Der Erlös würde danach schlicht halbiert werden.
Auszahlen konnte Sebastian sie nicht. Sehr rasch ist sichtbar geworden, dass von seinem angeblich so beeindruckenden Gehalt in Wahrheit kaum etwas übrig war. Das Geld war in Restaurants versickert, im Auto, in den endlosen Ansprüchen seiner Mutter und seiner Schwester.
„Dann verkaufen wir eben“, sagte Anna ruhig, aber so bestimmt, dass kein Widerspruch mehr Platz hatte.
Sebastian starrte sie an, als hätte er sie am liebsten mit diesem Blick verbrannt.
„Du warst immer schon eine Schlange. Du hast es nur gut versteckt.“
Anna lächelte ihn zum ersten Mal seit der Trennung an.
„Nein“, sagte sie leise. „Ich bin nur nicht mehr bequem.“
Die Wohnung ist schließlich zu einem ordentlichen Preis weggegangen. Anna kaufte sich in derselben Gegend eine kleinere Dreizimmerwohnung — für sich und Sophie. Lukas studierte inzwischen, wohnte im Studentenheim, wusste aber: Daheim stand ihm die Tür jederzeit offen. Es blieb sogar noch genug Geld übrig, um zu renovieren und ein bisschen auf die Seite zu legen.
Nach der Scheidung verschwand Sebastian fast völlig aus ihrem Alltag. Eine Woche später rief er an, die Stimme gereizt und hart.
„Ich gehe nach Tirol. In ein abgelegenes Tal. Hab dort eine Stelle gefunden, doppeltes Gehalt. Ich bleibe dort.“
„In Ordnung“, antwortete Anna. „Alles Gute.“
„Und die Kinder …“
„Die Kinder bleiben bei mir. Du kannst sie besuchen. Wenn du möchtest.“
Er wollte nicht. Drei Tage später war er weg. Eine weitere Woche danach reisten auch seine Mutter und Katharina mit dem neugeborenen Kind hinterher. Kurz vor der Abfahrt rief die Schwiegermutter noch einmal bei Anna an.
„Du hast unsere Familie kaputtgemacht! Deinetwegen muss mein Sohn jetzt ans Ende der Welt!“
„Meinetwegen?“ Anna konnte sich ein kurzes Lächeln nicht verkneifen. „Seine Familie hat er wegen euch verloren. Ihr habt ihn doch zu dem gemacht, was er ist: fordernd, bequem, selbstsüchtig. Also fahrt ruhig zu ihm. Lebt von seinem großartigen Gehalt. Nur weißt du, was daran interessant ist?“
„Was?“, zischte die Frau.
„Dass das Leben dort oben richtig teuer ist. Sehr teuer. Die Betriebskosten sind viel höher, Lebensmittel kosten ein Vermögen, sicher deutlich mehr als in Wien. Und im Winter ist es monatelang finster, kalt und fad. Viel Glück.“
Sie legte auf. Danach nahm sie nie wieder einen Anruf dieser Frau entgegen.
Ein halbes Jahr verging.
Anna stand am Fenster ihrer neuen Wohnung und trank ihren Morgenkaffee. Draußen war Frühling — hell, laut, lebendig, mit dem Duft von Flieder in der Luft. Sophie machte sich summend für die Schule fertig. Lukas war am Vorabend fürs Wochenende heimgekommen und hatte seine Freundin mitgebracht, eine Studentin mit einem freundlichen Gesicht und einem klugen, wachen Blick.
„Mama, das ist Julia.“
Anna sah, wie ihr Sohn dieses Mädchen anschaute: mit Achtung. Mit Zärtlichkeit. Ohne Überlegenheit, ohne Besitzdenken. Vielleicht, dachte sie, hatte sie ihm doch etwas Richtiges mitgegeben.
Im Salon lief es gut. Anna nahm sogar zwei Schülerinnen auf, junge Frauen von der Fachschule, die Maniküre lernen wollten. Abends blieb sie länger, erklärte geduldig jeden Handgriff, korrigierte, ermutigte. Sie zeigte ihnen nicht nur einen Beruf. Sie gab ihnen auch etwas anderes mit: den Glauben daran, dass man von der eigenen Arbeit leben kann. Dass man nicht von jemandem abhängig sein muss. Dass es möglich ist.
Am Tag davor war etwas Merkwürdiges passiert. Anna war in eine Buchhandlung hineingegangen, ohne Plan, einfach nur, um ein bisschen zu stöbern. Schon lange hatte sie sich kein Buch mehr gekauft; immer war etwas anderes wichtiger gewesen. Dann fiel ihr ein Gedichtband in die Hände. Sie schlug ihn irgendwo in der Mitte auf und las:
„Ich dachte, das nennt man Leben. Dabei hieß es nur: Aushalten.“
Mitten im Geschäft blieb sie stehen und begann zu weinen. Leise, fast unsichtbar, damit niemand etwas bemerkte. Denn diese Zeilen handelten von ihr. Von allem, was sie so viele Jahre für normal gehalten hatte.
Sie kaufte das Buch. Zu Hause legte sie es auf ihr Nachtkästchen.
Am Abend fragte Sophie plötzlich:
„Mama, bist du glücklich?“
Anna dachte nach. Glücklich? Sie hatte keinen Mann mehr. Aber auch niemanden, der sie jeden Tag kleinmachte. Ihre Wohnung war bescheiden. Doch sie durfte sie so einrichten, wie sie wollte: Bilder an die Wand hängen, die ihr gefielen, die Farben aussuchen, die ihr guttaten, Gäste einladen oder die Tür einfach geschlossen halten. Ein teures Auto besaß sie nicht. Dafür hatte sie die Freiheit, morgens aufzuwachen und zu wissen: Dieser Tag gehört mir.
„Weißt du, mein Schatz“, sagte sie und zog Sophie an sich, „ich weiß nicht, ob ich schon glücklich bin. Aber eines weiß ich ganz sicher: Ich lebe endlich. Wirklich.“
Sophie schmiegte sich fester an sie.
In diesem Moment kam eine Nachricht von Sebastian. Die erste seit einem halben Jahr.
„Anna, ich habe mich geirrt. Können wir reden?“
Anna sah auf das Display. Dann löschte sie die Nachricht, ohne zu antworten.
Ein warmer Luftzug kam durchs offene Fenster herein und bewegte den Vorhang. Unten spielten Kinder, irgendwo lachte jemand. Das Leben rauschte weiter, hell und unaufhaltsam, und zog sie mit sich.
Und Anna dachte: Wie gut, dass sie endlich gelernt hatte, Nein zu sagen. Dieses winzige Wort hatte ihr eine ganze Welt geöffnet. Eine Welt, in der man frei atmen konnte.
Sie trank den letzten Schluck Kaffee und lächelte. Einfach so. Nicht aus Gewohnheit, nicht aus Höflichkeit, sondern weil es sich gut anfühlte.
Und genau das war ein echtes Wunder.
