„Tu bitte nicht so, als würdest du es nicht kapieren, Anna.“ – sagte Florian mit verächtlichem Seufzer, während Anna wie angewurzelt mit dem Schöpflöffel in der Hand dastand

Wie herzlos und verlogen das plötzlich wirkte.
Geschichten

Er hatte also längst entschieden. Hinter meinem Rücken, ohne mich einzuweihen, ohne auch nur den Anstand zu haben, das mit mir in Ruhe zu besprechen, hatte mein eigener Mann einer fremden Frau und ihrem Kind meinen persönlichen Wohnraum versprochen. Nicht seinen, wohlgemerkt. Meinen.

— Du hast es ihr schon zugesagt? — fragte ich leise nach, während in mir etwas endgültig riss. — Heißt das, meine Meinung war dir nicht einmal eine Frage wert? Du stellst mich einfach vor vollendete Tatsachen?

— Wozu hätte ich dich fragen sollen, wenn eh klar ist, dass du wieder ein Theater machst? — Florian verschränkte die Arme vor der Brust, als müsste er sich gegen mich verteidigen. — Du machst aus allem ein Problem. Ist es dir wirklich so schade darum? Sie bleiben ein paar Monate, bis Julia Alimente durchgesetzt und Arbeit gefunden hat. Dann mieten sie sich etwas und ziehen wieder aus. Sei nicht so egoistisch, Anna.

„Ein paar Monate.“ Wie gut ich diese Worte kannte. Bei uns in Österreich gibt es kaum etwas Dauerhafteres als ein sogenanntes Provisorium. Und Julia kannte ich leider gut genug — ebenso ihre bemerkenswerte Begabung, es sich im Leben auf Kosten anderer bequem zu machen.

Die Schwester meines Mannes war eine von jenen Frauen, die sich immer treiben lassen und dabei wie selbstverständlich erwarten, dass andere für sie rudern. Ihre Ehe war nicht daran zerbrochen, dass ihr Mann ein Tyrann gewesen wäre. Sie hatte schlicht keinen Finger gerührt, nicht einmal, um den Anschein eines Zuhauses zu schaffen. Sie hatte sich von ihm erhalten lassen, und als er es irgendwann sattgehabt hatte, sie und ihr launisches Kind durchzufüttern, hatte sie einen hysterischen Auftritt hingelegt und war zu ihrer Mutter geflüchtet.

Und nun hatte diese Mutter ihrer Tochter offenbar rasch die Tür gezeigt — oder einfach keine Lust gehabt, Julias Art länger auszuhalten. Also hatte Julia ihr Auge auf unsere warme, ruhige Wohnung geworfen.

— Nein, Florian, — sagte ich fest und sah ihm direkt in die Augen. — Julia zieht hier nicht ein. Sie hat eine Mutter, einen Vater und genug eigene Verwandte. Die sollen ihre Wohnungsfrage klären. Meine Wohnung ist kein Studentenheim und auch keine Auffangstation für geschiedene Angehörige.

Das Gesicht meines Mannes verzerrte sich vor Wut. Mit einem Ruck sprang er auf; der Sessel kippte um und krachte laut auf den Linoleumboden. Aus dem Kinderzimmer begann Lukas erschrocken zu weinen.

— Ach so ist das?! — brüllte Florian und fuchtelte mit dem Finger vor meinem Gesicht herum. — Du setzt also meine Schwester auf die Straße?! Du hast mir die letzten Hosen ausgezogen, mich zum Pantoffelhelden gemacht, und jetzt willst du mein eigenes Blut nicht einmal über die Schwelle lassen? Du bist nichts als eine herzlose Egoistin! Meine Familie ist dir völlig wurscht!

— Deine Familie ist mir nicht wurscht, — erwiderte ich und stand ebenfalls auf. Meine Knie zitterten, aber meine Stimme blieb erstaunlich ruhig. — Nur besteht meine Familie aus mir und unserem Sohn. Deine Schwester ist deine Verwandte. Willst du Julia helfen, dann miete ihr von deinem Geld eine Wohnung, bring sie zu deiner Mutter oder zahl ihr ein Zimmer in einer Pension. Aber nicht auf meine Kosten und nicht auf Kosten der Ruhe meines Kindes.

Florian schnappte nach Luft, als hätte ich ihn geschlagen. Er öffnete den Mund, schloss ihn wieder, rang nach möglichst verletzenden Worten und sah dabei aus wie ein Fisch, der ans Ufer gespült worden ist.

— Das wirst du noch bereuen, Anna, — zischte er schließlich, riss seine Jacke von der Garderobe und griff nach den Schlüsseln. — Du wirst noch angekrochen kommen und mich um Verzeihung bitten, wenn ich meine Sachen packe und dich verlasse!

Die Wohnungstür fiel mit einem Knall ins Schloss. Danach breitete sich eine schwere, klingende Stille aus, nur unterbrochen vom leisen Schluchzen unseres Sohnes aus dem Kinderzimmer. Ich trat zum Fenster und sah, wie Florian mit schnellen, wütenden Schritten über den Hof ging, geradewegs zu seinem Auto.

Das war allerdings erst der erste Akt unseres Dramas. Damals ahnte ich noch nicht, dass am nächsten Tag nicht nur Julia mit Gepäck vor meiner Tür stehen würde, sondern gleich die ganze Verwandtschaft meines Mannes — angeführt von meiner Schwiegermutter. Menschen, die offenbar ernsthaft der Meinung waren, sie hätten jedes Recht, über mein Eigentum zu verfügen, als gehörte es ihnen.

— Aufmachen, wir sind’s! Familie! — dröhnte es am nächsten Tag gegen Mittag gegen die Tür.

Ich hatte Lukas gerade zum Mittagsschlaf hingelegt und saß in der Küche vor einem längst kalt gewordenen Tee. Bei diesem fordernden Klopfen setzte mein Herz einen Schlag lang aus, dann begann es irgendwo oben im Hals zu hämmern.

Vor der Tür stand, ohne überhaupt auf meine Antwort zu warten, meine Schwiegermutter Theresa. Hinter ihr zeichnete sich Florian ab, in jeder Hand eine riesige Reisetasche. Daneben stand Julia, seine Schwester, und trat nervös von einem Fuß auf den anderen.

Hedis Stube