„Weil das nicht mehr unser Haus ist“, sagte ich. „Ich habe es verkauft.“
Am anderen Ende wurde es so still, dass ich beinahe meinte, hören zu können, wie sich in Theresas Kopf die Gedanken knirschend neu sortierten, unfähig, das Gesagte zu begreifen. Im Hintergrund bellte der Hund weiter, heiser und wütend.
„Was?“, brachte sie schließlich hervor. „Wie verkauft? An wen? Und wir?“
„Ihr steht, Theresa, vor fremden Toren. Und ich würde euch wirklich raten, wegzufahren, bevor Herr Ferdinand den Hund aus dem Zwinger lässt. Er ist ein strenger Mensch und versteht bei so etwas keinen Spaß.“
„Du… du…“ Theresa rang hörbar nach Luft. „Das kannst du nicht gemacht haben! Wir sind mit den Kindern da! Der ganze Kofferraum ist voll mit Essen! Wohin sollen wir jetzt? Es ist der dreißigste Dezember! Anna, du hast ja überhaupt kein Gewissen! Begreifst du eigentlich, was du da angerichtet hast? Wir sind Familie!“
„Familie“, wiederholte ich leise. „Eine Familie, die es nicht einmal der Mühe wert gefunden hat zu fragen, ob sie überhaupt kommen darf.“
„Was heißt da fragen? Das war doch immer für alle da! Tobias’ Haus! Du hast uns einfach den Feiertag weggenommen! Ruf sofort diesen… diesen Menschen an und sag ihm, dass wir dazugehören! Er soll uns wenigstens über Nacht hineinlassen!“
In diesem Augenblick habe ich verstanden: Wenn ich jetzt nachgebe, wenn ich den neuen Besitzer bitte — obwohl ich dazu nicht das geringste Recht hatte — oder sie gar in meine Wiener Wohnung hole, dann beginnt alles wieder von vorn. Dann bin ich wieder die praktische Anna, die alles schluckt, alles richtet und am Ende noch dankbar sein soll.
Und dann ist genau das passiert, womit ich gerechnet hatte und wovor mir zugleich bang gewesen war.
Aus dem Telefon kam ein dumpfes Scheppern. Offenbar hatte jemand begonnen, gegen das eiserne Tor zu hämmern. Gleich darauf folgte ein Knurren, so tief und drohend, dass mir sogar durch den Lautsprecher unbehaglich wurde. Dann hörte ich die Stimme des neuen Eigentümers.
„Ich zähle bis drei. Danach mache ich das Gartentor auf. Eins…“
„Zwei…“, drang es aus dem Handy. Ferdinand klang dabei völlig sachlich, fast so nüchtern wie ein Kontrolleur in der Schnellbahn.
„Lukas! Ins Auto! Sofort!“, schrie Theresa.
Dann krachte irgendwo eine schwere Autotür zu. Gedämpftes Kinderweinen war zu hören, dazwischen ein paar Flüche von Lukas, schon aus dem Wageninneren.
Der Hund schlug an — tief, hallend, mit diesem sicheren Bass von Tieren, die ganz genau wissen, wo ihr Revier beginnt und endet.
„Anna, das wirst du mir büßen!“, zitterte die Stimme meiner Schwägerin. Diesmal allerdings nicht mehr vor Überheblichkeit, sondern vor Angst und Zorn. „Du setzt uns hier in die Kälte! Wir erfrieren noch!“
„Ihr habt in euren Autos eine Klimaanlage, Theresa“, sagte ich, trat vom Fenster zurück und ließ mich in meinen Lieblingssessel sinken. Auf einmal waren meine Beine schwer, als wäre ich kilometerweit gelaufen. „Und bis Wien ist es eine Stunde. Mach kein Drama, wo keines ist.“
„Wir fahren sicher nicht nach Wien zurück! Uns ist die ganze Stimmung verdorben! Wir wollten feiern! Was sollen wir jetzt mit drei Kisten Essen machen?“
Das war erstaunlich.
Selbst jetzt, eingesperrt im Auto vor einem Tor, das ihr nicht gehörte, dachte sie nicht daran, dass sie jede denkbare Grenze überschritten hatte. Sie dachte daran, wohin sie die Salate stellen sollte.
„Hör mir gut zu“, unterbrach ich sie. „Beim fünfundvierzigsten Kilometer, noch vor der Abfahrt, gibt es ein Hotel namens ‚Zur Gemütlichkeit‘. Ich schicke dir gleich den Standort. Dort gibt es eine Sauna und einen Grillbereich.“
