„Unterschreiben Sie bitte hier, Frau Anna Andrejewna, dann wird das Haus endgültig auf Ihre Schwiegermutter übertragen“, sagte der Jurist und schob ihr den Kugelschreiber über den Tisch, ohne sie auch nur richtig anzuschauen.
Anna erstarrte. In dem Büro war die Luft stickig; es roch nach Kaffee und nach heiß gewordenem Plastik vom alten Heizstrahler in der Ecke. Draußen fiel nasser Schnee, der erste in diesem Dezember. In ihr drinnen aber war es, als wäre eine Saite gerissen, die bisher die ganze Welt zusammengehalten hatte.
Theresa Viktorowna saß neben ihr, die Hände brav im Schoß gefaltet, und starrte mit einem Ausdruck stillen Leidens gegen die Wand. In sieben Jahren Ehe hatte Anna diese Miene bis zur kleinsten Falte kennengelernt. So sah ihre Schwiegermutter immer aus, wenn sie gerade bekam, was sie wollte: leise, kummervoll, eine Frau, die sich angeblich für die Familie aufopferte.
„Moment bitte“, sagte Anna und schob den Stift zurück. „Von welchem Haus reden Sie? Das ist das Haus meiner Großmutter draußen am Stadtrand. Was hat meine Schwiegermutter damit zu tun?“
„Anna, Liebling, jetzt fang doch nicht schon wieder damit an“, seufzte Theresa Viktorowna, drehte sich zu ihr und ließ ihre Stimme weich und zäh dahinfließen wie Honig, der zu lange in der Sonne gestanden war. „Wir haben das doch gestern alles besprochen. Konstantin hat es dir erklärt.“

Konstantin. Ihr Mann. Ihr Konstantin, der heute in der Früh auf einmal „auf der Baustelle hängen geblieben“ war und deshalb nicht mitkommen konnte. Derselbe Konstantin, der den ganzen gestrigen Abend ins Handy gestarrt und ihr nur einsilbig geantwortet hatte.
Annas Finger wurden eiskalt.
„Nein“, sagte sie leise. „Wir haben gar nichts besprochen. Konstantin hat gesagt, es müssten Unterlagen wegen Omas Grundstück erledigt werden. Irgendetwas mit Vermessung. Ich bin hergekommen, um zu helfen.“
Der Jurist räusperte sich und blickte mit schlecht verborgener Verlegenheit von der einen Frau zur anderen. Theresa Viktorowna zog bereits ein weißes Taschentuch aus ihrer Handtasche, offenbar bereit, sich vollkommen trockene Augen abzutupfen.
„Mein Kind“, begann sie, „warum musst du immer so sein? Ich meine es doch nur gut mit euch. Ihr seid jung, ihr kennt euch bei solchen Dingen nicht aus. Ich habe ein Leben hinter mir, ich weiß, wie man so etwas ordentlich regelt. Es wäre besser, das Haus auf mich zu überschreiben. Dann ist alles sicherer. Schulden, Erben, man weiß ja nie, was kommt …“
„Was heißt hier: man weiß nie, was kommt?“, fragte Anna. Sie bemühte sich, ruhig zu sprechen, doch ihre Stimme bebte trotzdem.
Die Schwiegermutter atmete vorwurfsvoll aus.
„Immer dasselbe. Ich komme ihr mit Güte entgegen, und sie fährt sofort die Stacheln aus. Eine typische Schwiegertochter. Undankbar.“
Das Wort fiel auf den Tisch wie ein Stein. Undankbar. Anna hatte es sieben Jahre lang gehört, in hundert verschiedenen Formen. Ungeschickt. Nicht wirklich zur Familie gehörig. Unzuverlässig. Theresa Viktorowna sprach solche Worte immer mit diesem leichten Seufzen aus, als würde sie eine unerträgliche Last tragen, während niemand, wirklich niemand, ihre Opfer zu schätzen wusste.
Langsam stand Anna auf. Dann nahm sie die Papiere und legte sie zurück in die Mappe des Juristen.
„Ich werde heute gar nichts unterschreiben.“
„Anna!“, fuhr die Schwiegermutter hoch. „Was führst du dich denn vor fremden Leuten so auf?“
„Ich fahre nach Hause. Und ich werde mit meinem Mann reden.“
Draußen schlug ihr Wind entgegen, vermischt mit nassem Schnee. Anna ging zur Haltestelle, und in ihr zitterte alles — nicht vor Kälte. Sondern weil sie es endlich begriffen hatte. Konstantin hatte Bescheid gewusst. Er hatte es gewusst und sie allein hingeschickt, weil ihm der Mut gefehlt hatte, ihr dabei ins Gesicht zu schauen.
Dieses Haus hatte Anna von ihrer Großmutter Elisabeth geerbt. Es war klein, alt, mit einer knarrenden Veranda und einem Apfelgarten, den die Großmutter eigenhändig angelegt hatte. Dort hatte Anna ihre ganze Kindheit verbracht. Auf der Veranda stand noch immer der runde Tisch, an dem Elisabeth Tee ausgeschenkt und gesagt hatte: „Anna, merk dir eines: Was dir gehört, gibst du nicht her. Das Eigene muss man schützen.“ An den Wänden hingen noch immer die bestickten Tücher ihrer Großmutter.
Elisabeth war nun schon seit vier Jahren nicht mehr da. Und ihren Garten konnte nur Anna selbst verteidigen.
Zu Hause saß Konstantin in der Küche, rührte mit dem Löffel in einem längst ausgekühlten Häferl Tee und scrollte durch sein Handy. Viel zu ruhig für jemanden, der angeblich auf der Baustelle festgesteckt hatte.
„Du bist schon wieder da?“, fragte er, hob den Blick und versuchte zu lächeln. „Na, hat alles geklappt mit den Unterlagen?“
Anna stellte ihre Tasche auf den Hocker.
„Du hast es gewusst.“
Das Lächeln rutschte ihm aus dem Gesicht wie Farbe im Regen.
„Anna, bitte, fangen wir jetzt nicht an …“
„Du hast gewusst, dass deine Mutter das Haus meiner Großmutter auf sich überschreiben lassen will. Du hast es gewusst — und mich allein dorthin geschickt. Damit du nicht im Weg stehst, oder?“
Konstantin seufzte, mit jenem besonderen Männerseufzer, mit dem Männer einer Frau zu verstehen geben wollen, dass sie die wirklich ernsten Dinge angeblich nicht begreift.
„Mama macht sich einfach Sorgen. Wir haben den Kredit für die Wohnung, es ist gerade eine schwierige Zeit. Und wenn es um das Haus geht, soll alles angeblich nur sicherer werden.“
