„Entweder kriegt meine Mutter heute die Schlüssel zu unserer Wohnung, oder ich gehe morgen zum Anwalt und lasse mich scheiden!“ — Markus schlug mit der flachen Hand so heftig auf den Küchentisch, dass das Häferl hüpfte

Diese Forderung war unerhört, herzlos und zutiefst verräterisch.
Geschichten

Sie hat fast ein bisserl damit angegeben, dass sie noch etwas als Spareinlage liegen hat. Sie hat gemeint: „So narrisch bin ich nicht, dass ich alles bis auf den letzten Cent hergeb.“

Anna legte das Handy langsam weg.

Markus sagte sie an diesem Abend kein Wort davon.

Zum ersten Mal seit vielen Jahren beschloss sie, nicht sofort zu reden, sondern zuerst nachzuprüfen.

Ein paar Tage später ging Hedwig zu einer Freundin.

In der Küche blieb ihr Handy liegen.

Der Bildschirm leuchtete plötzlich auf.

Eine Nachricht.

„Frau Hedwig, wir erinnern Sie: Die Laufzeit Ihres Bankschließfachs …“

Anna drehte den Blick weg.

In einem fremden Handy herumzulesen, brachte sie nicht übers Herz.

Am Abend stellte sie Markus trotzdem eine klare Frage.

— Hat deine Mutter ein Bankschließfach?

Markus zog die Stirn kraus.

— Wie kommst du jetzt darauf?

— Hat sie eines oder nicht?

— Keine Ahnung.

— Und eine Spareinlage?

— Welche Spareinlage?

Anna erzählte ihm von dem Gespräch mit Tante Barbara.

Zuerst wollte Markus es gar nicht glauben.

Dann rief er seine Mutter an.

— Mama, ist dir von dem Geld noch etwas geblieben?

Hedwig verlor augenblicklich die Farbe im Gesicht.

— Von welchem Geld?

— Von dem Geld für die verkaufte Wohnung.

— Ich hab dir doch gesagt …

— Mama, bitte. Antworte einfach.

Eine ganze Weile schwieg sie.

— Ein bissl was.

— Wie viel?

— Markuserl …

— Wie viel?!

— Achtzehntausend Euro.

Anna erstarrte.

Markus ließ sich auf einen Sessel fallen.

— Achtzehntausend Euro?!

— Das ist mein letztes Geld!

— Du hast gesagt, du hast nichts mehr!

— Was hätte ich denn tun sollen? Alles für eine Mietwohnung ausgeben?

Anna lachte auf.

Es klang nicht heiter.

Eher unheimlich.

— Das heißt, Geld ist da, aber für sich selbst zahlen wollen Sie nicht?

— Warum soll ich fremden Leuten Miete überweisen, wenn mein Sohn drei Zimmer hat?

— Weil Ihr Sohn verheiratet ist!

— Na und?!

— Weil er eine eigene Familie hat!

Hedwig sprang auf.

— Ich bin seine Familie!

— Und was bin dann ich?

Die Schwiegermutter sah sie an.

Und sagte einen Satz, den Anna nie wieder vergessen sollte:

— Frauen kommen und gehen. Eine Mutter hat man nur einmal.

Markus stand langsam auf.

— Mama …

— Was heißt da „Mama“? Hab ich etwa gelogen?

Anna wartete.

Auf einen einzigen Satz.

„Anna ist meine Frau, und so redest du nicht über sie.“

Doch Markus schwieg.

Und dieses Schweigen reichte.

Am nächsten Morgen packte Anna ihren Koffer.

Markus fand sie im Schlafzimmer.

— Wo willst du hin?

— Zu meiner Schwester.

— Wegen gestern?

— Nicht wegen gestern.

Sie zog den Reißverschluss zu.

— Wegen der letzten drei Wochen.

— Anna, bitte. Mama hat sich halt hinreißen lassen.

— Und du?

— Was ich?

— Du hast wieder nichts gesagt.

— Ich wollte keinen Streit.

Anna lächelte bitter.

— Mit deiner Mutter willst du nie Streit. Darum gibt es ihn immer mit mir.

— Mach jetzt kein Drama daraus.

— Ich mache kein Drama. Ich bin nur müde davon, dauernd beweisen zu müssen, dass ich ebenfalls ein Recht auf mein eigenes Zuhause habe.

— Und wie soll es jetzt weitergehen?

— Ich weiß es nicht.

— Scheidung?

Anna sah ihn ruhig an.

— Du hast sie doch selbst ins Spiel gebracht.

Markus wurde blass.

— Das hab ich im Zorn gesagt.

— Ich habe es ernst genommen.

Dann ging sie.

Tobias fuhr mit ihr mit.

In den ersten zwei Tagen rief Markus ununterbrochen an.

Am dritten Tag hörte es auf.

Am fünften schrieb er:

„Reicht es jetzt nicht langsam? Kommt heim.“

Anna antwortete:

„Wenn deine Mutter auszieht.“

Die Antwort kam kaum eine Minute später:

„Ich setze sie nicht vor die Tür.“

Anna schaltete das Handy aus.

Eine Woche später meldete sich Hedwig selbst bei ihr.

Ihre Stimme klang völlig verändert.

— Anna …

— Ja?

— Können wir reden?

— Reden Sie.

— Kannst du vorbeikommen?

— Wozu?

Plötzlich begann die Schwiegermutter zu weinen.

— Bitte.

Anna kam am Abend.

Markus öffnete ihr die Tür.

Er sah furchtbar aus: unrasiert, eingefallen, unter den Augen dunkle Schatten.

— Was ist passiert?

Wortlos ließ er sie hinein.

In der Küche saß Hedwig.

Vor ihr lagen Unterlagen auf dem Tisch.

— Annerl …

— Was ist los?

Die Schwiegermutter schob ihr ein Dokument hin.

Anna begann zu lesen.

Und spürte, wie ihre Hände kalt wurden.

Ein Vertrag.

Aber kein Bauvertrag.

Ein Kreditvertrag.

— Was ist das?

Hedwig verbarg das Gesicht in den Händen.

Markus antwortete an ihrer Stelle:

— Mama hat einen Kredit aufgenommen.

— Wofür?

Stille.

— Wofür?!

— Für Florian, — flüsterte Hedwig.

Anna sank langsam auf einen Sessel.

Nach und nach kam alles heraus. Florian, der jüngere Sohn, hatte vor knapp einem Jahr eine kleine Autowerkstatt eröffnen wollen. Das Geld reichte nicht, die Bank hatte ihn wegen alter Zahlungsrückstände abgewiesen, und daraufhin hatte seine Mutter den Kredit auf ihren Namen genommen. Danach wurde noch mehr gebraucht. Dann lieh sich Florian Geld bei Bekannten. Und schließlich begann das Geschäft Verluste zu machen.

— Und die Wohnung? — fragte Anna.

Hedwig weinte nun noch heftiger.

— Ich hab sie nicht nur wegen der Baustelle verkauft.

Markus schloss die Augen.

— Die Hälfte vom Geld hat sie Florian gegeben.

— Markus hat davon gewusst?

— Nein!

Er fuhr scharf zu Anna herum.

— Ich schwöre dir, nein.

— Und die achtzehntausend Euro?

— Die sind fast weg, — hauchte Hedwig. — Raten … Zinsen …

Darum hatte sie also so verzweifelt keine Wohnung mieten wollen.

Darum hatte sie versucht, sich beim älteren Sohn einzuquartieren.

Doch das Schlimmste kam erst einen Augenblick später heraus.

— Florian ist verschwunden, — sagte Markus.

— Was heißt verschwunden?

— Weggefahren. Handy aus. Seine Frau behauptet, sie weiß nicht, wo er ist.

Hedwig hob ihre verweinten, geschwollenen Augen.

— Markus hat gesagt, dass man die Wohnung verkaufen müsste.

Anna verstand nicht sofort.

— Welche Wohnung?

Die Schwiegermutter sah sie nur an.

Und in diesem Moment fügte sich alles zusammen.

Die Mappe mit den Kreditunterlagen.

Die Fragen nach dem Wert der Wohnung.

Dieser merkwürdige Satz: „Die Hälfte.“

— Sie wollten, dass Markus unsere Wohnung verkauft?

Hedwig schwieg.

— Deswegen haben Sie in unseren Unterlagen herumgewühlt?!

— Ich hab gedacht … wenn man diese verkauft und eine kleinere nimmt …

Anna sprang auf.

— Ist das Ihr Ernst?!

— Anna, beruhig dich, — mischte sich Markus ein.

— Du hast davon gewusst?!

— Nein!

— Aber jetzt weißt du es. Und?

Markus fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht.

— Mama droht ein Gerichtsverfahren.

— Für Schulden kommt man nicht ins Gefängnis, Markus.

— Es geht nicht nur um die Bank. Da sind auch Leute, denen Florian Geld schuldet.

— Und?

Markus sah ihr direkt in die Augen.

— Mama schlägt vor, dass wir unsere Wohnung verkaufen, die Schulden abdecken und uns eine kleinere kaufen.

Anna hatte das Gefühl, als hätte ihr jemand einen Schlag versetzt.

— Und du?

Er schwieg.

— Markus. Ich frage dich zum letzten Mal: Was schlägst du vor?

— Ich weiß es nicht.

— Ich schon.

Sie nahm ihre Tasche.

— Nein.

— Anna …

— Nein. Niemand bekommt diese Wohnung, meinen Anteil oder Tobias’ Geld.

Hedwig sprang auf.

— Soll ich mich also umbringen lassen?!

— Versuchen Sie nicht, mich zu manipulieren!

— Du hetzt meinen Sohn gegen seine Mutter auf!

— Ihr jüngerer Sohn hat Geld genommen und ist verschwunden! Warum soll der Ältere zahlen?

Hedis Stube