„Meine Wochenenden gehören mir, und da mache ich, was ich will!“ — schnitt die Schwiegertochter ihrer Schwiegermutter das Wort ab

Dieses kostbare Glück ist unfair bedroht.
Geschichten

Wir müssen einfach einmal daheim bleiben, ausschlafen, wieder zu Kräften kommen …

— Ausschlafen wollt ihr euch! — empörte sich Hedwig sofort. — Und wer hilft mir dann? Ich bin zweiundsiebzig und schleppe die schweren Erdsäcke ganz allein herum!

— Mama, warum schleppst du diese Säcke überhaupt? — In Lukas’ Stimme lag nur noch Müdigkeit. — Wozu brauchst du diesen Garten in dem Ausmaß? Du kannst doch jedes Gemüse im Geschäft kaufen.

— Im Geschäft! — Hedwig schnaubte verächtlich. — Dort ist doch alles voll mit Chemie! Das Eigene ist das Eigene. Sauber, ohne Gift, aus der eigenen Erde! Außerdem ist die Erde das Leben. Ein Mensch muss eine Verbindung zum Boden haben und nicht nur den ganzen Tag vor dem Computer hocken!

Theresa setzte sich neben ihren Mann und legte ihre Hand auf seine. Sie sah ihm an, wie sehr er sich zusammenriss, wie er mit aller Kraft versuchte, ruhig zu bleiben.

— Mama, — begann Lukas so beherrscht, wie es ihm möglich war, — wir respektieren, dass dir dein Garten wichtig ist. Wirklich. Aber es ist dein Hobby. Nicht mehr und nicht weniger. Wir haben dich nie darum gebeten, Beete anzulegen, und wir haben dir auch von Anfang an gesagt, dass wir dabei nicht mitarbeiten werden. Bitte nimm dir jemanden zur Hilfe oder frag einen Nachbarn …

— Jemanden zur Hilfe! — kreischte Hedwig auf. — Fremde Leute soll ich in meinen Garten lassen! Während mein eigener Sohn keinen Finger rührt! So weit ist es also gekommen! Mein ganzes Leben hab ich mich für euch abgerackert, und jetzt könnt ihr nicht einmal einen einzigen Tag für eure Mutter opfern!

— Mama, du hast dich nicht für uns abgerackert! — Lukas’ Ton wurde härter. — Wir sind erwachsene, selbständige Menschen. Wir haben unsere eigene Familie und unser eigenes Leben …

— Eigene Familie! — fiel ihm seine Mutter ins Wort. — Und was bin dann ich? Eine Fremde? Ich hab dich geboren, großgezogen, dir eine Ausbildung ermöglicht! Und jetzt ist irgendein junges Gansl wichtiger als deine Mutter! …

Theresa spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss. „Irgendein junges Gansl“ — sie waren seit fünf Jahren verheiratet, und trotzdem betrachtete ihre Schwiegermutter sie noch immer wie eine vorübergehende Verirrung im Leben ihres Sohnes.

— Mama, wag es nicht, so über Theresa zu reden! — fuhr Lukas auf.

— Was hab ich denn gesagt? — Hedwig tat, als verstünde sie die Aufregung nicht. — Ich hab nur festgestellt, wie es ist. Früher hast du immer geholfen, und jetzt verbietet es dir deine Frau!

— Meine Frau verbietet mir gar nichts! — Lukas stand auf und begann, in der Küche auf und ab zu gehen. — Das ist unsere gemeinsame Entscheidung. Wir wollen unsere Wochenenden nicht im Gemüsebeet verbringen!

— Verbringen! — Hedwig schniefte beleidigt. — So nennst du es also, wenn man seiner Mutter hilft? Zeit verschwenden! Für wen mühe ich mich denn ab? Für euch! Damit etwas Ordentliches am Tisch steht und nicht irgendein Gift aus dem Supermarkt!

Theresa bemerkte, wie sich Lukas’ Kiefer anspannte. Sie wusste: Viel fehlte nicht mehr, dann würde ihm endgültig der Geduldsfaden reißen. Hedwig hatte eine beinahe chirurgische Genauigkeit, wenn es darum ging, wunde Punkte zu treffen.

— Hedwig, — sagte Theresa leise, — vielleicht könnten wir einen Kompromiss finden. Wir helfen Ihnen, jemanden zu suchen, und wir bezahlen die Arbeit auch …

— Euer Geld brauch ich nicht! — schnitt ihr die Schwiegermutter das Wort ab. — Ich brauche den Rückhalt meiner Familie! Ich will, dass mein Sohn nicht vergisst, wer ihn großgezogen hat!

— Aber das vergisst er doch nicht! — platzte es aus Theresa heraus. — Wir helfen Ihnen beim Einkaufen, wir fahren Sie zu Ärzten, wir haben bei der Renovierung der Wohnung mitgezahlt! Aber der Garten — der war Ihre Entscheidung, nicht unsere!

— Meine Entscheidung! — Hedwigs Stimme bebte vor Entrüstung. — Mein ganzes Leben hab ich für die Familie gelebt! Mein ganzes Leben! Und jetzt behauptet ihr, das sei bloß meine Entscheidung! Undankbar seid ihr!

Lukas blieb mitten in der Küche stehen und atmete tief durch.

— Mama, genug jetzt, — sagte er erschöpft. — Schluss mit dieser emotionalen Erpressung. Wir fahren heute nicht in den Garten. Morgen auch nicht. Wir haben ein Recht darauf, uns auszurasten.

— Ein Recht auf Erholung! — Hedwig brach in ein bitteres Lachen aus. — Und eine Mutter hat kein Recht auf Unterstützung durch ihre Kinder? Eine Mutter hat wohl nur Pflichten, sonst nichts!

— Eine Mutter hat das Recht zu bitten, — erwiderte Lukas fest. — Und Kinder haben das Recht, Nein zu sagen.

— Nein zur eigenen Mutter! — Hedwig spielte die Gekränkte fast wie auf einer Bühne, obwohl ihr Publikum nur aus ihrem Sohn und ihrer Schwiegertochter bestand. — Wie könnt ihr nur! Ich bitte ja nicht um einen Pelzmantel und auch nicht um einen Urlaub. Ich bitte um Hilfe! Um etwas Heiliges!

Theresa merkte, wie in ihr der Zorn hochkochte. Seit fünf Jahren ertrug sie diese Spielchen. Seit fünf Jahren hörte sie Vorwürfe über Faulheit, Undankbarkeit und Egoismus. Seit fünf Jahren schluckte sie ihre Antworten hinunter, weil Lukas sie immer wieder gebeten hatte, keinen Streit mit seiner Mutter anzufangen.

— Hedwig, — sagte sie und zwang sich, ruhig zu bleiben, — wir sind nicht faul. Wir arbeiten von früh bis spät. Wir dürfen unser Wochenende daheim verbringen, ohne uns dafür rechtfertigen zu müssen.

— Dürfen, Rechte, immer nur Rechte! — Hedwig schrie nun beinahe. — Und was ist mit den Pflichten? Mit den Pflichten gegenüber der Familie, gegenüber den Älteren! Ich hab euch gefüttert, als ihr kein Geld hattet! Ich hab gekocht und euch versorgt, als ihr geheiratet habt! Und jetzt könnt ihr mir nicht einmal helfen, ein paar Gurken zu setzen!

— Wir haben Sie nicht darum gebeten! — Theresa sprang auf. — Wir haben gesagt, dass wir allein zurechtkommen!

— Nicht gebeten! — Hedwig lachte schrill auf. — Meine Kuchen habt ihr gegessen, meine Suppen habt ihr gegessen, und jetzt heißt es plötzlich, ihr hättet um nichts gebeten! Undankbare Menschen seid ihr!

Lukas richtete sich auf und nahm seiner Frau das Telefon aus der Hand.

— Mama, hör auf, — sagte er mit schneidender Härte. — Hör sofort auf. Du hast kein Recht, so mit Theresa zu sprechen.

Hedis Stube