„Entweder kriegt meine Mutter heute die Schlüssel zu unserer Wohnung, oder ich gehe morgen zum Anwalt und lasse mich scheiden!“ — Markus schlug mit der flachen Hand so heftig auf den Küchentisch, dass das Häferl hüpfte

Diese Forderung war unerhört, herzlos und zutiefst verräterisch.
Geschichten

„Entweder bekommt meine Mutter heute noch die Schlüssel zu unserer Wohnung, oder ich reiche morgen die Scheidung ein“, sagte Markus. Eine Woche später flehte seine Mutter selbst darum, nicht wieder zurückzumüssen.

— Entweder kriegt meine Mutter heute die Schlüssel zu unserer Wohnung, oder ich gehe morgen zum Anwalt und lasse mich scheiden! — Markus schlug mit der flachen Hand so heftig auf den Küchentisch, dass das Häferl mit dem halb ausgetrunkenen Tee auf der Untertasse hüpfte und der kleine silberne Löffel klirrend auf den Boden fiel.

Anna starrte ihren Mann einige Sekunden lang an, als wäre da plötzlich ein völlig fremder Mensch in ihrer kleinen Küche aufgetaucht, an diesem späten, kalten Oktoberabend. Draußen nieselte es, Regentropfen krochen träge über die Fensterscheibe, im Backrohr kühlte das Hendl mit Erdäpfeln aus, das sie extra für seine Heimkehr gemacht hatte. Auf dem Fensterbrett brannte die kleine Lampe mit dem warmen gelben Schirm, die Anna im Herbst immer einschaltete, damit die Wohnung behaglicher wirkte. Noch am Morgen hatte Markus ihr einen Kuss auf die Schläfe gegeben, gefragt, ob er am Abend Brot mitnehmen solle, und versprochen, am Wochenende endlich das Regal im Vorzimmer zu montieren. Und jetzt stand er ihr gegenüber, atmete schwer und verlangte, dass seine Mutter einen Schlüssel zu ihrer Wohnung bekam. Anna spürte weniger Angst als eine tiefe Kränkung: Ihr Zuhause, das sie acht Jahre lang Stück für Stück aufgebaut hatten, war auf einmal kein Ort mehr, an dem zwei Menschen gemeinsam entschieden.

— Sag das noch einmal, — sagte sie leise.

— Du hast mich sehr gut verstanden.

— Nein. Sag es noch einmal. Langsam.

Markus fuhr sich gereizt mit der Hand durch die Haare.

— Mama hat nirgends, wo sie hin kann. Ihre Wohnung hat sie verkauft, das Haus, in das sie investiert hat, ist nicht fertig. Im Moment wohnt sie bei Tante Barbara, aber dort geht es auch nicht — eine Einzimmerwohnung, und Barbaras Mann ist nach der Operation noch nicht auf den Beinen. Mama kann dort nicht bleiben. Ich habe ihr angeboten, dass sie für ein paar Monate zu uns zieht.

— Du hast ihr das angeboten?

— Ja.

— Ohne mich zu fragen?

— Anna, das ist meine Mutter!

— Und das hier ist mein Zuhause.

— Unser Zuhause!

— Eben, Markus. Unseres. Also entscheidet man so etwas gemeinsam.

In der Küche wurde es so still, dass man hörte, wie der Nachbar über ihnen irgendetwas über den Boden schob. Anna beugte sich hinunter, hob den Löffel auf und legte ihn neben das Häferl. Sie wollte ihre Hände beschäftigen, weil ihre Finger sichtbar zitterten. Sie hasste ihre Schwiegermutter keineswegs, auch wenn Markus das bei Streitereien manchmal behauptete. Im Gegenteil: In den ersten Jahren nach der Hochzeit hatte Anna sich ehrlich bemüht, für Hedwig vielleicht nicht wie eine Tochter, aber doch wie ein nahestehender Mensch zu werden. Sie hatte sie zu Feiern eingeladen, war mit ihr einkaufen gegangen und hatte sie zu Ärzten gebracht, wenn Hedwig wieder über ihren Blutdruck klagte. Aber miteinander wohnen — das war etwas völlig anderes. Vor allem nach jenen zwei Monaten vor sieben Jahren, als ihre Schwiegermutter schon einmal „wirklich nur für ein Wöcherl“ bei ihnen untergekommen war und dann das Geschirr umgeräumt, auf den Kästen nach Staub gesucht und eines Tages Annas Lieblingsdecke weggeworfen hatte mit den Worten: „Die ist ja schon ganz abgenützt.“

— Ich bin nicht einverstanden, — sagte Anna.

Markus lachte kurz auf, aber ohne jede Freude.

— Meinst du das jetzt ernst?

— Vollkommen.

— Das heißt, meine Mutter soll auf der Straße landen?

— Verdreh mir nicht die Worte. Deine Mutter hat Geld.

— Welches Geld?

Anna hob den Blick.

— Das Geld aus dem Verkauf ihrer Wohnung.

Ihr Mann schwieg.

Und dieses Schweigen dauerte viel zu lang.

— Markus?

— Sie hat es in den Bau gesteckt.

— Alles?

— Fast alles.

— In einen Wohnbau, den es bis heute nicht gibt?

— Der Bauträger ist mit den Fristen im Verzug.

— Um wie viel?

— Weiß ich nicht.

— Drei Monate? Ein halbes Jahr?

Markus wandte sich zum Fenster.

— Fast ein Jahr.

Anna setzte sich langsam hin.

Jetzt erst wurde ihr wirklich mulmig.

Hedwig hatte ihre gute Zweizimmerwohnung verkauft, die sie noch von ihren Eltern geerbt hatte, weil eine Bekannte sie überredet hatte, in eine neue Wohnanlage am Stadtrand von Wien zu investieren. Ihre Schwiegermutter hatte von einem abgeschlossenen Innenhof erzählt, von Panoramafenstern und einem Springbrunnen beim Eingang. Sie hatte schöne Visualisierungen des künftigen Hauses hergezeigt und versichert, in acht Monaten werde sie in eine nagelneue Wohnung einziehen. Anna hatte damals vorsichtig gefragt, ob es nicht besser wäre, den Bauträger zuerst genauer zu prüfen. Darauf hatte sie nur eine eisige Antwort bekommen: „In mein Geld schaust du bitte nicht hinein.“

Und nun war dieses Geld weg.

— Gut, — sagte Anna nach einer Pause. — Dann mieten wir deiner Mutter eine Wohnung.

— Wovon?

— Wir können die Hälfte zahlen. Die andere Hälfte soll sie übernehmen.

Markus drehte sich ruckartig zu ihr um.

— Sie hat fast nichts mehr.

— Dann soll dein Bruder mithelfen.

— Florian zahlt seinen Wohnkredit ab.

— Wir auch.

— Florian hat zwei Kinder.

— Und wir haben einen jugendlichen Sohn, der sein eigenes Zimmer braucht, und ich arbeite von daheim.

Anna reparierte Kleidung und nähte Vorhänge nach Maß. Das kleinste Zimmer ihrer Dreizimmerwohnung war ihre Werkstatt: zwei Nähmaschinen, ein großer Zuschneidetisch, Stoffrollen, Schachteln mit Zubehör, Musterkataloge. Dieser Raum brachte der Familie beinahe die Hälfte des Einkommens ein, und genau mit diesem Geld zahlten sie seit vier Jahren ihren Wohnkredit schneller zurück.

— Dann stellen wir die Maschinen eben ins Schlafzimmer, — warf Markus hin.

Anna glaubte im ersten Moment, sie habe sich verhört.

— Was?

— Na, vorübergehend. Mama nimmt die Werkstatt.

— Und die Stoffe?

— Auf den Balkon.

— Dort ist es feucht.

— Dann verkaufst du halt einen Teil oder bringst ihn irgendwo unter.

Anna sah ihren Mann an und begriff plötzlich, dass es in diesem Streit gar nicht um ein Zimmer ging.

Er hatte schon alles entschieden.

Ohne sie.

— Du hast deiner Mutter also bereits versprochen, dass sie einzieht?

Markus antwortete nicht.

— Wann?

— Am Samstag.

Anna wurde blass.

— Heute ist Donnerstag.

— Genau deshalb müssen wir das jetzt klären.

— Du hast ihr schon gesagt, dass ich einverstanden bin?

— Ich habe gesagt, wir werden eine Lösung finden.

— Nein, Markus. Du hast ihr gesagt, dass sie kommen kann. Und jetzt willst du mich dazu zwingen, zuzustimmen, weil du sonst wie ein schlechter Sohn dastehst.

— Es reicht!

Wieder schlug er mit der Hand auf den Tisch.

— Du konntest sie doch noch nie ausstehen!

— Und du hattest noch nie den Mut, ihr Nein zu sagen!

Markus riss seine Jacke vom Haken.

— Wenn Mama hier nicht wohnen darf, dann kannst du davon ausgehen, dass es unsere Familie nicht mehr gibt.

Die Tür fiel krachend ins Schloss.

Anna blieb allein in der Küche sitzen.

Sie weinte nicht.

Aus irgendeinem Grund wollte sie vor allem das Backrohr ausschalten, obwohl es längst ausgeschaltet war.

Hedis Stube