— Kein Recht? — kreischte Hedwig. — Du bist mein Sohn! Und wenn diese … deine Frau nicht begreifen will, dass man die Familie achtet, dann braucht sie hier überhaupt nicht mehr aufzutauchen!
— Gut, — sagte Lukas eisig. — Dann kommen wir nicht. Servus, Mama.
— Lukas, was tust du denn da! — Hedwig bekam es plötzlich mit der Angst zu tun. — So hab ich das doch nicht gemeint! Lukas!
Aber Lukas hatte bereits aufgelegt. Er blieb mitten in der Küche stehen, das Handy fest in der Faust, und holte schwer Luft, als müsste er sich erst wieder sammeln.
— Verzeih mir, — sagte er zu Theresa. — Für sie. Und für mich auch. Ich hätte nie zulassen dürfen, dass sie so mit dir redet.
Theresa trat zu ihm und schlang die Arme um ihn. Sie spürte, wie seine Schultern bebten, weil er die Wut mit aller Kraft hinunterschluckte.
— Schon gut, — flüsterte sie. — Es ist alles gut.
Doch keine halbe Stunde später läutete das Telefon wieder.
— Heb bitte nicht ab, — bat Theresa leise.
— Ich muss, — seufzte Lukas. — Sonst hört sie nicht auf.
— Lukas, mein Bub, — Hedwigs Stimme zitterte vor unterdrücktem Schluchzen. — Verzeih deiner Mutter. Ich hab mich hinreißen lassen. Es ist nur so schwer allein … Mein Kreuz tut mir weh, die Hände machen auch nicht mehr mit wie früher … und es gibt so viel zu tun …
Theresa sah, wie die Entschlossenheit in Lukas’ Gesicht langsam bröckelte. Er liebte seine Mutter trotz all ihrer Fehler, und ihre Tränen waren etwas, wogegen er sich kaum wehren konnte.
— Mama, — sagte er sanfter, — ich verstehe ja, dass es für dich mühsam ist. Aber warum willst du dir keine Hilfe nehmen? Wir zahlen das doch …
— Fremde Leute! — schniefte Hedwig. — Die arbeiten ohne Herz! Die machen alles nur schnell-schnell und pfuschen herum! Familie ist etwas anderes! Familie macht so etwas mit Liebe!
— Aber wir kennen uns mit Gartenarbeit nicht aus, — erklärte Lukas mit erzwungener Geduld. — Wir würden dir eher im Weg stehen …
— Das lernt ihr schon! — rief seine Mutter sofort, als hätte er ihr damit bereits zugesagt. — Das ist keine Wissenschaft! Ich zeig euch alles! Und gesund ist es auch. Ein bissl arbeiten, frische Luft, Sonne — das tut euch nur gut!
Theresa bemerkte, wie Lukas innerlich schwankte. Sie kannte seine wunden Punkte: das schlechte Gewissen seiner Mutter gegenüber, den Wunsch, ein braver Sohn zu sein, und seine Angst vor jedem offenen Streit.
— Gut, Mama, — sagte er schließlich. — Wir überlegen es uns …
— Was gibt es da zu überlegen? — Hedwig klang auf einmal beinahe fröhlich. — Packt einfach zusammen und kommt her! Ich hab den Tee schon aufgestellt!
— Mama, wir haben gesagt, wir überlegen es. Das heißt nicht, dass wir heute losfahren.
— Aber was soll man denn da groß überlegen? — wunderte sich Hedwig, als wäre allein die Möglichkeit einer Absage völlig undenkbar. — Ich warte jedenfalls auf euch!
Lukas beendete das Gespräch und ließ sich müde auf einen Küchenstuhl sinken.
— Sie wird nicht locker lassen, — sagte er erschöpft. — Sie ruft jetzt jede halbe Stunde an, weint, macht Vorwürfe …
— Und was schlägst du vor? — Theresa setzte sich ihm gegenüber. — Dass wir hinfahren und unser Wochenende für etwas opfern, das wir weder brauchen noch mögen?
— Vielleicht nur einmal? — fragte Lukas unsicher. — Wir helfen ihr bei den Beeten, und dann gibt sie Ruhe?
— Nur einmal? — Theresa starrte ihn an, als hätte sie sich verhört. — Lukas, genau das hatten wir doch schon! Voriges Jahr haben wir auch „nur einmal“ geholfen, und danach hat sie den ganzen Sommer verlangt, dass wir zum Umstechen, Gießen und Unkrautjäten kommen. Hast du das vergessen?
Lukas senkte beschämt den Kopf. Natürlich hatte er es nicht vergessen. Fast jedes Wochenende des vergangenen Sommers hatten sie bei seiner Mutter im Garten verbracht, statt sich zu erholen oder ihre eigenen Dinge zu erledigen.
— Aber sie ist halt allein, — murmelte er. — Und schwer hat sie es wirklich …
— Lukas, — Theresa nahm seine Hand, — sie hat es schwer, weil sie sich diese Last selbst ausgesucht hat. Niemand zwingt sie, so einen riesigen Garten zu bewirtschaften. Sie könnte weniger anbauen, sie könnte Helfer bezahlen, sie könnte das ganze Wochenendhäuschen verkaufen und sich eine bequemere Wohnung nehmen. Aber nein — sie leidet lieber und zieht uns gleich mit hinein.
— Sie ist aber meine Mutter, — brachte Lukas schwach hervor.
— Und was heißt das? Eine Mutter darf nicht über das Leben ihrer erwachsenen Kinder verfügen! — Theresa spürte, wie nun auch in ihr echte Wut aufstieg. — Lukas, wir sind dreißig. Wir sind erwachsene Menschen. Wir haben ein Recht auf unser eigenes Leben.
Da klingelte das Handy erneut. Lukas warf einen Blick aufs Display und seufzte.
— Wenn ich nicht abhebe, läutet es den ganzen Tag, — sagte er.
— Dann heb ab und sag ihr klar und deutlich: Wir kommen nicht. Punkt.
Lukas drückte auf die grüne Taste.
— Lukas! — Die Stimme seiner Mutter klang panisch. — Warum bist du nicht gleich drangegangen? Ich hab schon gedacht, es ist etwas passiert!
— Mama, wir haben doch gerade erst telefoniert …
— Also, wann kommt ihr? — fiel Hedwig ihm ins Wort. — Ich muss planen! Der Regen hört gleich auf, dann können wir die Beete umgraben!
— Wir kommen nicht, — sagte Lukas, und Theresa hörte einen neuen Ton in seiner Stimme: Festigkeit.
— Wie, ihr kommt nicht? — Hedwig war hörbar fassungslos. — Und ich? Was ist mit der Hilfe?
— Mama, nimm dir Arbeiter. Wir bezahlen sie.
— Lukas! — In Hedwigs Stimme mischte sich Hysterie. — Wie kannst du so etwas sagen! Ich hab mit euch gerechnet! Ich hab mir schon alles eingeteilt! Und jetzt lasst ihr mich im Stich!
— Mama, wir lassen niemanden im Stich. Wir haben dir nicht versprochen, dass wir helfen.
— Nicht versprochen! Und was ist mit dem Familienzusammenhalt? Bedeutet euch der gar nichts mehr?
Theresa sah, dass Lukas wieder zu wanken begann. Seine Mutter verstand es meisterhaft, ihm Schuldgefühle einzureden.
— Mama, — sagte er müde, — gut, also schön. Wir kommen für ein paar Stunden …
— Nein! — unterbrach Theresa ihn und nahm ihrem Mann das Telefon aus der Hand.
