Aus den Auszügen war klar ersichtlich: Lukas hatte in zwei Jahren insgesamt ein wenig mehr als 800 € auf das gemeinsame Konto überwiesen. Anna dagegen mehr als 20.000 €.
Im Saal wurde es auf einmal so still, als hätte jemand die Luft verdichtet.
— Hat der Beklagte eine feste Arbeitsstelle? — fragte die Richterin weiter.
Lukas’ Anwalt beugte sich zu ihm hinüber und murmelte ihm etwas zu. Lukas zuckte nur mit der Schulter.
Das Urteil fiel erst nach drei Verhandlungsterminen. Am Ende blieb alles bei Anna: die Wohnung, das Wochenendhaus, das Auto. Lukas wurde zugesprochen, seine persönlichen Sachen mitzunehmen — und den Fernseher. Genau genommen war auch der Fernseher von Annas Geld gekauft worden, aber sie hatte keine Lust mehr, darüber zu streiten. Sollte er ihn haben.
Als er gekommen ist, um seine Dinge abzuholen, war Hedwig wieder dabei. Sie ging durch die Wohnung, als würde ihr etwas auf der Zunge liegen, fand aber offenbar keinen passenden Satz. Das wirkte fast unheimlich, denn sonst hatte Hedwig für alles sofort Worte parat.
Irgendwann blieb sie im Türrahmen zur Küche stehen und sah Anna an.
— Glaubst du wirklich, du hast gewonnen? — fragte sie leise.
— Ich glaube gar nichts, — sagte Anna ruhig. — Ich wohne nur in meiner eigenen Wohnung.
Hedwig presste die Lippen zusammen und ging hinaus.
Lukas zog zu seiner Mutter. Einen anderen Ort hatte er nicht. Claudia war ziemlich schnell verschwunden, sobald sie begriffen hatte, dass auf sie kein Wohlstand wartete.
Hedwig stellte ihrem Sohn einen Teller hin, setzte sich ihm gegenüber und sagte:
— Macht nichts. Wir finden schon eine ordentliche Frau für dich. Keine so überhebliche.
Lukas schwieg. Er starrte auf seinen Teller. Aus irgendeinem Grund fiel ihm plötzlich jener Morgen in der Küche ein: Anna hatte ihre Tasche genommen und war gegangen, während er nicht einmal vom Handy aufgeschaut hatte. Und wie sie gesagt hatte: „Ich komme später heim.“ Ganz sachlich. Ohne Vorwurf. Ohne alles.
Damals hatte er es nicht verstanden. Jetzt begann er langsam zu begreifen.
Anna öffnete an diesem Abend das Fenster im Wohnzimmer, ließ die frische Luft herein und blieb lange stehen, den Blick auf die Stadt gerichtet. Lichter, Autos, fremde Leben — alles bewegte sich, tickte, ging seinem eigenen Rhythmus nach. Sie schenkte sich ein Glas Wein ein, stellte leise Musik über den Lautsprecher an und rief ihre Schwester an.
— Vorbei? — fragte Johanna sofort.
— Vorbei.
— Und wie geht’s dir?
Anna dachte nach. Nicht aus Gewohnheit, sondern wirklich ehrlich.
— Gut, — sagte sie. — Zum ersten Mal seit langer Zeit richtig gut.
Johanna lachte erleichtert.
— Dann kommst du am Wochenende zu mir. Dein Neffe vermisst dich. Und ich auch.
— Abgemacht.
Anna legte das Handy weg und sah wieder hinaus. Die Wohnung um sie herum war still und gehörte ihr — jede Ecke, jedes Regal, jede Lampe war von ihr ausgesucht worden. Niemand würde mehr in ihrer Abwesenheit das Geschirr umräumen. Niemand würde sein Handy mit dem Display nach unten auf ihr Sofa legen.
Das war ihr Leben. Ihr Raum. Ihre Regeln.
Sie nahm einen Schluck Wein und lächelte. Nicht nur mit einem Mundwinkel, sondern offen, breit und echt.
Das Spiel war zu Ende. Gewonnen hatte sie nicht, weil sie härter gespielt hatte. Sondern weil sie länger nachgedacht hatte.
Ein Jahr ist fast unbemerkt vergangen.
Anna ließ in der Wohnung ein paar Kleinigkeiten machen: Die Wände im Wohnzimmer bekamen eine neue Farbe, und sie kaufte ein neues Sofa. Hell, großzügig, ohne fremde Sakkos über der Lehne. Es war nur eine Kleinigkeit, und doch spürte sie jedes Mal, wenn sie den Raum betrat, etwas Warmes in sich aufsteigen — dieses besondere Gefühl, wenn ein Ort vollständig einem selbst gehört.
In der Arbeit wurde sie befördert. Wirklich überrascht hat sie das nicht. In den vergangenen sechs Monaten hatte sie mit einer solchen Ruhe und Konzentration gearbeitet, dass das Ergebnis beinahe logisch gewesen ist. Wenn der Kopf nicht mehr mit den Problemen anderer Leute vollgestopft ist, bleibt darin erstaunlich viel Platz für die eigenen Ideen.
Manchmal dachte sie noch an Lukas. Nicht schmerzhaft, nicht sehnsüchtig. Eher so, wie man an ein Buch denkt, das man vor langer Zeit zugeschlagen hat. Man wüsste vielleicht gern, wie die Geschichte ausgegangen ist — aber noch einmal lesen möchte man sie nicht.
Es hieß, er habe schließlich doch Arbeit gefunden, irgendetwas mit kleinen Vermittlungen und Gelegenheitsgeschäften. Außerdem erzählte man, er wohne immer noch bei seiner Mutter und sie hätten sich heftig wegen Geld gestritten. Eine Ironie, wie sie nur das Leben zustande bringt: Hedwig, die so gern über das Budget anderer bestimmen wollte, musste nun ihre eigene Pension mit ihrem Sohn teilen — und fand daran offenbar wenig Freude.
Claudia, so hörte man, traf sich inzwischen längst mit jemand anderem.
Alles nahm seinen Lauf.
An einem Samstag fuhr Anna auf den Markt, um Blumen für den Balkon zu kaufen. Sie wählte lange, sehr genau, ließ sich verschiedene Sorten zeigen und diskutierte mit dem Verkäufer über Farben und Pflege. Danach ging sie in ein kleines Kaffeehaus gleich ums Eck, bestellte einen Cappuccino und setzte sich ans Fenster.
Am Nebentisch lachte ein Paar laut auf. Jung, sorglos — er erzählte irgendetwas, sie hörte zu und lachte so herzlich, dass sie den Kopf in den Nacken warf.
Anna sah sie an, ohne Neid. Einfach nur so.
Dann nahm sie ihr Handy heraus und schrieb Johanna: „Morgen komme ich zu dir. Ich bringe eine Torte mit.“
Die Antwort kam sofort: „Endlich. Dein Neffe hat schon nach Tante Anna gefragt.“
Anna lächelte, trank ihren Kaffee aus und trat hinaus auf die Straße — hinein in einen ganz gewöhnlichen Samstag, der ihr gehörte. Von niemandem überwacht. Von niemandem beansprucht. Von niemandem gelenkt.
Das Beste, was ihr in den letzten Jahren passiert war, war nicht das Urteil gewesen.
Sondern dass sie sich rechtzeitig die Wahrheit gesagt hatte.
Und rechtzeitig ihre Schlüsse gezogen hatte.
