— Meine Wochenenden gehören mir, und da mache ich, was ich will! Mir ist gleich, was ihr braucht oder was ihr von mir denkt! — schnitt die Schwiegertochter ihrer Schwiegermutter das Wort ab.
Theresa schlug die Augen auf und kniff sie gleich wieder zusammen, weil grelles Sonnenlicht durch die halb zugezogenen Vorhänge hereinfiel. Ihr erster Gedanke war warm und beinahe kindlich glücklich: Samstag.
Endlich das erste freie Wochenende seit drei Wochen. Kein Besuch, keine Verpflichtung, keine Fahrt irgendwohin, kein dringender Termin. Sie streckte sich genüsslich im Bett aus und kostete die weiche Decke und die seltene Stille in der Wohnung aus.
Neben ihr atmete Lukas tief und gleichmäßig, das Gesicht halb ins Polster gedrückt. Sein dunkles Haar stand wirr in alle Richtungen ab, und auf seinen Zügen lag eine Ruhe, die Theresa schon lange nicht mehr bei ihm gesehen hatte.
In den vergangenen Monaten hatten sie beide am Limit gearbeitet. Bei Theresa in der Werbeagentur, wo sie als Art-Direktorin tätig war, hatte sich ein Auftrag an den nächsten gereiht. Lukas wiederum war in seiner IT-Firma von Projekten regelrecht überrollt worden. Abends waren sie spät heimgekommen, hatten wortlos irgendetwas gegessen und waren danach nur noch ins Bett gefallen, wo sie sofort eingeschlafen sind.

Vorsichtig schlüpfte Theresa unter der Decke hervor, um ihren Mann nicht zu wecken, und ging in die Küche. Draußen trommelte Regen gegen die Scheiben. Genau das richtige Wetter, um daheim zu bleiben, sich in eine Decke einzuwickeln und überhaupt nichts zu tun. In Gedanken malte sie sich bereits einen herrlich faulen Vormittag aus: Kaffee, frische Croissants von der Bäckerei ums Eck, vielleicht ein Film oder ein Buch.
Das schrille Läuten des Telefons zerriss diese Pläne so brutal, als hätte ein Blitz einen Baum gespalten.
— Hallo? — meldete sich Theresa mit verschlafener Stimme und warf einen Blick aufs Display. Dort stand ein vertrauter Name: „Hedwig“.
— Theresilein, meine Liebe, bist du schon wach? — Hedwigs muntere Stimme klang, als wäre sie seit fünf Uhr früh auf den Beinen und hätte bereits die Hälfte ihres Tagespensums erledigt.
— Guten Morgen, Hedwig — antwortete Theresa und bemühte sich, möglichst höflich zu klingen.
— Hör einmal, ich hab mir gedacht … Heute ist doch ein guter Tag, auch wenn es ein bisserl regnet. Genau richtig, um hinaus zum Wochenendhaus zu fahren! Die Erdäpfel gehören gesetzt, die Beete müssen vorbereitet werden. Wann kommt ihr zwei denn? Seid ihr bis zum Mittagessen da?
In Theresa knackte innerlich etwas. Leise zog sie die Schlafzimmertür zu, damit Lukas nicht munter wurde.
— Hedwig, Lukas und ich haben eigentlich vorgehabt, daheim zu bleiben. Wir sind wirklich sehr müde und brauchen Erholung …
— Erholung? — In Hedwigs Stimme blitzte plötzlich ein harter, metallischer Ton auf. — Arbeiten an der frischen Luft ist keine Erholung? Ihr verkümmert doch in euren kleinen Büros! Ihr müsstet hinaus in die Erde, mit den Händen arbeiten, dann hättet ihr auch wieder Gesundheit und gute Laune!
Theresa atmete tief durch. Dieses Thema kam immer wieder auf den Tisch. Hedwig, die ihr ganzes Berufsleben zuerst als Lehrerin und später als stellvertretende Direktorin verbracht hatte, konnte schlicht nicht begreifen, wie man Gartenarbeit nicht lieben konnte. Für sie war der Garten nicht bloß ein Hobby, sondern beinahe der Sinn des Lebens.
— Wir verstehen ja, dass Sie gern im Garten arbeiten — sagte Theresa kontrolliert. — Aber wir haben ehrlich gesagt, dass wir dabei nicht helfen werden. Für dieses Wochenende haben wir andere Pläne.
— Was denn für Pläne? — fiel Hedwig ihr ins Wort. — Auf dem Sofa herumliegen? In eurem Alter hab ich von der Früh bis in die Nacht gearbeitet und mich nicht beklagt! Weißt du überhaupt, was Erdäpfel im Geschäft kosten? Und wie viel Chemie da drinnen ist? Nein, nein, die eigenen sind besser. Sauber, gesund, daheim gezogen.
Theresa biss sich auf die Lippe. Dieses Gespräch wiederholte sich jedes Jahr aufs Neue. Ihre Schwiegermutter bestand stur darauf, den Gemüsegarten weiterzubewirtschaften, obwohl die Ernte höchstens ein paar Monate reichte und der Rest ohnehin im Supermarkt gekauft werden musste. Aber ihr das zu erklären, war völlig zwecklos.
— Hedwig, wir reden mit Lukas darüber, sobald er aufgewacht ist …
— Was gibt es da groß zu reden? — Ihre Stimme wurde schärfer. — Ein Sohn hat seiner Mutter zu helfen! Das ist eine heilige Pflicht! Und du solltest ihn als Ehefrau unterstützen, statt ihn zu verderben!
Das letzte Wort traf Theresa wie ein Stich. Sie spürte, wie ihr die Wut heiß in der Brust aufstieg.
— Ich verderbe niemanden. Wir möchten uns nur ausruhen.
— Ausruhen! — Hedwig schnaubte verächtlich. — Zu meiner Zeit haben die Leute noch gewusst, was Arbeit bedeutet und was Respekt vor den Älteren heißt. Ihr denkt ja nur noch an euch selbst!
In diesem Moment kam Lukas verschlafen aus dem Schlafzimmer, in einer bequemen Haushose und einem ausgeleierten T-Shirt. Als er Theresa mit dem Telefon in der Hand und dem angespannten Gesichtsausdruck sah, schüttelte er nur verständnisvoll den Kopf.
— Mama? — fragte er leise.
Theresa nickte und reichte ihm das Handy.
— Guten Morgen, Mama — sagte Lukas und stellte auf Lautsprecher.
— Mein Lukas! Ich hab geglaubt, ihr seid schon beim Fertigmachen! Draußen beim Haus ist so viel zu tun, allein schaff ich das alles nicht!
Lukas rieb sich über die Nasenwurzel, eine Geste, die Theresa längst als Zeichen wachsender Gereiztheit kannte.
— Mama, darüber haben wir schon oft gesprochen. Wir werden im Garten nicht mithelfen. Wir haben auch unser eigenes Leben und unsere eigenen Pläne.
— Was denn für Pläne? — Hedwigs Stimme klang nun gekränkt. — Was kann wichtiger sein, als der eigenen Mutter unter die Arme zu greifen?
— Mama, hör mir bitte zu … — Lukas setzte sich an den Küchentisch und legte erschöpft den Kopf auf seinen Arm. — Wir arbeiten jeden Tag zwölf Stunden. Im letzten Monat hab ich sogar an den Wochenenden gearbeitet. Theresa ist ebenfalls völlig ausgelaugt.
