Eines Abends, nachdem Lukas nach dem Essen auf dem Sofa eingeschlafen ist, hat sein Handy leise zu vibrieren begonnen. Anna hat nicht danach gegriffen. Nein, so eine war sie nicht. Aber den Namen am Display hat sie trotzdem gesehen.
„Claudia“. Mit einem Herz daneben.
Sie hat das Handy wieder auf das kleine Tischerl gelegt, genau dorthin, wo es gelegen hatte. Dann ist sie in die Küche gegangen, hat sich ein Glas Wasser eingeschenkt und gedacht: Aha. Also so ist das.
Von diesem Moment an hat sie zu zählen begonnen. Nicht Geld. Nicht Ausgaben. Sondern Zeit. Wie viel Zeit sie brauchen würde, um alles ordentlich vorzubereiten. Ohne Hast. Ohne Fehler. Damit sie, wenn der Augenblick kommt, nicht mehr überlegen muss.
Dieser Augenblick ist an jenem Abend im Wohnzimmer gekommen.
— Das Geld in dieser Familie kontrolliere ab jetzt ich. Oder ich brauche so eine Frau nicht!
„Gut“, hat sie gesagt.
Lukas hat ihr nachgeschaut und nicht verstanden, warum sich plötzlich etwas Unangenehmes in ihm geregt hat. Als hätte er etwas übersehen. Etwas Wesentliches.
Anna ist ins Schlafzimmer gegangen, hat den Laptop aufgeklappt und Theresa geschrieben: „Wir fangen an.“
Nach zwei Minuten ist die Antwort gekommen: „Ich bin bereit. Morgen um zehn?“
„Um zehn“, hat Anna zurückgeschrieben.
Hinter der Wand hat Lukas den Fernseher eingeschaltet. Ganz wie immer am Abend. In seiner Vorstellung lief das Leben weiter in den gewohnten Bahnen.
Er hatte keine Ahnung, dass es bereits vorbei war.
Am nächsten Morgen hat sich Lukas benommen, als hätte es das Gespräch vom Vorabend nie gegeben. Das war seine Spezialität: verletzende Dinge sagen, einmal darüber schlafen und zum Frühstück wieder frisch, fast gutmütig, auftauchen. Er saß in der Küche im T-Shirt, wischte am Handy herum und schlürfte seinen Kaffee.
— Gehst du heute arbeiten? — fragte er, ohne aufzuschauen.
— Ja, — sagte Anna und nahm ihre Tasche. — Ich komme spät heim.
Er nickte nur. Sein Blick war schon wieder am Display.
Sie ging.
Theresas Kanzlei lag in einem modernen Bürohaus in der Wiener Innenstadt: viel Glas, ein nüchterner Empfang, der Geruch von gutem Kaffee und fremden Problemen. Anna war schon zweimal hier gewesen, aber erst jetzt hatte sie das Gefühl, nicht mehr um Rat zu bitten. Diesmal ging es ums Handeln.
Theresa empfing sie ohne unnötige Worte, schloss die Tür und legte die Unterlagen auf dem Tisch aus.
— Also, — begann sie. — Bei der Wohnung ist alles eindeutig. Vor der Ehe gekauft, der Kredit mit Ihrem Geld getilgt, der Grundbuchsauszug läuft auf Sie. Darauf kann er keinen Anspruch erheben. Das Haus am Land ist genauso unproblematisch, Schenkung Ihrer Eltern. Das Auto gehört ebenfalls Ihnen. Was das gemeinsame Konto betrifft: Gab es dort regelmäßige Einzahlungen von ihm?
— Kaum der Rede wert, — sagte Anna. — In den letzten sechs Monaten überhaupt nichts mehr.
Theresa machte sich eine Notiz.
— Dann stehen die Chancen bei einer Aufteilung klar auf Ihrer Seite. Einen Punkt gibt es allerdings noch. — Sie hob den Blick. — Sie haben erwähnt, dass er wollte, dass Sie Geld „nach und nach“ auf sein Konto überweisen. Ist das passiert?
— Nein. Ich habe das Gespräch gehört, aber dazu ist es nicht gekommen.
— Gut. Dann gibt es in dieser Hinsicht nichts zu dokumentieren. Wir starten einfach das Verfahren.
Anna nickte. In ihr war es ruhig. Dieses besondere Ruhigsein, das Lukas so gehasst hat. Er hielt es für Kälte. In Wahrheit war es Klarheit.
Während Anna bei der Juristin saß, hatte Hedwig ihren Sohn bereits angerufen.
— Lukas, was ist jetzt? Habt ihr gestern geredet?
— Ja, Mama.
— Und?
— Sie hat zugestimmt. Sie hat gesagt: gut.
Ein kurzer Moment Stille. Dann kam die Stimme seiner Mutter, zufrieden und ein wenig ölig:
— Siehst du. Ich hab’s dir doch gesagt. Das hättest du schon viel früher machen müssen. Sie ist weich. Die gibt nach.
Lukas schwieg. Aus irgendeinem Grund ließ ihn dieses „gut“ seit der Früh nicht los. Aber er schob den Gedanken weg. Was sollte schon sein. Eine Ehefrau war eine Ehefrau. Wohin sollte sie denn gehen.
Hedwig kam gegen Mittag vorbei — „einfach so“, mit einem Einkaufssackerl in der Hand. Sie mochte es überhaupt, aufzutauchen, wenn Anna nicht daheim war. An solchen Tagen bewegte sie sich in der Wohnung sicherer, fast selbstverständlich. Sie berührte Dinge. Öffnete Kästen — „nur um zu schauen, ob man helfen muss“. Einmal hatte Anna in der Küche das Geschirr anders eingeräumt vorgefunden und lange auf die Regale gestarrt, weil sie verstehen wollte, wozu das gut sein sollte. Es ging nur darum, eine Spur zu hinterlassen. Ich war hier. Ich gehöre auch dazu. Ich bin hier ebenfalls die Hausherrin.
Nein. War sie nicht.
Um drei Uhr nachmittags verließ Anna Theresas Kanzlei und fuhr nicht nach Hause. Sie stellte das Auto bei einem Einkaufszentrum nahe Wien Mitte ab und ging in ein kleines Café im zweiten Stock — jenes, in dem sie sich meistens mit ihrer Schwester traf. Johanna wartete bereits.
Johanna war fünf Jahre älter und konnte genau dann schweigen, wenn Schweigen gebraucht wurde. Sie hörte sich alles an: das Gespräch im Wohnzimmer, den Termin bei Theresa, das Handy mit dem Herzchen neben Claudias Namen. Erst ganz am Ende stellte sie eine Frage.
— Bist du dir wirklich sicher?
— Ja.
— Du wirst es nicht bereuen?
Anna dachte nach. Nicht flüchtig, nicht aus Trotz. Wirklich.
— Nein. Ich lebe seit drei Jahren in Erwartung. Ich bin müde davon, darauf zu warten, dass es besser wird.
Johanna legte ihre Hand auf Annas.
— Dann bin ich da. Was brauchst du?
— Im Moment nichts. Du sollst es nur wissen.
Sie blieben noch eine Stunde sitzen. Danach sprachen sie über andere Dinge: über Johannas Neffen, über ihren Wunsch, die Arbeit zu wechseln, über irgendeine Ausstellung im MuseumsQuartier. Ein ganz gewöhnliches Gespräch zweier Schwestern in einem Café. Von außen betrachtet war daran nichts Besonderes.
Am Abend kam Anna um halb acht nach Hause. In der Küche war alles aufgeräumt — Hedwig war also da gewesen.
