„Falls was genau?“, unterbrach Anna ihn scharf. „Der Kredit läuft auf die Wohnung. Was hat bitte das Haus meiner Großmutter damit zu tun?“
Konstantin stockte. Sein Blick rutschte zur Seite, als wäre plötzlich die Tischkante ungeheuer interessant.
„Na ja … wenn es halt eng wird“, murmelte er.
Anna trat einen Schritt näher zu ihm hin.
„Konstantin. Hör auf herumzureden. Welche Schwierigkeiten meinst du?“
Eine ganze Weile sagte er nichts. Er drehte nur den Löffel zwischen den Fingern, hin und her, als könnte er darin eine bessere Antwort finden. Schließlich presste er hervor:
„Ich habe noch einen Kredit aufgenommen. Einen kleinen nur. Für Mama. Sie hat Geld gebraucht, wegen ihrem Rücken, für eine Kur, Behandlungen und so weiter. Sie hat mich darum gebeten, und ich hab nicht Nein sagen können. Und im Gespräch mit ihr … na ja, da hab ich irgendwie zugesagt, dass das Haus als Sicherheit dienen könnte.“
Anna sank auf den Stuhl. Nicht dramatisch, nicht theatralisch — sie setzte sich einfach, weil ihre Knie auf einmal nachgegeben haben.
„Du hast das Haus meiner Großmutter einem fremden Menschen versprochen.“
„Sie ist kein fremder Mensch“, sagte er sofort. „Sie ist meine Mutter.“
Anna hob langsam den Kopf.
„Und ich? Wer bin ich für dich, Konstantin?“
Er schwieg.
„Wer bin ich?“, fragte sie noch einmal, diesmal lauter. „Deine Frau? Oder bloß jemand, der halt zufällig danebensteht? Dieses Haus hat mir meine Großmutter hinterlassen. Nicht dir. Nicht deiner Mutter. Mir. Und du wolltest darüber verfügen, ohne mich überhaupt zu fragen.“
„Anna, wir sind doch eine Familie. Bei uns gehört alles zusammen.“
„Zusammen“, wiederholte sie und lachte kurz auf, bitter und trocken. „Zusammen ist es also immer dann, wenn man mir etwas wegnehmen will. Aber wenn deine Mutter seit sieben Jahren auf mir herumtrampelt, dann heißt es: ‚Sie ist halt so, halt es aus.‘“
Sie stand auf und verließ die Küche. Die Tür zog sie leise hinter sich zu. Im Schlafzimmer setzte sie sich auf die Bettkante und starrte lange reglos vor sich hin.
Bei Tante Claudia roch es nach warmer Milch und frisch herausgebackenen Palatschinken. Ihre kleine Wohnung im Erdgeschoß eines alten Wohnhauses war derselbe Ort geblieben, an den Anna schon als Schulkind nach dem Unterricht gelaufen war. Hier war alles geradeheraus. Einfach. Ehrlich. Keine versteckten Spitzen, keine doppelten Böden in jedem Satz.
„So“, sagte Tante Claudia und schob Anna an den Küchentisch. Dann stellte sie einen Teller mit Palatschinken vor sie hin und goss Tee ein. „Jetzt erzählst mir alles.“
Und Anna erzählte. Von Anfang an.
Wie sie Konstantin vor sieben Jahren geheiratet hatte — verliebt, voller Hoffnung, glücklich. Wie seine Mutter schon am ersten Tag begonnen hatte, sich unter dem Wort „Hilfe“ überall einzumischen. Wie aus dieser angeblichen Hilfe nach und nach Kontrolle geworden war. Wie Theresa in Annas Kasten herumgewühlt hatte, weil sie „Ordnung machen“ wollte. Wie sie ihr erklärt hatte, wie man Borschtsch zu kochen habe, denn „mein Konstantin ist es von mir so gewohnt“. Wie die kleine Verena zur Welt gekommen war und Theresa sofort verkündet hatte, sie werde das Kind schon richtig erziehen, weil die Mutter ja offensichtlich keine Ahnung habe. Und wie Konstantin kein einziges Mal — wirklich kein einziges Mal — auf Annas Seite gestanden war. Immer hatte er eine Entschuldigung für seine Mutter parat gehabt. „Sie ist doch schon älter.“ „Sie meint es ja nur gut.“ „Stell dich nicht so an, ist das wirklich so schwer?“
Anna erzählte auch, wie sie nachts geweint hatte, das Gesicht zur Wand gedreht, damit ihr Mann nichts hörte.
Und schließlich kam sie auf den heutigen Tag zu sprechen. Auf den Juristen. Auf das Haus.
Tante Claudia hörte schweigend zu, die Lippen fest zusammengepresst. Dann erhob sie sich, ging zum alten Geschirrschrank und kramte eine abgewetzte Mappe aus Kunstleder hervor.
„Anna“, sagte sie leise. „Deine Großmutter Elisabeth hat mir das gegeben, als sie schon gemerkt hat, dass ihre Kräfte weniger werden. Sie hat gesagt: Heb es auf, bis es gebraucht wird.“
„Was ist das?“
„Mach auf.“
Mit zitternden Händen schlug Anna die Mappe auf. Darin lagen Kopien sämtlicher Unterlagen zum Haus. Obendrauf aber befand sich ein einzelnes Blatt, stärkeres Papier, mit Notariatsstempel.
„Deine Großmutter war bei weitem nicht so harmlos, wie manche geglaubt haben“, sagte Tante Claudia und setzte sich ihr gegenüber. „Sie hat deinen Konstantin sofort durchschaut. Schon bei der Hochzeit hat sie zu mir gesagt: ‚Claudia, merk dir das: Dieser Mann wird seine Mutter immer über seine Frau stellen.‘ Darum hat sie das Haus nicht einfach nur vererbt. Sie hat es dir geschenkt. Mit einer Bedingung.“
Anna las. Mit jeder Zeile wurden ihre Augen größer.
Schwarz auf weiß stand dort: Das Haus werde Anna als Schenkung übertragen, allerdings mit einer Auflage. Bei jedem Versuch, die Liegenschaft innerhalb von fünfundzwanzig Jahren zu verkaufen, zu verschenken oder zu verpfänden, werde die Schenkung rückgängig gemacht. In diesem Fall gehe das Eigentum auf die zweite begünstigte Person über — Claudia. Mit dem Recht, es Anna später unentgeltlich zurückzugeben, sobald Claudia es für richtig halte.
„Das heißt …“, begann Anna und sah auf.
„Das heißt“, sagte Tante Claudia ruhig, „wenn dich jemand zwingt, das Haus zu verkaufen oder umzuschreiben, landet es im selben Moment bei mir. Und ich gebe es dir wieder, sobald der Sturm vorbei ist. Elisabeth hat an alles gedacht, Anna. Sie schützt dich sogar jetzt noch. Verzeih, dass ich dir nichts gesagt habe. Ich hab gehofft, es würde nicht so weit kommen. Dass dein Konstantin doch noch zur Vernunft kommt. Aber das ist er nicht.“
Anna ließ den Kopf an die Schulter ihrer Tante sinken und begann zu weinen. Nicht aus Verzweiflung, sondern aus jener warmen, rettenden Erleichterung, die einen überkommt, wenn man begreift, dass man nicht allein ist und dass selbst jetzt noch jemand hinter einem steht.
