„Meine Mutter hätte hier binnen einer Woche wieder Ordnung drin! Sie würde die Kinder ordentlich erziehen, nicht so wie du. Du hast sie ja völlig verzogen! Lukas liegt den ganzen Tag nur auf der Uni herum, und Sophie mit ihren Freundinnen …“
„Genug.“ Anna hob die Hand. „Es reicht. Wirklich.“
„Gar nichts reicht!“ Sebastian brüllte jetzt. „Morgen gehst du zur Bank! Hast du mich verstanden? Oder du packst deine Sachen und verschwindest!“
Die Tür zu Sophies Zimmer öffnete sich einen Spalt. Das blasse Gesicht des Mädchens tauchte auf, die Augen glänzten vor Tränen.
„Mama?“
„Alles ist gut, mein Schatz.“ Anna zwang sich im selben Moment zur Ruhe. „Geh wieder schlafen.“
„Nichts ist gut!“, schrie Sebastian. „Sophie, komm her! Du sollst ruhig wissen, was für eine Mutter du hast! Gierig ist sie, selbstsüchtig …“
„Halt sofort den Mund!“ Anna stellte sich zwischen ihn und die Kinderzimmertür. „Wag es ja nicht! Zieh die Kinder da nicht hinein!“
Sophie schluchzte auf und zog die Tür wieder zu. Gleich darauf dröhnte Musik aus ihrem Zimmer — sie hatte sie laut aufgedreht, um die Stimmen der Erwachsenen nicht mehr hören zu müssen.
Sebastian atmete schwer, als hätte er einen Sprint hinter sich. Anna stand ihm gegenüber und sah ihn an. Zum ersten Mal seit vielen Jahren erkannte sie, was hinter all den Rollen gesteckt hatte. Hinter der Fassade des liebevollen Ehemannes, hinter den schönen Worten, hinter dem gespielten Familienmenschen. Vor ihr stand ein egoistischer, berechnender Mann, der es gewohnt war, alles zu verlangen und nichts dafür zu geben.
„Dann hör mir jetzt gut zu“, sagte sie langsam und sprach jedes Wort so deutlich aus, als würde sie es in Stein meißeln. „Ich gehe nicht zur Bank. Ich nehme keinen Kredit auf. Und deiner Mutter kaufe ich ganz sicher kein Auto.“
„Dann lassen wir uns eben scheiden!“ In Sebastians Augen blitzte es gefährlich auf. „Und du wirst mit leeren Händen dastehen.“
„Das werden wir ja sehen.“ Anna drehte sich um, ging ins Schlafzimmer, holte eine Reisetasche hervor und begann, Kleidung hineinzulegen.
„Was soll das werden?“ Sebastian folgte ihr.
„Das, was ich schon vor langer Zeit hätte tun sollen. Ich gehe. Für ein paar Tage. Ich muss nachdenken.“
„Anna!“ In seiner Stimme lag plötzlich etwas Neues. Verunsicherung vielleicht. Oder Angst. „Das meinst du jetzt nicht ernst.“
„Doch. Vollkommen ernst.“
„Wohin willst du denn? Du hast doch niemanden.“
Anna zog den Reißverschluss der Tasche zu. Tatsächlich — wohin? Ihre Eltern waren längst tot, enge Freundinnen hatte sie kaum; für so etwas war nie Zeit gewesen, immer nur Arbeit, Haushalt, Kinder, Verpflichtungen. Aber in diesem Augenblick war das nebensächlich.
„Ich werde schon etwas finden. Ein Hotel tut es auch.“
„Wovon denn?“ Er verzog spöttisch den Mund. „Von deinem kleinen Taschengeld-Gehalt?“
„Von meinem Geld.“ Sie nahm Handy und Tasche an sich. „Von dem Geld, das ich ehrlich verdient habe.“
An der Tür blieb sie noch einmal stehen und sah ihn an.
„Und noch etwas, Sebastian. Die Wohnung gehört nicht nur dir. Siebzehn Jahre lang habe ich den Wohnkredit genauso mitbezahlt wie du. Für jede einzelne Überweisung gibt es Belege. Also versuch nicht, mir Angst zu machen. Und die Kinder wirst du mir auch nicht wegnehmen — du bist von früh bis spät in der Arbeit. Wer soll denn auf sie schauen? Deine Mutter?“
Dann ging sie hinaus. Durch das Stiegenhaus, zur Haustür, auf die Straße. Die kühle Stille der nächtlichen Stadt empfing sie. Anna blieb stehen und holte tief Luft.
Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte sie richtige Angst. Aber zugleich spürte sie auch Erleichterung. Eine so leichte, unerwartete Erleichterung, als hätte jemand einen riesigen Sack voller Steine von ihren Schultern genommen.
Das Scheidungsverfahren zog sich über drei Monate. Sebastian versuchte, die Wohnung für sich allein zu beanspruchen, und behauptete, er habe den Großteil bezahlt. Sogar seine Mutter brachte er als Zeugin mit. Sie weinte, beteuerte und schwor, Anna habe ja praktisch nie gearbeitet, sondern nur daheim gesessen und das Geld ihres Mannes ausgegeben.
Doch Annas Anwältin — eine ältere Frau mit stählernem Blick und einer Unnachgiebigkeit, die keinen Widerspruch duldete — legte der Richterin einen ganzen Stapel Unterlagen vor. Sie hatte ihn aus mehreren Mappen gezogen: Kontoauszüge aus siebzehn Jahren. Jede einzelne Kreditrate für die Wohnung, im Verhältnis fünfzig zu fünfzig bezahlt. Die Betriebskosten und Rechnungen für Strom, Heizung und Wasser — alles von Anna überwiesen. Dazu Belege für Kleidung der Kinder, Lebensmittel, Medikamente, Schulsachen. Alles hatte sie getragen. Selbst jener unglückselige Anzug um dreihundert Euro, in dem Sebastian in der Arbeit so wichtig getan hatte, war von ihrer Karte bezahlt worden.
„Hohes Gericht“, sagte die Anwältin ruhig, aber mit einer Schwere in der Stimme, die den ganzen Saal füllte, „vor Ihnen steht keine Frau, die sich von ihrem Mann erhalten hat. Vor Ihnen steht eine Frau, die diese Familie im selben Ausmaß wie ihr Ehemann finanziert, die Kinder großgezogen und zugleich jahrelang unter massivem seelischem Druck gelebt hat. Die vorliegenden Dokumente zeigen eindeutig: Sie hat Anspruch auf die Hälfte des gemeinsam erworbenen Vermögens.“
Der Richter, ein älterer Mann mit grauen Augenbrauen, studierte die Papiere lange. Dann hob er den Blick über den Rand seiner Brille und sah Sebastian an.
„Haben Sie dazu Einwände? Irgendwelche, die Sie mit Unterlagen belegen können?“
Sebastian schwieg. Neben ihm saß seine Mutter, die Lippen zu einem dünnen Strich zusammengepresst.
Die Entscheidung fiel klar aus: Die Wohnung wurde beiden zu gleichen Teilen zugesprochen. Sebastian musste entweder Annas Anteil auszahlen, oder die Wohnung würde verkauft.
