee genommen und geschwiegen.
Bis zu Mittag hat sich herausgestellt, dass Theresa nicht nur ihre Koffer mitgebracht hatte, sondern auch einen Zeitplan. Meinen Zeitplan, den sie sich offenbar irgendwo unterwegs im Kopf zurechtgelegt hatte.
„Annalein, ich bin gewohnt, um eins zu Mittag zu essen. Ein Supperl wär mir recht, irgendwas Leichtes. Und ein Salat. Aber bitte ohne Gurken, davon krieg ich Sodbrennen.“
Sie sagte das, während sie auf unserem Sofa saß, mit einer Zeitschrift, die sie selbst mitgebracht hatte. Die Füße lagen auf dem Hocker. Ihre eigenen Plüschpatschen hatte sie auch schon angezogen.
Ich stand in der Küche und spürte, wie in mir etwas Heißes hochstieg. Noch war es keine Wut. Eher blankes Staunen. Sie war in meine Wohnung gekommen, in meinen Urlaub, und nach zwei Stunden bestellte sie bereits ihr Mittagessen. Wie in einem Lokal.
„Theresa, wir haben Urlaub“, sagte ich. „Wir kochen, wenn uns danach ist. Die Küche ist frei, im Kühlschrank ist genug da.“
Sie hob den Blick von ihrer Zeitschrift und sah mich lange an.
