— Hör endlich auf, dich hier wie eine Buchhalterin aufzuspielen! — Lukas schleuderte sein Sakko auf den Fauteuil und fuhr zu seiner Frau herum. — Wer hat dir überhaupt erlaubt, zu bestimmen, wohin in dieser Familie das Geld fließt?
Anna stand beim Fenster im Wohnzimmer und sah ihn ruhig an. Genau diese Ruhe brachte ihn erst recht in Rage. Er hatte Tränen erwartet, Rechtfertigungen, vielleicht eine zugeschlagene Tür. Stattdessen stand sie nur da und lächelte kaum merklich. Nur mit dem rechten Mundwinkel. Ganz wenig.
— Hörst du mir überhaupt zu? — Seine Stimme wurde lauter. — Ab jetzt kontrolliere ich das Geld in dieser Familie. Oder ich brauche so eine Frau nicht!
Anna wandte sich langsam zu ihm um.
— In Ordnung, — sagte sie. — In Ordnung, Lukas.

Dann verließ sie das Wohnzimmer.
Er begriff es nicht. Überhaupt nicht. Er hatte geglaubt, sie würde erschrecken, bitten, sich entschuldigen. Drei Jahre Ehe, und noch immer hatte er nicht gelernt, ihr Gesicht zu lesen. Anna aber hatte genau darauf gewartet. Auf diesen Satz. Auf diesen Augenblick.
Begonnen hatte alles ungefähr ein halbes Jahr vor diesem Abend.
Anna arbeitete als Senior-Managerin in einem großen Logistikunternehmen: gutes Gehalt, Prämien, Firmenwagen. Lukas wiederum führte angeblich „sein eigenes Geschäft“. Was das genau sein sollte, erklärte er immer nur verschwommen: Beratung, Partnerschaften, Verhandlungen. In Wirklichkeit traf er sich dreimal die Woche mit irgendwelchen Leuten in Kaffeehäusern, telefonierte stundenlang im Nebenzimmer und bat seine Frau regelmäßig, „ein bissl Verständnis zu haben“, weil „gerade eine schwierige Phase“ sei.
Diese schwierige Phase dauerte bereits zwei Jahre.
Seine Mutter Hedwig wohnte eine halbe Autostunde entfernt und kam grundsätzlich ohne Vorankündigung vorbei. Sie beherrschte die Kunst, so zu tun, als sei sie nur „für ein paar Minuten“ hereingeschneit, doch aus diesen Minuten wurden ganze Abende. Dann setzte sie sich in genau jenen Fauteuil beim Fenster, auf dem jetzt das Sakko ihres Sohnes lag, und begann jedes Gespräch mit denselben Worten: „Na, wie geht’s euch denn so?“
„Wie geht’s euch denn so“ bedeutete in Wahrheit: Wofür wird Geld ausgegeben, was wurde neu angeschafft, wohin seid ihr gefahren, warum hat Anna das Auto gewechselt, wer hat die Renovierung im Bad bezahlt?
Anna entging nicht, wie ihre Schwiegermutter auf ihre Handtasche schaute. Auf ihre Uhr. Auf ihr Handy. Sie taxierte, überschlug, merkte sich alles. Und danach — davon war Anna überzeugt — berichtete sie ihrem Sohn. Die beiden arbeiteten zusammen. Leise, ordentlich, mit freundlichen Gesichtern.
Einmal hörte Anna zufällig, wie Lukas telefonierte. Sie war früher heimgekommen, ging am Arbeitszimmer vorbei; die Tür war nicht ganz geschlossen.
— Nein, sie ahnt nichts. Ich sag dir doch, Mama, sie vertraut mir. Man muss es nur gescheit aufsetzen. Wir übertragen es nach und nach auf meinen Namen, immer ein kleines Stück. Das fällt ihr nicht auf.
Anna blieb stehen. Ihr Herz sackte nicht ab, nein. In ihr wurde es nur plötzlich sehr still. So still wie kurz vor einer Entscheidung.
Sie ging nicht hinein. Sie drehte um, stellte in der Küche den Wasserkocher auf und begann nachzudenken.
Und nachdenken konnte sie gut. Das war überhaupt ihre stärkste Eigenschaft: nicht hastig werden, nicht sofort reagieren, aber sich alles merken.
Am nächsten Tag fuhr sie zur Bank — nicht zu jener, bei der sie das gemeinsame Konto hatten, sondern zu einer anderen. Dort eröffnete sie ein Konto nur auf ihren Namen. Danach suchte sie eine Anwältin auf, eine junge Frau namens Theresa, die sie ein Jahr zuvor bei einem Firmentraining kennengelernt hatte. Theresa war auf Familienrecht spezialisiert und verstand sofort, worum es ging.
— Sie möchten Ihr Vermögen dokumentieren, bevor es zu einer Aufteilung kommt? — fragte sie, ohne den Blick vom Notizblock zu heben.
— Ich möchte wissen, was mir gehört, — sagte Anna. — Und was mir gehören kann, falls alles schiefgeht.
Theresa nickte. Mehr als zwei Stunden saßen sie zusammen.
Die Wohnung war vor der Ehe gekauft worden — mit Annas Geld und über ihren Kredit. Das Auto ebenfalls. Das kleine Wochenendhaus im Grünen, das Hedwig in Gedanken längst als ihre Sommerresidenz betrachtete, war auf Anna eingetragen, ein Geschenk ihrer Eltern. Theresa machte sich Notizen und hob hin und wieder leicht die Augenbrauen.
— Sie sind ein sehr vorausschauender Mensch, — sagte sie am Ende.
— Nein, — antwortete Anna. — Ich bin nur schon einmal betrogen worden. Noch einmal will ich das nicht erleben.
Dieses „schon einmal“ war eine andere Geschichte. Ihre erste Ehe, kurz und schmerzhaft. Anna war damals sechsundzwanzig gewesen, verliebt, vertrauensselig und völlig unvorbereitet darauf, dass ein Mensch, mit dem man im selben Bett schläft und am selben Tisch isst, einen Schritt für Schritt ausnehmen kann. Dieser Mann war ein Meister schöner Worte und leerer Taschen gewesen. Als er ging, nahm er alles mit, was sich tragen ließ.
Seit damals hatte Anna sich verändert. Nicht zum Schlechten, nicht verbittert. Sie war einfach aufmerksam geworden. Sehr aufmerksam.
Als Lukas um sie geworben hatte, hatte er anders gewirkt. Lebendig, witzig, jemand, der zuhören konnte. Das erste Jahr fühlte sich beinahe echt an. Dann aber begannen, langsam und kaum sichtbar, wie Wasser, das Stein aushöhlt, die kleinen Verschiebungen. Er wurde etwas bequemer. Etwas weniger interessiert. Seine Mutter tauchte immer öfter auf. Gespräche über Geld wurden drängender.
Und dann war da noch das Handy. Lukas legte es plötzlich immer mit dem Display nach unten hin. Immer. Es war nur eine Kleinigkeit, aber Anna bemerkte solche Kleinigkeiten.
