„Seit wann weißt du es?“, hat sie ohne jede Einleitung gefragt.
Lukas rammte die Axt in den Hackstock.
„Anna, jetzt reg dich nicht gleich so auf. Ein bissl recht hat meine Mutter schon. Florian steckt wirklich bis zum Hals in Schwierigkeiten.“
„Seit wann, Lukas?“
Er sagte eine Weile nichts. Sein Blick hing irgendwo im Gras.
„Seit dem Frühjahr“, brachte er schließlich hervor. „Mama hat es mir erzählt. Ich hab geglaubt, das renkt sich schon irgendwie ein.“
Seit dem Frühjahr. Ein halbes Jahr lang hatte er neben ihr im selben Bett gelegen, ihre Abendessen gegessen, mit ihr Zukunftspläne geschmiedet. Ein halbes Jahr lang hatte sie laut davon geträumt, wie sie später in der Pension endgültig in dieses Haus ziehen würden, Bienen halten, einen Kirschgarten anlegen, den Sommer dort verbringen. Und er hatte zugehört. Er hatte gewusst, dass es diesen Garten für sie nie geben würde. Dass das Haus im Grunde schon nicht mehr ihnen gehörte.
„Und du hast geschwiegen“, sagte sie. Es war keine Frage mehr.
Lukas hob hilflos die Hände.
„Was hätte es denn geändert? Das war Mamas Entscheidung. Was hätte ich machen sollen?“
„Du hättest es mir sagen können. Ich bin deine Frau.“
„Na bitte, jetzt geht’s los. Machen wir doch kein Riesendrama draus. Dann kaufen wir uns halt irgendwann selber ein kleines Wochenendhaus. So eine große Sache ist das auch wieder nicht.“
Anna sah ihren Mann an, und auf einmal war es, als würde sie ihn zum ersten Mal wirklich erkennen. Nein, nicht zum ersten Mal. Sie hatte es immer gesehen. Nur hatte sie sich bisher verboten, es beim Namen zu nennen.
Er war schon immer so gewesen. Wenn seine Mutter vor Gästen über Annas Kochen gespottet hatte, hatte Lukas mit den anderen mitgelacht. Wenn Theresa unangemeldet gekommen war und ihre Kästen durchwühlt hatte, angeblich, um „Ordnung zu machen“, war Lukas in die Garage verschwunden. Wenn seine Mutter angerufen und verlangt hatte, er solle alles liegen und stehen lassen und „sofort“ zu ihr kommen, dann war er gelaufen.
Ein Muttersöhnchen. Dieses Wort hatte Anna sieben Jahre lang von sich weggeschoben. Jetzt stand es plötzlich vor ihr, groß und unübersehbar.
„Ich hab verstanden“, sagte sie leise und ging ins Haus, um ihre Tasche zu packen.
„Wo willst du hin?“ Lukas folgte ihr ein paar Schritte.
„Zu meiner Mutter. In die Stadt.“
„Anna, bitte, hör auf. Es ist schon spät, die Busse fahren um die Zeit kaum noch.“
„Dann ruf ich mir ein Taxi. Ich hab auch eine Mutter, Lukas. Eine richtige.“
Theresa trat auf die Veranda hinaus.
„Na also“, sagte sie mit zufriedener Miene und nickte. „Fahr nur. Schlaf drüber, dann siehst du alles wieder klarer. Du wirst schon merken, dass ich nichts Unvernünftiges gesagt hab.“
Anna warf sich die Tasche über die Schulter. Beim Gartentor blieb sie noch einmal stehen und drehte sich um.
„Wissen Sie, was am meisten weh tut, Theresa? Ich hab Sie wirklich für so etwas wie eine zweite Mutter gehalten.“
Dann machte sie das Tor hinter sich zu.
Ihre Mutter öffnete die Wohnungstür, sah Anna ins Gesicht und begriff sofort alles. Maria hatte ihre Tochter immer ohne viele Worte verstanden; das war zwischen ihnen einfach so.
„Komm rein“, sagte sie nur. „Ich setz den Wasserkocher auf.“
Sie saßen in der engen kleinen Küche, in der Anna aufgewachsen war. Auf dem Tisch lag noch immer die Wachstuchdecke mit den Punkten, in der Luft hing derselbe Duft nach getrockneter Minze wie früher. Hier war nichts verstellt. Kein doppelter Boden, keine versteckten Absichten.
„Also“, sagte Maria und schenkte Tee ein, „erzähl.“
Und Anna erzählte. Vom Notar. Von dem Wort „Außenstehende“. Von Lukas, der seit einem halben Jahr Bescheid gewusst und ihr nichts gesagt hatte. Zweimal brach ihr fast die Stimme weg, aber sie hielt sich aufrecht.
Maria hörte zu, ohne sie zu unterbrechen. Erst als Anna fertig war, sagte sie:
„Ich hab dich damals gewarnt. Weißt du noch, vor der Hochzeit? Ich hab gesagt, schau genau hin, wie seine Mutter mit ihm umspringt. So wie sie ihn dreht und wendet, wird er sich später auch von ihr drehen lassen.“
„Du hast es gesagt“, gab Anna zu.
„Eben. Diese Theresa hat Lukas immer wie an einer Schnur geführt. Und ihm ist das bequem. Die Mutter entscheidet, die Mutter denkt, die Mutter sucht aus, wer schuld ist.“
Anna legte beide Hände um das Häferl. Langsam kehrte die Wärme in ihre Finger zurück.
„Mama, ich weiß nicht, was ich jetzt tun soll.“
„Was gibt’s da groß zu wissen?“ Maria zuckte mit den Schultern. „Weiterleben. Aber diesmal mit dem Kopf und nicht nur mit dem Herzen.“
„Ich hab so viel hineingesteckt. Kraft, Geld, Zeit. Und ja, auch ein Stück von mir.“
Maria kniff die Augen leicht zusammen.
„Geld habt ihr also in das Haus gesteckt? Und die Belege? Hast du die noch?“
Anna hob den Kopf.
„Welche Belege?“
„Na, Rechnungen für Material, Zahlungen an Handwerker, Überweisungen. Du bist doch meine Buchhalterin, Kind. Sag bloß, du hast das nicht festgehalten.“
In diesem Augenblick fiel es Anna wieder ein.
Natürlich hatte sie alles notiert. Aus beruflicher Gewohnheit. Die Arbeit in der Buchhaltung hatte ihr beigebracht: Jeder Cent gehört in eine Liste. Als sie mit der Renovierung des Hauses begonnen hatten, hatte sie eine eigene Datei angelegt. Dachplatten, Rohre, Ziegel für den Ofen, Zahlungen an die Arbeiter. Alles mit Rechnungen, Fotos, Screenshots der Überweisungen. Die Datei lag seit Jahren einfach in der Cloud.
„Doch“, sagte sie langsam. „Mama, das ist alles noch da.“
