„Tu bitte nicht so, als würdest du es nicht kapieren, Anna.“ – sagte Florian mit verächtlichem Seufzer, während Anna wie angewurzelt mit dem Schöpflöffel in der Hand dastand

Wie herzlos und verlogen das plötzlich wirkte.
Geschichten

Julia hielt dabei einen etwa dreijährigen, weinenden Buben an der Hand.

Theresa schob mich mit der Schulter einfach zur Seite und trat in den Vorraum, als wäre sie die Hausherrin und ich nur irgendein lästiger Gast.

„Na, Anna, jetzt hast du’s also so weit getrieben?“, fuhr sie mich noch an der Schwelle an und verschränkte die Arme vor der Brust. „Florian hat mir alles erzählt. Du wirfst deinen eigenen Mann hinaus und willst seine Schwester samt Neffen nicht einmal über die Türschwelle lassen! Hast du überhaupt noch ein Gewissen? Du bist hier in ein gemachtes Nest gefallen, hast dich an fremdem Besitz festgekrallt und jetzt spielst du dich auch noch auf?“

Für einen Moment blieb mir vor lauter Frechheit die Luft weg.

„An fremdem Besitz?“, wiederholte ich langsam, während in mir eine dumpfe Wut hochstieg. „Theresa, hören Sie sich eigentlich selber zu? Diese Wohnung habe ich von meiner Großmutter geerbt. Von meiner Großmutter. Florian ist damals mit einem einzigen Sackerl hier eingezogen. Von welchem fremden Besitz reden Sie bitte?“

„Ach, fang mir nicht schon wieder mit dieser Erbschaftsleier an!“, schnappte sie und wedelte mit der Hand, als verscheuche sie eine Gelse. „Deine Großmutter liegt längst unter der Erde, Gott hab sie selig, und ihr seid verheiratet. Also ist das jetzt euer gemeinsames Zuhause. Ihr seid eine Familie! Am Ende wird sowieso alles geteilt, und du hältst deinem Mann ein Dach über dem Kopf vor. So benimmt man sich nicht. Das ist nicht anständig.“

Florian stand hinter ihr und wich meinem Blick aus. Er hatte sich offenbar bei seiner Mutter ausgeweint und dabei alles so verdreht, dass er selbst als Opfer dastand – nur um seine Flucht zu ihr und seine Rückkehr unter ihrem Schutz irgendwie zu rechtfertigen.

„Mama hat recht, Anna“, meldete er sich schließlich zu Wort und setzte seine gekränkte Miene auf. „Jetzt hör endlich auf mit diesem Egoismus. Julia hat es schwer genug. Wir stellen die Sachen ins große Zimmer. Lukas reicht das kleine Zimmer völlig, er ist ja noch klein.“

Währenddessen war Julia bereits ins Wohnzimmer gegangen. Sie hatte die Schuhe abgestreift und schaute sich mit einem Blick um, als prüfe sie eine Wohnung, die sie gleich übernehmen wollte.

„Wahnsinn, ist das hier groß!“, rief sie beinahe begeistert und zog sogar eine Kastentür auf. „Der Fernseher ist riesig, und die Couch schaut auch neu aus. Mama, schau einmal, hier wird’s wirklich super! Bei dir in der Zweizimmerwohnung sind wir uns ja nur noch gegenseitig auf den Füßen gestanden, da hat man kaum Luft bekommen.“

Es war, als hätte mich ein Stromschlag getroffen. Sie hatten längst alles entschieden. Über meinen Kopf hinweg. Sie waren in mein Zuhause eingefallen, benahmen sich, als gehörte ihnen jeder Winkel, teilten meine Möbel gedanklich unter sich auf und überlegten schon, wie sie mich aus meinem eigenen Leben verdrängen konnten.

„Stopp!“, sagte ich so scharf, dass Julia erschrocken die Hand vom Kasten zurückzog und Theresa die Lippen zusammenpresste. „Ich sage es jetzt zum allerletzten Mal, damit es auch wirklich bei allen ankommt. Niemand trägt hier irgendetwas hinein. Ihr verschwindet aus meiner Wohnung. Alle drei. Sofort.“

Theresa schnappte empört nach Luft. Ihr Gesicht bekam rote Flecken, und ihre Hände begannen zu zittern.

„Mit wem glaubst du eigentlich, dass du so reden kannst, du falsche Schlange?!“, kreischte sie plötzlich in einer Tonlage, die mir durch Mark und Bein ging. „Du schreist die Mutter deines Mannes an? Na warte, dir werde ich schon zeigen, wo der Bartl den Most holt! Florian, hörst du, wie sie mit uns spricht? Sie respektiert dich überhaupt nicht!“

„Anna, jetzt übertreibst du wirklich“, sagte Florian beleidigt und bemühte sich, wie ein in seiner Würde verletzter Familienvater zu wirken. „Mama ist gekommen, um uns zu helfen, das zu klären, und du machst hier ein Theater. Entschuldige dich bei ihr.“

„Ich soll mich entschuldigen? Bei Leuten, die gerade versuchen, mein Zuhause zu besetzen?“ Ein bitteres Lachen entfuhr mir. Die Angst und die erste Verwirrung wichen plötzlich einer eisigen Klarheit. „Florian, pack deine Sachen und geh endgültig zu deiner Mutter. Die Scheidung reiche ich am Montag ein. Und ihr alle verlasst jetzt meine Wohnung. Auf der Stelle. Sonst rufe ich die Polizei wegen Hausfriedensbruch.“

Theresa verzog den Mund voller Verachtung.

„Dann ruf von mir aus den Bundespräsidenten!“, schrie sie. „Versuch nur, deinen rechtmäßigen Ehemann und seine Familie hinauszuwerfen! Wir holen den zuständigen Beamten, der wird dir schon erklären, wem hier welcher Anteil zusteht!“

Die Stimmung drohte endgültig zu kippen. Genau in diesem Moment kam aus dem Kinderzimmer ein erschrockener Schrei: Lukas war aufgewacht und weinte. Mein Kind hatte Angst, während diese fremden, dreisten Menschen in meinem Wohnzimmer herumbrüllten und sich aufführten, als hätten sie hier das Sagen.

Ohne noch ein Wort zu verlieren, drehte ich mich um, zog mein Handy aus der Tasche und wählte 112. Deutlich, laut und mit festem Blick direkt in Theresas Augen nannte ich die Adresse und erklärte, dass in meiner Wohnung gerade ein Hausfriedensbruch stattfinde.

Hedis Stube