„Was heißt hier, ich soll es freimachen?“ fragte sie fassungslos, während eine eiskalte Welle aus Entsetzen und Wut in ihr hochstieg

Kaltherzig und verräterisch, plötzlich ist alles fremd.
Geschichten

Ich bin mit dem Schöpfer in der Hand wie angewurzelt stehen geblieben und habe versucht, das Gehörte überhaupt zu begreifen. Einen Augenblick lang war ich überzeugt, ich hätte mich verhört – oder die Müdigkeit spiele mir schon Streiche.

Draußen rauschte ein warmer Juniabend, am Herd blubberte die Suppe für unseren vierjährigen Sohn Lukas, und im Vorzimmer stand Tobias – mein Mann, mit dem ich seit fünf Jahren verheiratet war.

Er stand da mit einer Miene, als hätte er mir beiläufig erzählt, er habe Kinokarten besorgt. Nicht so, als würde er gerade seiner eigenen Familie das Zimmer wegnehmen.

„Was heißt hier, ich soll es freimachen?“, fragte ich nach, während in mir eine eiskalte Welle aus klebrigem Entsetzen und dumpfer Wut hochstieg. „Welche Schwägerin? Welches Wohnzimmer? Wovon redest du überhaupt?“

Tobias seufzte schwer, verdrehte die Augen und ließ mich mit jeder Bewegung spüren, wie sehr ihn meine Reaktion angeblich ermüdete. Dann kam er in die Küche, ließ sich auf den Hocker fallen und begann, seine Turnschuhe auszuziehen.

„Tu nicht so, als würdest du es nicht verstehen, Anna. Sophie hat mit ihrem Mann eine richtig schwierige Lage. Sie hat die Scheidung eingereicht, steht jetzt mit dem Kind allein da und hat keine Bleibe.“

Seine Mutter habe vorgeschlagen, dass sie vorübergehend zu uns ziehe, in die Dreizimmerwohnung. Und weil ich ja „immer so gescheit und prinzipienfest“ sei, habe er beschlossen, es werde mir schon nichts ausmachen, ein bisserl zusammenzurücken. Lukas und ich sollten ins kleine Schlafzimmer übersiedeln, das große Zimmer würden Sophie und ihr Bub bekommen. Die beiden hätten es nötiger, sie stünden unter Stress.

Ich habe ihn angeschaut und plötzlich den Mann nicht mehr erkannt, den ich einmal geheiratet hatte. In fünf Jahren Zusammenleben hatte ich mich an vieles gewöhnt: an Streitigkeiten wegen des Haushalts, an liegen gebliebenes Geschirr, an finanzielle Engpässe am Anfang. Aber mit so einem kalten, zynischen Schlag ins Gesicht hatte ich nicht gerechnet.

Erstens gehörte die Wohnung, in der wir lebten, ganz und gar mir. Genauer gesagt: Ich hatte sie noch vor unserer Ehe von meiner Großmutter geerbt.

Die Generalsanierung hatte ich von meinem eigenen Geld bezahlt – von Ersparnissen aus der Studienzeit und von dem, was ich ab meinem ersten ordentlichen Gehalt mühsam zur Seite gelegt hatte.

Tobias hatte in diese Wohnung keinen einzigen Euro gesteckt, nicht einmal für Tapeten. Im Gegenteil: Als wir frisch verheiratet waren, ist er mit einem Koffer und ein paar T-Shirts bei mir eingezogen.

Zweitens hatte dieses „kleine Schlafzimmer“, in das er mich und unser Kind so leichtfertig abschieben wollte, kaum mehr als neun Quadratmeter. Dort passten gerade noch unser Bett und Lukas’ Kinderbett hinein.

Für einen ordentlichen Kasten war dort kein Platz, und die Sonne kam wegen der dichten Bäume vor dem Fenster praktisch nie herein. Das große Wohnzimmer dagegen war hell, weit und luftig. Dort standen unser Arbeitstisch, das Sofa, geräumige Kästen und die Spielecke unseres Sohnes.

Und nun maßte sich mein rechtmäßiger Ehemann, der auf meiner Wohnfläche und auf meine Kosten lebte, großzügig an, für mich zu entscheiden, wer wo wohnen durfte.

„Tobias, sag einmal, verwechselst du da nicht etwas?“, sagte ich leise, aber meine Stimme klang hart und klar. „Das ist meine Wohnung. Meine und die meines Sohnes. Aus welchem Grund sollte ich dein­er Schwester mein Wohnzimmer überlassen?“

„Na großartig, schon wieder dasselbe!“, fuhr Tobias auf und wurde sofort laut. „Schon wieder dieses ‚meins, meins, meins‘! Du liegst mir mit dieser Wohnung seit Jahren in den Ohren! Wir sind eine Familie, Anna! Oder willst du mir jetzt erzählen, meine Schwester sei für dich irgendeine Fremde? Sie hat praktisch noch ein Baby, und du sitzt hier warm und bequem und jammerst wegen ein paar armseligen Quadratmetern!“

„Es geht nicht um Quadratmeter, Tobias. Es geht um Grenzen und um Respekt“, versuchte ich ruhig zu bleiben, obwohl in mir alles kochte. „Sophie hat Eltern. Sie hat eine Mutter, die immerhin in einer Zweizimmerwohnung lebt. Warum fährt Sophie nicht zu ihr?“

„Bei Mama ist es eng!“, schnitt Tobias mir das Wort ab, als wäre damit jede weitere Frage erledigt. „Sie hat nur zwei Zimmer, du hast drei. Außerdem ist Mama von der alten Schule, die würde Sophie wegen der Scheidung ständig Vorwürfe machen. Sophie braucht jetzt Ruhe. Und wir helfen meiner Schwester wieder auf die Beine. Ich habe ihr schon zugesagt, dass sie morgen mit dem Kleinen einzieht.“

Langsam setzte ich mich ihm gegenüber auf einen Stuhl. Mir war, als würde der Boden unter mir nachgeben. Er hatte also bereits alles beschlossen – hinter meinem Rücken, ohne mein Wissen.

Hedis Stube