„Zu uns.“ — Theresa am Telefon, fordernd und stählern

Diese scheinheilige Gemütlichkeit ist verletzend und beleidigend.
Geschichten

Zimmer müssten frei sein.“

„Ein Hotel?!“ Sie hat hörbar nach Luft geschnappt. „Du meinst ernsthaft, wir sollen Silvester in irgendeiner Herberge an der Straße feiern – und das auch noch auf eigene Kosten?“

„Ich zeige euch nur Möglichkeiten auf. Die Gratisvariante ‚Datscha‘ ist erledigt. Für immer.“

„Das verzeih ich dir nie, Anna. Du bist eine Verräterin. Du hast Tobias’ Andenken für ein paar Euro verschachert!“

„Ich habe Wände verkauft, Theresa. Wände, die mir jahrelang die Kraft ausgesaugt haben. Tobias’ Andenken trage ich in mir, nicht in morschen Brettern. Und ja, das Geld aus dem Verkauf ist meine Absicherung. Jene Absicherung übrigens, die du und Lukas mir nie zurückgegeben habt, nachdem ihr euch vor fünf Jahren Geld fürs Auto von uns ausgeborgt habt.“

Am anderen Ende war es plötzlich mucksmäuschenstill. Über diese Schuld hat man in der Familie immer „feinfühlig“ geschwiegen, so, als wäre sie längst aus der Welt.

„Geh mir aus den Augen“, fauchte sie schließlich. „Ruf uns nie wieder an. Für uns bist du gestorben.“

„Einen guten Rutsch“, sagte ich und tippte auf den roten Kreis.

Danach öffnete ich den Kontakt „Theresa Schwägerin“, ging in die Einstellungen und wählte „Blockieren“. Gleich darauf wanderte auch Lukas’ Nummer auf die schwarze Liste.

Schlosswechsel

In der Wohnung breitete sich Stille aus. Nur die Uhr an der Wand tickte, und im Glas mit Mineralwasser zischten leise die Bläschen.

Ich blieb sitzen und wartete darauf, dass mich die Schuld überrollte. So hatte man es uns doch beigebracht, von Müttern, Großmüttern, Tanten: „Lieber selber untergehen, Hauptsache, man hilft den anderen.“ Und: „Familie ist heilig.“ Also horchte ich in mich hinein. Wo war sie, diese brennende Scham, weil ich die „armen Verwandten“ gekränkt hatte?

Da war nichts.

Stattdessen spürte ich etwas anderes. Etwas Seltsames, fast Vergessenes: Leichtigkeit.

Ich nahm noch einmal die Mappe mit den Unterlagen zur Hand. Der Kontoauszug lag obenauf. Eine Summe mit sechs Nullen. Das waren nicht bloß Zahlen auf Papier. Das war meine Freiheit.

Das war die Möglichkeit, nach Bad Gastein auf Kur zu fahren – nicht irgendwann im grauslichen November, weil gerade ein Platz frei geworden ist, sondern im Mai, wenn alles blüht. Mich in einer ordentlichen Klinik untersuchen zu lassen, ohne endlose Warteschlangen, ohne Bittgänge, ohne Zettelwirtschaft.

Vielleicht könnte ich mir sogar ein kleines Studio am Wasser kaufen. Am Neusiedler See, in Rust oder Podersdorf vielleicht. Ich habe solche Inserate schon lange angeschaut. Dort gibt es Schilf, Wind, breite Himmel und dieses kühle, weite Wasser, das die Nerven besser beruhigt als jedes Medikament.

Und das Wichtigste: Die Adresse dieser kleinen Wohnung würde niemand erfahren.

Das Handy gab einen kurzen Ton von sich. Ich zuckte zusammen, doch es war nur eine Nachricht von der Bank: „Zinsgutschrift zu Ihrer Einlage …“

Ich trat ans Fenster. Draußen fiel der Schnee weiter über Wien und deckte die Straßen mit einem sauberen, weißen Tuch zu.

Irgendwo da draußen, auf der Straße, wendete vermutlich gerade ein Auto in Richtung Hotel. Sie würden für ihre Erholung zahlen müssen. Zum ersten Mal seit vielen Jahren.

War ich hart gewesen? Vielleicht.

War es gerecht? Ja.

Manchmal muss man, um sich das eigene Leben zurückzuholen, einfach die Schlösser austauschen. Nicht nur an der Tür eines Hauses, sondern auch tief drinnen, in der eigenen Seele.

Ich machte mir heißen Tee mit Zitrone, schaltete die Lichterkette am Christbaum ein und lächelte meinem Spiegelbild in der dunklen Fensterscheibe aufrichtig zu.

Silvester würde still werden. Und es würde mir gehören.

Hedis Stube