„Ich komm nicht, Paul. Du wirst jetzt beim Papa wohnen.“ sagte sie ruhig und zog die Tür hinter sich zu

Ein mutiger Fehler, zutiefst verletzend und unverzeihlich.
Geschichten

„Ihr etwas zu schenken, hat eh keinen Sinn. Anna ist bei uns halt ein bisserl lebensuntüchtig, der ist es doch wurscht, was sie anhat. Gut, dass Lukas bei ihr ist, sonst würdet ihr mit dem Buben längst irgendwo vor der Kirchentür sitzen.“

Paul ist mit dem Auto in der Hand unter dem Tisch hervorgekrochen.

„Mama, was heißt lebensuntüchtig?“

Ich habe mein Häferl auf die Untertasse gestellt.

„Theresa, ich bin nicht lebensuntüchtig. Ich bin unbequem. Das ist nicht dasselbe.“

Am Tisch ist es schlagartig still geworden. Nur aus dem Fernseher hat noch irgendeine Stimme gesungen. Ich habe Paul hochgenommen, ihm draußen im Vorzimmer die Jacke angezogen und ein Taxi gerufen. Lukas ist mir bis ins Stiegenhaus nachgekommen.

„Was führst du dich jetzt so auf? Ausgerechnet am Feiertag.“

„Ich fahre heim. Du kannst bleiben.“

Und er ist geblieben. Erst am zweiten Tag ist er gegen Mittag zurückgekommen. Noch in der Tür, die Jacke nicht einmal ausgezogen, hat er gesagt:

„Du hast meine Mutter vor Katharina bloßgestellt.“

Am dritten Jänner bin ich in die Buchhaltung gegangen und habe beantragt, dass mein Gehalt künftig auf ein anderes Konto überwiesen wird. Noch am selben Tag habe ich mir auf dem Heimweg eine eigene Bankomatkarte geholt. Am Abend habe ich zu Lukas gesagt:

„Ab Jänner geht mein Lohn auf meine Karte. Das Formular habe ich schon abgegeben.“

Er hat sein Häferl abgestellt und mich angeschaut, als wäre ich irgendeine fremde Frau im Bus.

„Na dann. Schauen wir einmal, wie du im März daherredest.“

Von diesem Abend an hat er laut zu rechnen begonnen. Nicht das Geld hat er gezählt, sondern mich. Was ich ihn angeblich koste. Wo ich ohne ihn wäre. Wie ich ohne ihn dastehen würde. Jedes Mal, wenn ich von meiner Samstagsschicht heimgekommen bin, hat er dieselben Sätze heruntergeleiert, als hätte er sie auswendig gelernt.

Am zwölften Februar habe ich beim Gericht die Scheidung eingereicht.

Den Anwalt hat mir Claudia vermittelt. Ihre Schwester hatte wegen eines Hauses prozessiert und war mit ihm zufrieden gewesen. Die Kanzlei lag über einem Schuhgeschäft, im zweiten Stock. Sebastian hat mich angehört, ohne mir ein einziges Mal ins Wort zu fallen. Dann hat er gefragt, ob ich irgendwelche Unterlagen hätte.

„Belege habe ich. Ich sammle alles in einer Mappe.“

„Wann ist die Wohnung gekauft worden?“

„Während der Ehe. Wir haben sie gemeinsam abbezahlt.“

„Dann gehört Ihnen die Hälfte. Ist Ihnen das klar?“ Er hat die Brille abgenommen. „Und geschieden werden Sie nicht am Standesamt, sondern vor Gericht. Mit einem kleinen Kind geht es nur so.“

Mir war gar nichts klar. Sechs Jahre lang hatte ich mit dem Gefühl gelebt, in einem fremden Zuhause nur geduldet zu sein.

Die Ladung hat Lukas eine Woche später bekommen. Noch am selben Abend hat er angerufen.

„Bist du deppert, Anna? Wo mischst du dich da hinein?“

Zwei Wochen danach ist ein weiteres Schreiben vom Gericht gekommen. Lukas hatte einen eigenen Antrag gestellt: Das Gericht sollte festlegen, dass Paul bei ihm lebt. Einfach gesagt wollte er, dass der Bub dem Vater zugesprochen wird und ich zu der werde, die am Samstag auf Besuch kommt.

„Viele Chancen hat er damit nicht“, hat Sebastian am Telefon gemeint. „Aber die Sache kann sich ein halbes Jahr ziehen. Und die Kinder- und Jugendhilfe wird bei Ihnen vorbeikommen. Die schauen, wo der Bub schläft, was im Kühlschrank ist, und schreiben dann einen Bericht fürs Gericht.“

Ende März ist die Kinder- und Jugendhilfe tatsächlich gekommen. Zwei Frauen, ohne Vorankündigung. Ich habe ihnen Pauls Bett gezeigt, den Tisch, das Regal mit seinen Büchern, und ich habe den Kühlschrank aufgemacht. Eine hat sich Notizen gemacht, die andere hat Paul gefragt, wo es ihm besser gefalle. Er hat gesagt, bei der Mama, weil hier sein Bausteinkasten sei.

Zwischen zwei Gerichtsterminen ist Theresa aufgetaucht. Zum ersten Mal in all der Zeit allein, ohne ihren Sohn, mit einem Kuchen, den sie in ein Geschirrtuch eingeschlagen hatte. Sie hat sich in meine Küche gesetzt und mir erklärt, dass Männer eben so seien und dass ein Bub einen Vater brauche, keine Prinzipien.

„Zieh die Papiere zurück, Anna. Er beruhigt sich schon wieder.“

„Er beruhigt sich nicht.“

„Dann beschwer dich nachher nicht“, hat sie an der Wohnungstür gesagt. Den Kuchen hat sie wieder mitgenommen.

Der erste Termin ist verschoben worden, der zweite wurde für den siebzehnten April angesetzt. Im Saal sind außer uns noch fremde Leute gesessen, die auf ihre eigenen Verhandlungen gewartet haben. Theresa saß in der ersten Reihe, mit einem neuen Tuch am Kopf. Katharina war ebenfalls gekommen, sie hatte sich weiter hinten hingesetzt.

Lukas hat gut gesprochen. Vor anderen Leuten hat er immer gut sprechen können.

„Sie arbeitet nur an der Annahme in einer Putzerei. Ihr Gehalt ist so niedrig, dass man es kaum laut sagen kann. Das Kind läuft in abgetragenen Sachen herum, die Schuhe sind ihm zwei Nummern zu groß, wie bei einem verwahrlosten Bub. Bei mir wäre er besser aufgehoben. Ich erhalte die Familie praktisch allein.“

Von ihrem Platz aus hat meine Schwiegermutter zustimmend genickt.

Ich habe selbst ums Wort gebeten. Dass meine Stimme dabei nicht versagt hat, hat mich später noch gewundert.

„Die Schuhe, die ihm zwei Nummern zu groß waren, habe ich im Oktober gekauft. Von meinem Geld aus den Samstagsschichten. Lukas war zu der Zeit in einer Ferienanlage.“

Dann habe ich mir von Sebastian die Mappe geben lassen. Schon im März hatte er auf meinen Wunsch hin beantragt, dass das Gericht die Kontoauszüge meines Mannes für die letzten eineinhalb Jahre bei der Bank anfordert. Auf so einem Auszug steht Zeile für Zeile, wann jemand wo mit Karte bezahlt hat. Die Unterlagen waren im April gekommen, lagen im Akt, und ich kannte sie inzwischen auswendig.

Ich habe drei Einträge vorgelesen. Zwanzigster Oktober, Ferienanlage. Dritter November, Juweliergeschäft, und das Geschenk war nicht für mich. Einunddreißigster Dezember, Elektronikmarkt, ein Telefon, und auch dieses Telefon war nicht für mich.

„In eineinhalb Jahren hat er für sich selbst und für Geschenke rund dreitausenddreihundert Euro ausgegeben“, habe ich gesagt. „Das steht alles im Akt. Für Winterstiefel war aber kein Geld da.“

Die Richterin hat eine Pause angeordnet. An diesem Tag ist unsere Ehe geschieden worden, außerdem wurden Alimente für Paul festgesetzt. Über Lukas’ Antrag wegen des Buben sollte gesondert verhandelt werden; dafür wurde ein Termin im Juni bestimmt.

Am Gang hat Lukas mich beim Fenster eingeholt. Theresa stand nur zwei Schritte entfernt und rührte sich nicht vom Fleck.

„Das wirst du bereuen“, hat er leise gesagt. „Bei mir bleibst du mit gar nichts übrig. Ohne Wohnung und ohne den Buben.“

„Schämen solltest du dich“, hat Theresa zu mir gesagt. „Ihn vor fremden Leuten so bloßzustellen.“

Ich bin hinaus auf die Stufen vor dem Gerichtsgebäude gegangen. Katharina hat bei ihrem Auto geraucht. Als ich an ihr vorbeiwollte, hat sie mich am Ärmel festgehalten.

„Anna, wart kurz. Ich sag dir das nicht aus Güte, glaub ja nicht.“

„Wovon redest du?“

„Mutter hat ihm versprochen, ihm ihre Zweizimmerwohnung in der Donaufelder Straße zu überschreiben. Unter einer Bedingung: Paul soll bei ihr aufwachsen und nicht bei dir.“

Ich bin stehen geblieben. Ein anderes Mal hätte ich genickt und wäre weitergegangen, so wie ich es immer getan hatte. Diesmal aber habe ich mich am Türgriff ihres Autos festgehalten und gefragt:

„Wann hätten sie das machen wollen?“

Hedis Stube