Ich habe meinen Sohn seinem Vater mitgegeben. Nicht für ein Wochenende, nicht für die Feiertage im Mai – sondern endgültig.
Dafür braucht man kein Formular. Es gibt nichts, was man unterschreiben könnte. Einen Verzicht auf das eigene Kind schreibt man nicht, so ein Papier existiert nicht. Ich habe einfach seine Tasche gepackt.
„Anna, wie lang brauchst du noch?“, rief Lukas von der Wohnungstür her. Er stand schon in den Schuhen im Vorzimmer und machte keine Anstalten, sie auszuziehen. „Meine Mutter wartet unten im Auto.“
„Gleich. Die medizinischen Unterlagen sind im Seitenfach. Die Hausschuhe sind im Sackerl, ich hab seinen Namen draufgeschrieben.“
Paul kam aus seinem Zimmer, nur in Socken, den Rucksack über der Schulter. Sechs Jahre alt, und er hatte alles allein zusammengesucht und zugemacht.

„Mama, wann holst du mich wieder ab?“, fragte er.
Ich bin vor ihm in die Hocke gegangen und habe seinen Kragen zurechtgezupft.
„Ich komm nicht, Paul. Du wirst jetzt beim Papa wohnen.“
Im Stiegenhaus stand die Nachbarin aus dem vierten Stock, einen Kübel in der Hand. Sie rührte sich nicht vom Fleck. Sollte sie ruhig schauen.
Lukas hob die karierte Reisetasche auf und sah mich an. Er wartete offenbar darauf, dass ich mich an den Buben klammern, losheulen oder vor seiner Mutter eine Szene machen würde. Stattdessen zog ich die Tür weiter auf.
Es war der vierzehnte Mai. Begonnen hatte alles im Herbst – mit einem Paar Schuhe.
Im September passte Paul nicht mehr in seine alten Schuhe. Seine Zehen stießen vorne an, aber er sagte kein Wort. Bemerkt habe ich es erst in der Garderobe vom Kindergarten, als er sie vor dem Spaziergang mühsam von den Füßen zog.
Am Abend wartete ich, bis mein Mann gegessen hatte.
„Lukas, er braucht Winterschuhe. Die da sind hinüber.“
„Bis zum Frühling wird er sie schon noch tragen“, meinte er, ohne den Kopf vom Teller zu heben.
„Er kommt jetzt schon kaum hinein.“
„Dann wird er eben hineinkommen.“ Lukas schob den Teller weg und wischte sich den Mund ab. „Kinderfüße wachsen halt. Man kann nicht dauernd alles neu kaufen.“
Mein eigenes Gehalt hatte ich seit sechs Jahren nicht mehr in der Hand gehabt. Nicht, weil er es mir gewaltsam weggenommen hätte – es hatte sich gleich im ersten Monat nach der Hochzeit so eingespielt. Meine Bankkarte steckte in seiner Geldbörse, direkt neben seiner. „So ist es praktischer, Anna, sonst verlierst du sie noch“, hatte er damals gesagt. Jeden Montag zählte er mir Geld für die Woche ab und legte die Scheine auf den Kühlschrank, unter den Magneten mit der Margerite. Am Mittwoch fragte er, wofür es draufgegangen sei, und wenn mir irgendeine Strumpfhose nicht einfiel, wollte er den Beleg sehen.
Ein einziges Mal habe ich mir eine Jacke gekauft. Im Abverkauf, grau, ganz schlicht. Lukas sah auf das Etikett und fragte, was denn mit der alten nicht gestimmt habe. Ich sagte, der Ärmel sei durchgescheuert. Er meinte, so etwas könne man nähen, und überhaupt ginge ich mit fremdem Geld erstaunlich leichtfertig um. Die Jacke habe ich danach drei Jahre getragen, und jedes Mal, wenn ich hineinschlüpfte, dachte ich an diesen Ärmel.
Ich arbeitete als Annahmekraft in einer Putzerei in der Kärntner Straße: Mäntel, Pelze, Brautkleider mit Rotweinflecken am Saum, Quittungen und fremde Geschichten über den Ladentisch hinweg. Lukas nannte es mein „Herumsitzen“.
Eine Woche nach dem Gespräch über die Schuhe fuhr er mit den Männern auf eine Hütte am See. Drei Tage, mit Übernachtung. Er kam gut gelaunt zurück, brachte geräucherten Fisch mit, legte ihn direkt auf Zeitungspapier und erzählte, wie Tobias knapp beim Ufer mit dem Boot gekentert war.
„Und die Schuhe?“, fragte ich, als er endlich schwieg.
„Anna. Fang nicht schon wieder an.“
Im Oktober ließ er neue Reifen montieren. Die alten waren noch brauchbar, aber er kaufte gleich vier neue und werkelte einen halben Tag damit im Hof herum. Die Männer kamen zum Rauchen hinaus und lobten ihn.
Ich habe nicht geschrien. In den ganzen sechs Jahren hatte ich kein einziges Mal die Stimme gegen ihn erhoben. Vielleicht lag genau darin alles.
Im Kindergarten wurde Geld für die Weihnachtsgeschenke eingesammelt. An einem Samstag, als er recht guter Laune war, sprach ich ihn darauf an.
„Lukas, im Kindergarten sammeln sie. Für die Geschenke, für die ganze Gruppe.“
„Sag ihnen, wir machen nicht mit.“ Er drehte sich nicht einmal vom Fernseher weg. „Wir haben selber genug Geschenke.“
Eigene Geschenke hatten wir in diesem Jahr keine.
Am Donnerstag kam ich von der Arbeit heim, und auf dem Küchentisch lag eine lange Kartonschachtel. Eine Angelrute. Er hatte sie nicht in die Abstellkammer geräumt, sondern gut sichtbar liegen lassen. Zweimal ging ich daran vorbei, während ich das Abendessen aufwärmte.
Am nächsten Morgen ging ich zu meiner Chefin.
„Claudia, trag mich bitte für die Samstage ein. Für alle, die frei sind.“
Claudia blickte über den Rand ihrer Brille und legte das Annahmebuch zur Seite.
„Anna, samstags schleppen sie Teppiche an und Daunenjacken in ganzen Säcken. Am Abend bist du erledigt.“
„Trag mich ein.“
Abends trocknete ich mir die Hände ab und sagte es meinem Mann direkt in den Rücken:
„Ich nehme die Samstage. Die Schuhe kauf ich selbst. Und dich werde ich um nichts mehr bitten.“
Er grinste, ohne den Blick vom Bildschirm zu lösen.
„Na dann arbeit halt. Den Kindergarten zahlst du dann auch selber.“
Die Schuhe kaufte ich Ende Oktober, vom ersten Samstagsgeld. Ich nahm sie zwei Nummern größer, damit sie zwei Winter halten würden. Paul schlurfte darin herum wie in Booten und war vollkommen glücklich.
Ab November lag unter dem Magneten am Kühlschrank gar kein Geld mehr.
Am einunddreißigsten Dezember fuhren wir zu seiner Mutter in die Donaustraße. Theresa deckte für acht Personen auf: wir drei, seine Schwester Katharina mit ihrem Mann und ihren zwei Buben, und sie selbst. Vierzig Jahre hatte sie in der Fabrikhalle eines Werks gestanden, und ihr Tisch sah immer aus, als würde gleich eine Kommission zur Kontrolle erscheinen.
Ich brachte einen Salat in einer Plastikdose mit. Meine Schwiegermutter hob den Deckel ab und füllte ihn wortlos in ihre eigene Schüssel um.
„Anna, wer schneidet denn so?“
Um Mitternacht begann die Bescherung. Seine Mutter bekam ein Handy in einer Schachtel, groß und in Geschenkpapier eingeschlagen. Katharina erhielt ein Kuvert; sie machte es gleich am Tisch auf und stieß einen Laut aus.
„Lukas, du bist ja verrückt.“
„Er ist halt großzügig, unser Lukas“, sagte Theresa und strich die Tischdecke glatt. „Ganz der Vater.“
Paul bekam ein ferngesteuertes Auto und verschwand sofort damit unter dem Tisch.
Für mich gab es nichts. Ich hatte auch nichts erwartet, bis Katharina fragte:
„Und Anna?“
„Was soll Anna denn brauchen?“ Lukas schenkte sich ein und stellte die Flasche ab. „Sie ist ja nicht irgendeine Fremde. Soll ich mir selbst etwas schenken?“
Alle lachten, und ich lachte mit. Gleich danach wandte sich meine Schwiegermutter zu Katharina und begann über mich zu reden, als säße ich gar nicht mit ihnen am Tisch.
