„Ab jetzt kontrolliere ich das Geld in dieser Familie. Oder ich brauche so eine Frau nicht!“ — Anna lächelte kaum merklich, sagte nur „In Ordnung“ und verließ das Wohnzimmer

Ihre stille Haltung war zugleich grausam und bewundernswert.
Geschichten

Sie kam gern vorbei, wenn niemand daheim war. Und jedes Mal hat sie das Geschirr abgewaschen, sobald sie in einer Wohnung zu Gast gewesen ist. Das war ihre Art, eine Spur zu hinterlassen. So, als wollte sie sagen: Ich habe hier gewirtschaftet, während du nicht da warst.

Lukas saß im Wohnzimmer und schaute irgendetwas auf dem großen Bildschirm. Sein Handy lag neben ihm, mit dem Display nach unten.

— Hast du gegessen? — fragte er.

— Ja.

— Mama war kurz da. Hat ein bisserl zusammengeräumt.

— Hab ich gesehen, — sagte Anna ruhig.

Sie ging ins Schlafzimmer, zog sich um und kam wieder zurück. Dann setzte sie sich mit einem Buch in den Sessel. Ein ganz normaler Abend, ein ganz gewöhnliches Bild. Lukas warf ihr von der Seite einen Blick zu. Sie las, ohne in seine Richtung zu schauen. Er wollte etwas sagen, fand aber keinen Anlass.

Da vibrierte sein Handy leise. Er griff sofort danach, beinahe automatisch, und stand auf.

— Ich telefonier kurz, — murmelte er in den Raum hinein.

— Passt, — sagte Anna, ohne den Blick von der Seite zu heben.

Hinter der Wand war seine gedämpfte Stimme zu hören. Dann ein Lachen. Kurz, aber lebendig. Ganz anders als das Lachen, das er ihr gegenüber noch übrig hatte.

Anna blätterte um.

Wütend war sie nicht. Wut kam dann, wenn man nicht wusste, was man tun sollte. Sie aber wusste es.

Am nächsten Tag, zu Mittag, kam eine Nachricht von Theresa: „Die Unterlagen sind fertig. Wir können jederzeit einreichen. Ich warte auf Ihr Zeichen.“

Anna steckte das Handy wieder in die Tasche und kehrte in die Besprechung zurück. Sie lächelte einer Kollegin zu, sagte etwas zum Quartalsbericht und nickte ihrem Vorgesetzten zu. Alles wie immer.

Nur tief in ihr machte etwas ganz leise klick. Wie ein Schloss, das endlich eingerastet war.

Das Zeichen würde kommen. Bald.

Lukas ahnte noch nicht, dass seine schöne, schweigsame, angeblich so „sanfte“ Frau seit Monaten Stück für Stück ein Bild zusammengesetzt hatte — und dass das letzte Teilchen bereits in ihrer Tasche lag.

Hedwig wusste ebenfalls noch nicht, dass die Wohnung, in der sie so selbstsicher Teller und Häferl umgestellt hatte, niemals ihr gehören würde. Kein einziges Stück davon.

Und Claudia mit dem Herzchen hatte vermutlich auch keine Ahnung, dass ihr Verehrer sehr bald ohne Wohnung, ohne Auto und ohne großzügige Ehefrau im Hintergrund dastehen würde.

Aber das kam alles erst ein wenig später.

Vorläufig war Mittwoch. Anna stand in der Teeküche der Firma, trank Kaffee, schaute hinaus auf die Frühlingsstadt und dachte daran, am Wochenende bei ihrer Mutter vorbeizufahren. Sie hatten einander schon viel zu lange nicht gesehen.

Das Leben lief weiter, als wäre nichts geschehen.

Das Zeichen an Theresa schickte Anna am Donnerstag in der Früh.

Sie schrieb nur ein einziges Wort: „Einreichen.“

Dann legte sie das Handy in ihre Tasche, trank ihren Kaffee aus und fuhr ins Büro. Der Tag verlief unspektakulär: Besprechungen, Telefonate, Tabellen. Niemand in ihrer Umgebung konnte wissen, dass zur selben Zeit am anderen Ende der Stadt eine Juristin sorgfältig die Scheidungsunterlagen einbrachte.

Lukas erfuhr es nicht sofort.

Die Ladung kam in der darauffolgenden Woche — auf Papier, mit der Post, ganz ordnungsgemäß. Er hielt das Kuvert in der Hand und starrte lange darauf, als begriffe er nicht, was er da überhaupt bekommen hatte. Dann begriff er es doch. Und das Erste, was er tat: Er rief seine Mutter an.

Hedwig war vierzig Minuten später da. Sie stürmte in die Wohnung — in Annas Wohnung, mit Annas Renovierung und Annas Möbeln — und begann sofort zu reden, laut, hastig, während sie im Gehen den Mantel auszog.

— Das meint sie nicht ernst. Sie will nur Druck machen. Lukas, jetzt krieg keine Panik, das ist reine Manipulation. Solche Frauen muss man streng nehmen, ich hab es immer gesagt.

Anna saß am Küchentisch vor ihrem Laptop. Sie ging nicht weg. Sie versteckte sich nicht. Sie arbeitete — oder tat zumindest so. In Wahrheit hörte sie nur zu.

— Anna, — Hedwigs Stimme wurde plötzlich weich, beinahe zärtlich, — jetzt reden wir doch wie vernünftige Menschen. Familie ist wichtig. Es gibt halt Streit, ja. Lukas ist übers Ziel hinausgeschossen, na und?

— Hedwig, — Anna klappte den Laptop zu und sah sie ruhig an, — die Unterlagen sind bereits eingereicht. Es gibt nichts mehr zu besprechen.

Hedwig öffnete den Mund. Schloss ihn wieder. Dann brachte sie doch noch etwas heraus:

— Ist dir klar, dass er sich eine andere suchen wird? Eine bessere als dich?

— Das hoffe ich sehr, — sagte Anna, ganz ohne Spott.

Der Gerichtstermin war einen Monat später. Lukas erschien mit einem Anwalt — einem älteren Herrn mit Aktentasche, den allem Anschein nach Hedwig organisiert hatte. Der Anwalt versuchte gleich zu Beginn, Druck aufzubauen: gemeinsames Vermögen, Beitrag des Ehegatten zum Familienbudget, immaterieller Schaden.

Theresa hörte schweigend zu. Danach öffnete sie ihre Mappe.

Die Wohnung — Kaufunterlagen aus der Zeit vor der Ehe. Der Kredit — Kontoauszüge, sämtliche Zahlungen von Annas Karte. Das Wochenendhaus — ein notariell beglaubigter Schenkungsvertrag. Das Auto — aus Annas Eigenmitteln gekauft, noch vor der Eheschließung.

Gemeinsames Vermögen: ein Kühlschrank, eine Waschmaschine, der Fernseher im Wohnzimmer.

Lukas’ Anwalt räusperte sich. Blätterte in seinen Papieren. Räusperte sich noch einmal.

Die Richterin — eine nicht mehr junge Frau mit müdem, aber sehr wachem Blick — ging die Unterlagen durch und hob ab und zu die Augen zu Lukas. Er saß aufrecht da, doch irgendetwas in ihm begann bereits nachzugeben. Wie Luft, die langsam aus einem Luftballon entweicht — leise, aber unaufhaltsam.

— Wie hoch war der Beitrag des Beklagten zum Familienbudget in den vergangenen zwei Jahren? — fragte die Richterin.

Theresa schob ihr die Kontoauszüge hin.

Hedis Stube