Am nächsten Tag hat Hedwig selbst angerufen.
— Annerl, der Markus hat mir gesagt, du machst dir Sorgen wegen meines Umzugs.
Anna schloss für einen Moment die Augen.
Immer wenn ihre Schwiegermutter sie „Annerl“ nannte, war das ein sicheres Zeichen dafür, dass gleich eine besonders unangenehme Bitte kommen würde.
— Ich mache mir keine Sorgen, Frau Hedwig. Ich bin dagegen.
Am anderen Ende der Leitung blieb es still.
— So weit ist es also schon?
— Ja. So weit.
— Es wäre ja nicht für lang.
— Wie lang genau?
— Bis meine Wohnung fertig ist.
— Und wann soll das sein?
— Im Frühling.
— In welchem?
Hedwig seufzte gekränkt.
— Das hätte ich mir von dir nicht erwartet.
— Was genau?
— Dass du einen Menschen aus der Familie in einer schwierigen Lage nicht einmal über die Schwelle lässt.
Anna sah in Richtung ihrer Werkstatt. Auf dem Tisch lag der teure grüne Stoff für einen Auftrag, daneben stand ein Häferl kalt gewordener Kaffee, und über der Lehne des Sessels hingen die neuen Vorhänge, die am Abend von einer Kundin abgeholt werden sollten.
— Warum kann Florian Sie nicht aufnehmen?
— Er hat Kinder.
— Wir haben Tobias.
— Tobias ist doch schon groß.
— Er ist vierzehn.
— Eben. Fast ein Mann.
Anna lachte plötzlich auf, ohne es gewollt zu haben.
— Frau Hedwig, das ist schon bemerkenswert. Wenn ein Zimmer gebraucht wird, ist Tobias ein erwachsener Mann. Als er im Sommer mit seinen Freunden an den See fahren wollte, war er für Sie noch ein kleines Kind.
— Dreh mir nicht jedes Wort im Mund um.
— Das tue ich nicht. Ich schlage nur vor, dass wir ehrlich über Möglichkeiten reden.
— Welche Möglichkeiten denn noch?
— Wir könnten Ihnen eine Wohnung mieten. Markus und ich würden mitzahlen.
— Bin ich eine Fremde, dass man mich in irgendeine Mietwohnung abschiebt?
In diesem Augenblick begriff Anna endgültig: Es ging nicht bloß ums Geld.
Hedwig wollte zu ihnen. Genau zu ihnen.
—
Am Samstag läutete es um halb zehn in der Früh an der Tür.
Anna machte auf.
Draußen im Stiegenhaus stand Hedwig.
Neben ihr: vier riesige Koffer, zwei karierte Reisetaschen, eine Schachtel mit Geschirr, ein Fernseher und ein Ficus im Topf.
Hinter seiner Mutter stand Markus und lächelte schuldbewusst.
— Mama, komm rein.
Anna stellte sich in die Tür.
— Nein.
Das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht.
— Anna, bitte mach jetzt kein Theater.
— Ich habe dich gewarnt.
— Sie ist schon da!
— Das sehe ich.
Hedwig zog langsam ihre Handschuhe aus.
— Markus, lass nur. Du siehst ja, wir sind hier nicht willkommen.
Und genau dieses ruhige, leidende „wir sind hier nicht willkommen“ traf Markus härter, als es jeder Schrei gekonnt hätte.
— Das ist auch meine Wohnung! — fuhr er sie an. — Mama, komm herein!
Er griff nach einem Koffer.
Anna wich keinen Schritt zurück.
— Stell ihn hin.
— Geh aus dem Weg.
— Markus, wenn du ihre Sachen jetzt hereinträgst, zeigst du mir, dass meine Meinung in dieser Familie überhaupt nichts zählt.
— Und wenn ich es nicht tue, zeige ich meiner Mutter, dass ich sie im Stich lasse!
— Warum muss die Entscheidung immer zwischen mir und deiner Mutter fallen?
— Weil du es genau dazu gemacht hast!
In diesem Moment kam Tobias aus seinem Zimmer.
Groß, dünn, in einem ausgeleierten Heim-T-Shirt, blieb er stehen und sah ein paar Sekunden lang von einem Erwachsenen zum anderen.
— Hallo, Oma.
— Tobias, mein Schatz …
— Papa, hör auf, Mama anzuschreien.
Markus erstarrte.
— Geh in dein Zimmer.
— Ich höre sowieso alles.
— Tobias!
— Du brüllst ja durch die ganze Wohnung.
Anna wurde kreidebleich.
— Tobias, bitte.
Der Bub verschwand wieder.
Hedwig stieß einen schweren Seufzer aus.
— So weit ist es also gekommen. Das Kind weist seinen Vater zurecht.
Anna spürte, wie in ihr etwas nachgab.
Sie trat zur Seite.
— Gut.
Markus sah sie überrascht an.
— Was?
— Dann soll sie bleiben.
Hedwig richtete sich sogar ein wenig auf.
Doch Anna sprach weiter:
— Aber nur bis zum ersten Jänner. Und meine Werkstatt räume ich nicht.
— Und wo soll Mama schlafen?
— Im Wohnzimmer.
— Auf der Couch?
— Ja.
Hedwig presste die Lippen zusammen.
— Macht nichts, Markus. Ich bin nicht heikel. Auf einem Kanapee kann ich auch schlafen.
Sie ging hinein.
Und Anna wusste im selben Moment, dass sie einen Fehler gemacht hatte.
—
Die ersten drei Tage waren beinahe vorbildlich.
Hedwig stand früher auf als alle anderen, kochte Frühstücksbrei, wischte den Tisch ab und holte Tobias nach der Schule ab.
— Siehst du? — flüsterte Markus ihr am Abend zu. — Und du hast dich so gefürchtet.
Am vierten Tag war die Dose mit dem teuren Kaffee verschwunden.
— Ich hab ihn umgefüllt, — erklärte Hedwig. — Wozu soll man die Küche mit Dosen vollstellen?
Am fünften Tag fand Anna ihre Stoffe am Balkon.
— Ich konnte sonst die Couch nicht ausziehen.
— Die können feucht werden!
— Geh bitte, in einer Nacht passiert da gar nichts.
Am sechsten Tag hatte Hedwig die Hälfte der Küchenkästln umgeräumt.
Am siebenten warf sie eine alte Pfanne weg.
Am achten empfing sie Annas Kundin mit den Worten:
— Ziehen Sie bitte die Schuhe aus, bei uns ist es sauber.
Und gleich danach fragte sie:
— Und wie viel zahlen Sie ihr für diese Vorhänge?
An diesem Abend sperrte sich Anna im Bad ein und weinte zum ersten Mal.
Nicht, weil ihre Schwiegermutter ein Ungeheuer gewesen wäre.
Sondern weil Anna Stück für Stück aus ihrer eigenen Wohnung verschwand.
—
Zwei Wochen später kam es zum ersten wirklich heftigen Streit.
Anna kam vom Einkaufen zurück und bemerkte sofort, dass die Tür zur Werkstatt offenstand.
An ihrem Zuschneidetisch saß Hedwig.
Vor ihr lagen Unterlagen.
— Was machen Sie da?
Die Schwiegermutter zuckte zusammen.
— Nichts.
Anna sah die Mappe.
Die Unterlagen für den Wohnungskredit.
— Woher haben Sie das?
— Das ist im Kasten gelegen.
— In einem zugesperrten Kasten.
— Jetzt fang nicht gleich wieder an.
Anna riss die Mappe an sich.
— Haben Sie in meinen Sachen herumgewühlt?
— Ich wollte nur sehen, wie viel ihr noch zahlen müsst.
— Warum?
Hedwig lächelte plötzlich.
— Nur so. Aus Interesse.
Anna lief ein kalter Schauer über den Rücken.
— Gehen Sie hier nie wieder hinein.
— Das ist die Wohnung meines Sohnes.
— Die Hälfte dieser Wohnung gehört mir.
— Eben. Die Hälfte.
Dieser Satz klang seltsam.
Anna merkte ihn sich.
—
Noch eine Woche später rief Tante Barbara an.
— Anna, darf ich dich etwas fragen?
— Natürlich.
— Wohnt Hedwig jetzt bei euch?
— Ja.
— Hat sie dir gesagt, warum sie von mir weg ist?
— Weil es bei euch zu eng geworden ist.
Am anderen Ende wurde es still.
— Anna … wir haben sie nicht hinausgeworfen.
Anna setzte sich hin.
— Was?
— Sie hat ihre Sachen selbst gepackt. Sie hat gesagt: „Ich fahr zum Markus, dort ist die Wohnung größer.“
— Aber Markus hat gesagt …
— Ich weiß nicht, was Markus dir erzählt hat. Bei uns hätte sie bleiben können, so lange sie gewollt hätte.
Anna spürte ein unangenehmes Kribbeln in den Fingern.
— Tante Barbara, stimmt es überhaupt, dass ihr Geld weg ist?
Die Frau atmete schwer aus.
— Das kann ich dir nicht sicher sagen. Aber vor ungefähr zwei Monaten hat sie etwas erzählt.
