„Blut bleibt nun einmal Blut, das verstehst du doch“, sagte die Schwiegermutter und goss gelassen den Kompott, während Anna erstarrte und Lukas stumm wegsah

Diese heimtückische Ungerechtigkeit fühlt sich zutiefst herzlos an.
Geschichten

„Das Haus ist bereits auf Florian überschrieben. Blut bleibt nun einmal Blut, das verstehst du doch“, hat die Schwiegermutter gesagt und dabei den Kompott so gelassen in die Gläser gegossen, als würde sie übers Wetter reden.

Anna ist mit dem Schöpfer über dem Topf erstarrt. Vom Rote-Rüben-Eintopf ist Dampf durch die Küche gezogen, doch in ihrer Brust ist es plötzlich eiskalt geworden, als hätte jemand mitten in einer frostigen Nacht alle Fenster aufgerissen.

„Entschuldigen Sie, Frau Theresa Anton, was haben Sie da gerade gesagt?“

„Genau das, was du gehört hast.“ Die Schwiegermutter hat einen Schluck genommen. „Das Häuschen in Mauterndorf habe ich dem Jüngeren überschrieben. Er hat eine große Familie, drei Kinder. Du und Lukas seid noch jung, ihr bringt euch schon noch etwas zusammen.“

Langsam hat Anna den Schöpfer sinken lassen. Dann hat sie sich zu ihrem Mann umgedreht. Lukas ist am Tisch gesessen, hat mit der Gabel lustlos im Salat herumgestochert und überall hingeschaut, nur nicht zu ihr. Und dieses Schweigen von ihm hat ihr mehr verraten als jedes Geständnis.

Er hatte es gewusst.

In Anna hat etwas ganz leise eingerastet, als hätte sich irgendwo ein unsichtbarer Schlüssel gedreht.

Sieben Jahre. Sieben Jahre lang ist sie jeden Sommer und fast jedes Wochenende nach Mauterndorf gefahren. Sie hat den Zaun gestrichen, die Beete gejätet, die Wände des alten Hauses gekalkt, das ihre Schwiegermutter immer „unser Familiennest“ genannt hat. Sieben Jahre lang hat Theresa Anton ihr über die Hand gestrichen und gesagt: „Annerl, ihr seid hier die Hausherren, ich mach das alles für euch, irgendwann gehört das alles euch.“

Irgendwann gehört das alles euch.

„Lukas“, hat sie leise gesagt. „Du hast davon gewusst?“

Ihr Mann hat nur mit der Schulter gezuckt, ohne den Blick zu heben.

„Anna, bitte nicht jetzt. Nicht vor der Mama.“

„Wann dann?“ Ihre Stimme hat gezittert, aber sie hat sie mühsam festgehalten. „Wenn ihr endgültig alles ohne mich aufgeteilt habt?“

Die Schwiegermutter hat ihr Glas sorgfältig auf die Wachstuchtischdecke gestellt.

„In meinem Haus wird nicht laut geredet“, hat sie würdevoll gesagt und die Lippen zusammengepresst. „Noch ist es mein Haus. Und mein Grund. Ich gebe es dem, dem ich es geben will.“

Anna hat sich die Hände an der Schürze abgewischt. Aus irgendeinem Grund haben ihre Finger gezittert.

Sie ist hinaus auf die Veranda gegangen, wo es nach getrockneten Äpfeln und altem Holz gerochen hat. Wie viele Abende hatte sie hier verbracht? Sie hatte Beeren fürs Einkochen geputzt, Ribisel verlesen, den endlosen Erzählungen der Schwiegermutter zugehört, wie schwer es gewesen sei, zwei Söhne allein großzuziehen. Genau hier hatte Anna ihr warme Milch mit Honig gemacht, wenn Theresa verkühlt gewesen war. Sie war drei Kilometer bis zur Apotheke gelaufen, hatte die Sauna angeheizt, Wasser geschleppt.

Die Schwiegermutter ist ihr nachgekommen. In der Tür zur Veranda ist sie stehen geblieben, die Arme vor der Brust verschränkt.

„Du musst das verstehen“, hat sie begonnen, und ihre Stimme ist weich geworden, zäh und süß wie Marmelade. „Ich tu das ja nicht aus Bosheit. Florian hat es schwerer als ihr. Drei Kinder daheim, seine Frau arbeitet nicht. Aber du und Lukas, ihr seid kräftig, ihr verdient beide. Für euch ist es keine Tragödie, euch einmal selber etwas zu kaufen. Das Haus geht halt an den Florian, so wie es sich in der Familie gehört.“

„In der Familie“, hat Anna tonlos wiederholt.

„Na freilich.“ Theresa hat mit den Mundwinkeln gelächelt. „Du hast doch nicht im Ernst geglaubt, ich schreibe dir das Haus zu? Wer bist du denn für mich? Meine Schwiegertochter. Heute bist du Lukas’ Frau, und morgen, Gott behüte, geht ihr auseinander. Florian aber ist mein leiblicher Sohn. Wenn man ehrlich ist, bist du für mich ein fremder Mensch.“

Ein fremder Mensch.

Sieben Jahre lang war Anna diejenige gewesen, die gebraucht wurde. Die, auf die man sich verlassen konnte. Die Bequeme. Und jetzt war sie plötzlich fremd.

„Frau Theresa Anton“, hat Anna gesagt und sich gezwungen, ruhig zu bleiben, „wir haben in dieses Haus mehr als dreitausend Euro gesteckt. Ein neues Dach, Wasserleitung, der Ofen ist neu gesetzt worden. Unser Geld. Erinnern Sie sich daran?“

„Ihr wart ja auch den ganzen Sommer hier“, hat die Schwiegermutter bloß die Schultern gehoben. „Ihr habt alles genutzt. Sieh es einfach als Bezahlung fürs Wohnen.“

Anna hat sich zum Fenster gedreht. Hinter der Scheibe haben sich die alten Apfelbäume im Wind bewegt, die sie und Lukas jedes Frühjahr zurückgeschnitten hatten. Die Septembersonne hat das welke Gras vergoldet.

Und in diesem Augenblick hat sie das Entscheidende begriffen. Das war nicht zufällig passiert. Nicht gestern entschieden. Das war seit Langem so geplant gewesen. Ihre Schwiegermutter hatte sie jahrelang mit diesem Versprechen bei der Stange gehalten — „alles wird einmal euch gehören“ — und inzwischen nur auf den passenden Moment gewartet, um das Haus dem anderen Sohn zu überschreiben. Und Lukas hatte es gewusst. Er hatte geschwiegen und es gewusst.

„Wo ist Lukas?“, hat Anna gefragt, ohne sich umzudrehen.

„Im Garten. Er spaltet Holz. Geh erst einmal hinaus und kühl dich ab, dann redet ihr.“

Anna ist die Stufen von der Veranda hinuntergegangen. Ihr Mann stand bei der Holzbeige und wischte sich mit dem Ärmel die Stirn ab. Ein großer, kräftiger Mann — und doch hat er die Augen verborgen wie ein Schulbub, der bei etwas Verbotenem erwischt worden ist.

Hedis Stube