Ohne mich auch nur ein einziges Mal zu fragen, ohne den Versuch, sich wie erwachsene Menschen mit mir zusammenzusetzen, hatte mein Mann einer fremden Frau und ihrem Kind meine Wohnung zugesagt. Nicht seine, wohlgemerkt. Meine.
„Du hast es ihr also schon versprochen?“, fragte ich langsam nach, während in mir etwas endgültig riss. „Das heißt, meine Meinung war dir völlig egal? Du stellst mich einfach vor vollendete Tatsachen?“
Tobias verschränkte die Arme vor der Brust, als müsste er sich gegen einen Angriff wappnen. „Wozu hätte ich fragen sollen? War ja klar, dass du gleich ein Theater machst. Du machst aus allem ein Problem. Was ist denn dabei? Sie bleiben ein paar Monate, bis Sophie die Alimente geregelt hat und wieder Arbeit findet. Dann nehmen sie sich eine eigene Wohnung und sind weg. Sei nicht so selbstsüchtig, Anna.“
Ein paar Monate. Diese Worte kannte ich nur zu gut. Bei uns gibt es kaum etwas Dauerhafteres als eine angeblich vorübergehende Lösung. Und Sophie kannte ich ebenfalls. Vor allem ihre erstaunliche Fähigkeit, es sich auf Kosten anderer bequem zu machen.
Die Schwester meines Mannes war schon immer jemand gewesen, der sich vom Leben treiben ließ, solange jemand anderer ruderte. Ihre Ehe war nicht daran zerbrochen, dass ihr Mann ein Unmensch gewesen wäre. Sie hatte schlicht keinen Finger gerührt, um daheim auch nur den Anschein von Wärme oder Ordnung zu schaffen. Sie hatte sich von ihrem Mann aushalten lassen, und als der irgendwann genug davon hatte, sie und ihren verzogenen kleinen Sohn zu versorgen, hatte sie eine Szene gemacht und war zu ihrer Mutter geflüchtet.
Und nun hatte ihre Mutter ihr offenbar recht rasch klargemacht, dass auch dort die Geduld Grenzen hatte. Oder sie hatte Sophies Launen schlicht nicht länger ertragen wollen. Jedenfalls hatte Sophie jetzt unser ruhiges, mühsam aufgebautes Zuhause ins Visier genommen.
„Nein, Tobias“, sagte ich fest und sah ihm direkt in die Augen. „Sophie zieht hier nicht ein. Sie hat eine Mutter, sie hat einen Vater, sie hat ihre eigene Verwandtschaft. Sollen die ihre Wohnprobleme lösen. Meine Wohnung ist kein Durchhaus und auch keine Auffangstation für geschiedene Angehörige.“
Sein Gesicht verzerrte sich vor Zorn. Mit einem Ruck sprang er auf, dabei kippte der Sessel hinter ihm um und krachte laut auf den Linoleumboden. Aus dem Kinderzimmer hörte ich Lukas erschrocken aufweinen.
„Ach, so ist das also!“, brüllte Tobias und fuchtelte mit dem Finger vor meinem Gesicht herum. „Du setzt meine Schwester auf die Straße? Du hast mich ausgezogen bis aufs letzte Hemd, aus mir einen Pantoffelhelden gemacht, und jetzt willst du meine eigene Schwester nicht einmal über die Schwelle lassen? Du bist nichts als eine kaltherzige Egoistin! Meine Familie ist dir völlig wurscht!“
„Deine Familie ist mir nicht wurscht“, erwiderte ich und stand ebenfalls auf. Meine Knie zitterten, aber meine Stimme blieb erstaunlich ruhig. „Nur ist meine Familie in erster Linie Lukas und ich. Deine Schwester ist deine Verwandtschaft. Wenn du Sophie helfen willst, dann miet ihr von deinem Geld eine Wohnung, bring sie zu deiner Mutter oder zahl ihr ein Zimmer in einer Pension. Aber nicht auf meine Kosten. Und schon gar nicht auf Kosten der Ruhe meines Kindes.“
Tobias schnappte nach Luft, als hätte ich ihn geohrfeigt. Er öffnete den Mund, schloss ihn wieder, suchte sichtbar nach Worten, die möglichst tief treffen sollten.
„Das wirst du noch bereuen, Anna“, zischte er schließlich und riss seine Jacke vom Haken. „Du wirst noch angekrochen kommen und mich um Verzeihung bitten, wenn ich meine Sachen packe und dich sitzen lasse.“
Dann krachte die Wohnungstür ins Schloss. Zurück blieb eine schwere, beinahe klingende Stille, durchbrochen nur von Lukas’ leisem Schluchzen aus seinem Zimmer. Ich ging zum Fenster und sah, wie Tobias mit schnellen, wütenden Schritten über den Hof stapfte, direkt auf sein Auto zu.
Damals habe ich noch nicht begriffen, dass das erst der Auftakt gewesen ist. Der erste Akt einer Familienaufführung, in der ich offenbar die Rolle der undankbaren Schwiegertochter zugedacht bekommen hatte. Am nächsten Tag sollte nämlich nicht nur Sophie mit ihren Taschen vor meiner Tür stehen. Nein, gleich der halbe Clan meines Mannes würde auftauchen, angeführt von meiner Schwiegermutter, alle fest überzeugt, sie hätten jedes Recht, über mein Eigentum zu verfügen, als gehörte es ihnen.
„Aufmachen, wir sind’s! Die eigenen Leute!“, dröhnte es am nächsten Tag gegen Mittag an meiner Tür.
Ich hatte Lukas gerade zum Mittagsschlaf hingelegt und saß in der Küche vor einem längst kalt gewordenen Tee. Bei diesem fordernden Hämmern setzte mein Herz für einen Moment aus, nur um gleich darauf irgendwo in meiner Kehle weiterzuschlagen.
Als ich öffnete, stand meine Schwiegermutter Theresa bereits so nah vor mir, als hätte sie nie vorgehabt, auf eine Einladung zu warten. Hinter ihr lauerte Tobias mit zwei riesigen Reisetaschen, und daneben trat seine Schwester Sophie unruhig von einem Fuß auf den anderen, die Hand eines dreijährigen, weinenden Buben fest umklammernd.
