Ich bin mit dem Schöpflöffel in der Hand wie angewurzelt stehen geblieben und habe versucht, das eben Gehörte überhaupt einzuordnen. Einen Augenblick lang ist mir ernsthaft vorgekommen, ich hätte mich verhört – oder die Müdigkeit würde mir schon irgendwelche Dinge vorgaukeln.
Draußen rauschte ein warmer Juniabend, am Herd köchelte die Suppe für unseren vierjährigen Sohn Lukas, und im Vorzimmer stand Florian – mein Mann, mit dem ich seit fünf Jahren verheiratet war.
Er stand dort mit einer Miene, als hätte er beiläufig erwähnt, dass er Kinokarten besorgt hatte. Nicht so, als würde er gerade seine eigene Familie aus einem Zimmer hinauskomplimentieren.
— Wie meinst du das: freimachen? — fragte ich langsam nach, während in mir eine eisige Welle aus klebrigem Entsetzen und dumpfer Wut hochstieg. — Welche Schwägerin? Welches Wohnzimmer? Wovon redest du überhaupt?
Florian stieß einen schweren Seufzer aus, verdrehte die Augen und zeigte mir mit jeder Bewegung, wie grenzenlos anstrengend er mich fand. Dann kam er in die Küche, ließ sich auf einen Hocker fallen und begann, sich die Sportschuhe von den Füßen zu ziehen.

— Tu bitte nicht so, als würdest du es nicht kapieren, Anna. Julia hat gerade eine schwierige Situation mit ihrem Mann. Sie hat die Scheidung eingereicht, ist mit dem Kind allein geblieben und hat keine Bleibe.
Mama hat vorgeschlagen, dass sie vorübergehend hierherzieht, in die Dreizimmerwohnung. Und weil du ja bei uns immer die Vernünftige und Prinzipientreue bist, habe ich mir gedacht, dass es dir wohl nicht wehtun wird, ein bissl zusammenzurücken. Du und Lukas nehmt das kleine Schlafzimmer, und das große Zimmer geben wir Julia und meinem Neffen. Die brauchen es dringender. Die stehen unter Stress.
Ich habe ihn angeschaut und den Menschen, den ich einmal geheiratet hatte, kaum wiedererkannt. In fünf gemeinsamen Jahren hatte ich mich an vieles gewöhnt: an Streitigkeiten wegen des Haushalts, an stehen gebliebenes Geschirr, an die finanziellen Engpässe am Anfang. Aber mit so einem kalten, zynischen Schlag ins Gesicht hatte ich nicht gerechnet.
Erstens gehörte die Wohnung, in der wir lebten, vollständig mir. Genauer gesagt: Ich hatte sie noch vor unserer Ehe von meiner Großmutter geerbt.
Die grundlegende Renovierung hatte ich selbst bezahlt – mit Geld, das ich seit meiner Studienzeit angespart und später von meinem ersten ordentlichen Gehalt zur Seite gelegt hatte.
Florian hatte in diese Wohnung keinen einzigen Euro gesteckt. Nicht einmal für Tapeten. Im Gegenteil: Als wir frisch verheiratet waren, ist er mit einem Koffer und ein paar T-Shirts bei mir eingezogen.
Zweitens war das „kleine Schlafzimmer“, in das er mich mit unserem Kind so locker umsiedeln wollte, gerade einmal etwas mehr als neun Quadratmeter groß. Dort passten unser Bett und Lukas’ Kinderbett kaum hinein.
Einen ordentlichen Kasten für Kleidung gab es dort nicht, und Sonne kam wegen der dichten Bäume vor dem Fenster praktisch nie herein. Das große Wohnzimmer hingegen war hell und geräumig. Dort standen unser Arbeitstisch, das Sofa, mehrere geräumige Kästen und Lukas’ Spielecke.
Und jetzt meinte mein rechtmäßiger Ehemann, der auf meiner Wohnfläche und im Grunde auf meine Kosten lebte, großmütig entscheiden zu dürfen, wer wo unterzukommen hatte.
— Florian, verwechselst du da nicht etwas? — Meine Stimme war leise, aber klar. — Das ist meine Wohnung. Meine und die meines Sohnes. Warum genau sollte ich mein Wohnzimmer deiner Schwester überlassen?
— Na bitte, schon wieder! — fuhr Florian auf und wurde augenblicklich laut. — Schon wieder dieses „meine, meine“! Du reibst mir diese Wohnung seit Jahren unter die Nase! Wir sind eine Familie, Anna! Oder willst du behaupten, meine Schwester sei für dich irgendeine Fremde? Sie hat praktisch noch ein Baby im Arm, und du sitzt hier im Warmen, hast es bequem und klammerst dich an ein paar lächerliche Quadratmeter!
— Es geht nicht um Quadratmeter, Florian, sondern um ganz einfache Grenzen und um Respekt, — sagte ich und bemühte mich, ruhig zu bleiben, obwohl in mir alles brodelte. — Julia hat Eltern. Sie hat doch schließlich eine Mutter, die in einer Zweizimmerwohnung lebt. Warum fährt Julia nicht zu ihr?
— Bei Mama ist es eng! — schnitt Florian mir das Wort ab, als wäre damit jede weitere Frage erledigt. — Meine Mutter hat nur zwei Zimmer, und du hast drei. Außerdem ist Mama von der alten Schule, sie würde Julia wegen der Scheidung ständig Vorwürfe machen. Julia braucht Ruhe. Und wir helfen meiner Schwester, wieder auf die Beine zu kommen. Ich habe ihr schon zugesagt, dass sie morgen mit meinem Neffen einzieht.
Ich ließ mich auf den Sessel gegenüber von meinem Mann sinken und hatte das Gefühl, als würde mir der Boden unter den Füßen weggezogen.
