— Theresa! — Lukas ist richtig zusammengezuckt.
— Hedwig, — sagte Theresa ins Telefon und zwang sich, ruhig zu bleiben, — wir kommen nicht. Weder heute noch morgen.
— Wie bitte, ihr kommt nicht? — Die Schwiegermutter klang fassungslos. — Und was soll ich jetzt tun?
— Genau das, was Sie tun würden, wenn Sie keinen Sohn hätten, — erwiderte Theresa fest. — Jemanden dafür bezahlen, die Nachbarn fragen oder eben weniger Arbeit einplanen.
— Wie redest du mit mir! — kreischte Hedwig. — Was fällt dir ein, mir Vorschriften zu machen! Ich bin nicht deine Mutter, dass du mir Ratschläge erteilen kannst!
— Eben, — sagte Theresa kühl. — Sie sind nicht meine Mutter. Und deshalb haben Sie auch kein Recht, irgendetwas von mir zu verlangen.
— Lukas! — rief Hedwig schrill. — Hörst du, wie deine Frau mit mir spricht? Lässt du zu, dass sie deine Mutter so behandelt?
Lukas stand daneben, sichtbar hin- und hergerissen. Theresa sah ihm an, wie sehr er innerlich kämpfte, und genau in diesem Moment begriff sie, dass sie jetzt die Verantwortung übernehmen musste.
— Hedwig, — sagte sie, und in ihrer Stimme lag plötzlich eine Härte, die sie selbst überraschte, — ich schulde Ihnen nichts. Lukas und ich sind erwachsene Menschen. Wir haben unser eigenes Leben, unsere eigenen Pläne und unsere eigene Familie. Wir sind nicht verpflichtet, jedes Wochenende Ihrem Garteln zu opfern.
— Garteln! — Hedwig schnappte empört nach Luft. — Sie nennt meinen Garten ein Garteln! Lukas, hörst du das?
— Ja, genau, Garteln, — gab Theresa unbeirrt zurück. — Weil es genau das ist. Niemand zwingt Sie, Erdäpfel zu setzen. Sie machen es, weil Sie es wollen. Das ist Ihr gutes Recht. Aber es ist ebenso unser Recht, dabei nicht mitzumachen.
— Unverschämtes Frauenzimmer! — zischte Hedwig. — Ich hab gleich gewusst, dass du nicht zu uns passt! Kein Familiensinn, kein Herz! Du denkst nur an dich!
— Ja, ich denke an mich, — sagte Theresa. — Und an meinen Mann. Und an unsere Ehe. Und wissen Sie, was ich Ihnen jetzt sage?
Lukas blickte sie fragend an. Theresa holte tief Luft. Dann sprach sie den Satz aus, den sie seit Jahren hinuntergeschluckt hatte:
— An meinen Wochenenden mache ich das, worauf ich Lust habe! Es ist mir egal, was Sie brauchen und was Sie von mir halten!
Am anderen Ende der Leitung wurde es totenstill. Sogar Lukas starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an.
— Was … was hast du gerade gesagt? — flüsterte Hedwig schließlich.
— Die Wahrheit, — antwortete Theresa ruhig. — Meine Wochenenden gehören mir. Ich verbringe sie so, wie ich es für richtig halte. Und Ihre Meinung über mich ist mir nicht mehr wichtig.
— Lukas! — schrie Hedwig. — Hörst du, wie deine Frau mit deiner Mutter spricht? Das lässt du dir gefallen?
Lukas trat langsam zu Theresa, legte einen Arm um ihre Schultern und blieb neben ihr stehen.
— Mama, — sagte er leise, — Theresa hat recht. Wir dürfen ein eigenes Leben haben.
— Dürfen! Dürfen! — wiederholte Hedwig hysterisch. — Immer geht es nur darum, was ihr dürft! Und was ist mit Liebe? Mit Respekt? Mit Dankbarkeit?
— Mama, — sagte Lukas müde, — Liebe misst man nicht daran, wie viele Stunden jemand im Gemüsebeet steht. Und Respekt funktioniert nicht nur in eine Richtung.
— Ich habe dich mein ganzes Leben lang geliebt! — schluchzte Hedwig. — Mein ganzes Leben! Und du …
— Ich liebe dich auch, Mama. Aber Liebe heißt nicht, dass ich so leben muss, wie du es dir vorstellst.
— Also kommt ihr nicht? — Hedwigs Stimme wurde plötzlich leiser, gekränkt und kalt.
— Nein, Mama. Wir kommen nicht.
— Verstehe, — sagte sie eisig. — Jetzt ist alles klar. Fremde Leute sind mir also näher als die eigene Familie. Gut. Das merke ich mir.
Dann legte sie auf.
Theresa und Lukas standen schweigend in der Küche. Draußen trommelte der Regen weiter gegen die Scheiben. Aus der Nachbarwohnung drang gedämpfte Musik herüber, und irgendwo im Stiegenhaus fiel eine Tür ins Schloss.
— Sie ist beleidigt, — sagte Lukas nach einer Weile.
— Ja, — antwortete Theresa und nickte. — Und weißt du was? Dann soll sie beleidigt sein.
Lukas sah sie überrascht an.
— Lukas, wie lange soll das noch so weitergehen? — Theresa setzte sich an den Tisch und schaute ihm direkt in die Augen. — Wie lange willst du mit diesem ständigen schlechten Gewissen leben? Wir sind erwachsen. Wir haben unsere eigene Familie, unsere eigenen Pläne, unser eigenes Leben. Wir müssen deiner Mutter nicht jedes Wochenende Rechenschaft ablegen.
— Aber sie ist allein, — murmelte Lukas. — Und sie wird halt wirklich älter …
— Lukas, sie ist zweiundsiebzig, bei klarem Verstand und völlig in der Lage, Entscheidungen zu treffen. Sie kann sich Hilfe holen, sie kann Nachbarn fragen, sie kann den Gemüsegarten kleiner machen. Aber sie entscheidet sich lieber fürs Leiden und macht uns dafür verantwortlich.
Lukas setzte sich neben sie und nahm ihre Hand.
— Du hast recht, — sagte er leise. — Ich weiß, dass du recht hast. Es ist nur … schwer. Sie hat mir von klein auf beigebracht, mich für jedes Nein schuldig zu fühlen.
— Ich verstehe das, — sagte Theresa sanfter. — Aber wir können doch nicht unser ganzes Leben opfern, nur weil sie eine Absage nicht aushält.
Lukas nickte und drückte ihre Hand fester.
— Weißt du, — sagte er nach einem Moment und ein schwaches Lächeln huschte über sein Gesicht, — eigentlich hat mir gefallen, wie du ihr geantwortet hast. „An meinen Wochenenden mache ich das, worauf ich Lust habe.“ Das war ehrlich. Und endlich einmal klar.
— Ich bin müde vom Stillhalten, — gestand Theresa. — Müde davon, mich schuldig zu fühlen, nur weil ich mich nach einer Arbeitswoche ausruhen will. Müde davon, mich dafür zu entschuldigen, dass ich ein eigenes Leben habe.
— Und was machen wir jetzt? — fragte Lukas.
Theresa lächelte zum ersten Mal an diesem Abend richtig.
— Genau das, was wir vorgehabt haben.
