„Was heißt hier, ich soll es freimachen?“ fragte sie fassungslos, während eine eiskalte Welle aus Entsetzen und Wut in ihr hochstieg

Kaltherzig und verräterisch, plötzlich ist alles fremd.
Geschichten

Theresa hat mich mit der Schulter zur Seite gedrängt und ist mit einer Selbstverständlichkeit in den Vorraum marschiert, als wäre sie hier daheim und nicht ich.

„Na, Anna, jetzt hast du’s also so weit gebracht?“, hat sie gleich vom Türstock weg losgelegt und die Arme vor der Brust verschränkt. „Tobias hat mir alles erzählt. Du setzt deinen eigenen Mann vor die Tür und willst seine Schwester samt kleinem Neffen nicht einmal hereinlassen! Hast du überhaupt noch ein Gewissen? Du bist hier ins gemachte Nest gekommen, hast dich an fremdem Besitz festgekrallt und spielst dich jetzt auch noch auf?“

Für einen Augenblick war ich sprachlos vor so viel Dreistigkeit.

„Fremder Besitz?“, wiederholte ich langsam, während in mir eine dumpfe Wut aufzusteigen begonnen hat. „Theresa, verwechseln Sie da nicht etwas? Diese Wohnung habe ich von meiner Großmutter geerbt. Von meiner Großmutter. Tobias ist damals mit einem einzigen Sackerl hier eingezogen. Von welchem fremden Besitz reden Sie also?“

„Fang mir nicht schon wieder mit deiner Erbschaftsleier an!“, fuhr sie mich an und wedelte mit der Hand, als verscheuche sie eine lästige Fliege. „Deine Großmutter ist längst unter der Erde, Gott hab sie selig, und die Wohnung gehört jetzt zur Familie, weil ihr verheiratet seid. Ihr seid Mann und Frau! Da wird alles geteilt, so ist das. Und du hältst einem Mann ein Dach über dem Kopf vor. Das ist nicht anständig. Und christlich schon gar nicht.“

Tobias stand hinter ihr und schaute irgendwo auf den Boden, sicher versteckt im Schatten seiner Mutter. Offenbar hatte er ihr die ganze Geschichte in seiner eigenen, bemitleidenswerten Version serviert, alles verdreht und zurechtgebogen, nur damit sein Davonlaufen und seine Rückkehr unter Mamas Flügel wie eine Notlage aussahen.

„Mama hat recht, Anna“, meldete er sich schließlich und setzte diese leidende Miene auf, die er immer dann verwendete, wenn er Verantwortung vermeiden wollte. „Hör endlich auf, so egoistisch zu sein. Sophie hat es schwer genug. Wir stellen ihre Sachen ins große Zimmer. Für Lukas reicht das kleine Zimmer völlig, er ist ja noch klein.“

Sophie war inzwischen bereits ins Wohnzimmer gegangen, hatte die Schuhe abgestreift und begann, den Raum mit dem Blick einer künftigen Hausherrin zu mustern.

„Mei, ist das groß hier!“, rief sie begeistert und zog sogar an einer Kastentür. „Und der Fernseher erst, und das neue Sofa! Mama, schau, das wird wirklich perfekt. Bei dir in der Zweizimmerwohnung sind wir ja schon übereinander gesessen, da hat man kaum noch Luft bekommen.“

Es war, als hätte mir jemand kaltes Wasser über den Rücken geschüttet. Sie hatten längst über alles entschieden. Ohne mich. Sie waren in mein Zuhause eingefallen, machten sich breit, beurteilten meine Möbel und planten allen Ernstes, wie sie mich aus meinem eigenen Leben verdrängen konnten.

„Stopp!“, schnitt meine Stimme so scharf durch den Raum, dass Sophie erschrocken die Hand vom Kasten wegzog und Theresa die Lippen zusammenpresste. „Ich sage es jetzt zum letzten Mal, damit es auch wirklich jeder versteht: Hier stellt niemand irgendetwas ab. Raus aus meiner Wohnung. Alle drei. Sofort.“

Theresa schnappte nach Luft, als hätte ich sie geschlagen. Rote Flecken breiteten sich über ihr Gesicht aus, ihre Hände begannen vor Zorn zu zittern.

„Mit wem redest du eigentlich so, du falsche Schlange?!“, kreischte sie, ihre Stimme kippte fast ins Schrille. „Du schreist die Mutter deines Mannes an? Na wart nur, dir werde ich schon zeigen, wo der Hammer hängt! Tobias, hörst du, wie sie mit uns umgeht? Für die bist du überhaupt nichts wert!“

„Anna, jetzt übertreibst du“, blähte sich Tobias auf und versuchte, wie ein gekränkter Familienvater zu wirken. „Mama ist gekommen, um zu helfen, dass wir das vernünftig klären. Und du machst hier ein Theater. Entschuldige dich bei ihr.“

„Ich soll mich entschuldigen? Bei Leuten, die mein Zuhause übernehmen wollen?“, fragte ich und lachte kurz, bitter und fremd in meinen eigenen Ohren. Die Angst und die Verwirrung wichen plötzlich einer eiskalten Klarheit. „Tobias, pack deine Sachen und geh endgültig zu deiner Mutter. Die Scheidung reiche ich am Montag ein. Und ihr verschwindet jetzt alle aus meiner Wohnung. Auf der Stelle. Sonst rufe ich die Polizei wegen unbefugten Eindringens.“

Theresa verzog verächtlich den Mund.

„Ruf doch, wen du willst!“, brüllte sie. „Meinetwegen den Bundespräsidenten! Versuch nur, deinen rechtmäßigen Ehemann und seine Familie hinauszuwerfen. Wir holen jemanden von der Polizei, der wird dir schon erklären, wem hier welcher Anteil zusteht!“

Die Stimmung drohte endgültig zu eskalieren. Genau in diesem Moment hörte ich aus dem Kinderzimmer das verschreckte Weinen des aufgewachten Lukas. Mein Kind weinte, während diese fremden, anmaßenden Menschen weiter in meinem Wohnzimmer herumgeschrien und sich aufgeführt haben, als gehörte ihnen die ganze Welt.

Ohne noch ein Wort zu sagen, drehte ich mich um, zog das Handy aus der Tasche und wählte 112. Ruhig, deutlich und laut genug, dass Theresa jedes Wort hören konnte, nannte ich die Adresse und erklärte, dass fremde Leute in meine Wohnung eingedrungen waren.

Hedis Stube