„Ich komm nicht, Paul. Du wirst jetzt beim Papa wohnen.“ sagte sie ruhig und zog die Tür hinter sich zu

Ein mutiger Fehler, zutiefst verletzend und unverzeihlich.
Geschichten

„Im Juni. Nach der Verhandlung, so hat sie es gesagt.“

„Hat sie dir das selbst erzählt? In deiner Gegenwart?“

„Beim Essen, zu Ostern.“ Katharina zog an ihrer Zigarette und schnippte die Asche auf den Asphalt. „Sie hat gesagt: ,Wenn er den Buben ins Haus bringt, gehen wir zum Notar.‘ Und ich bin dagesessen und hab den Mund gehalten.“

„Und warum erzählst du mir das jetzt?“

„Weil mir diese Wohnung auch nicht wurscht ist. Ich hab zwei Kinder. Mehr ist da nicht.“

Am Donnerstag hat Lukas angerufen und gemeint, er hole Paul über das lange Maiwochenende ab. Und zurückbringen werde er ihn nicht.

Am vierzehnten Mai sind sie zu zweit gekommen, ohne vorher anzurufen, irgendwann nach zwei. Paul war im Kindergarten. Theresa hat sich in der Küche auf den Hocker gesetzt, Lukas ist im Türrahmen stehen geblieben, als wäre er ein fremder Handwerker, den man wegen der Leitungen gerufen hat.

„Also. Du unterschreibst, dass du auf deine Hälfte der Wohnung und auf den Unterhalt verzichtest, und ich zieh meinen Antrag wegen Paul bei Gericht zurück. Ist besser für dich, Anna. Ich mein’s eh im Guten.“

„Und wenn ich nichts unterschreibe?“

„Dann streiten wir halt bis zum Winter weiter. Mein Antrag liegt im Akt, zurücknehmen tu ich ihn nicht. Und du wirst die nächsten sechs Monate jeden Abend mit demselben Gedanken einschlafen und jeden Morgen damit aufwachen: Lassen sie den Buben bei dir oder bei mir?“ Er wiegte den Kopf, als hätte er Mitleid mit mir. „Rechne dir halt aus, was dir diese Hälfte wert ist.“

Er hat nicht einmal bemerkt, dass er das Entscheidende laut ausgesprochen hatte: Er wollte seinen Sohn nicht, um ihn grosszuziehen. Er brauchte ihn, um mir die Luft abzuschnüren.

Theresa beugte sich zu ihrer Tasche hinunter und zog ein Sackerl heraus. Darin waren genau diese Schuhe. Sie hatte sie am vergangenen Sonntag mitgenommen, als Paul bei ihr gewesen war, und ich hatte gedacht, sie hätte nur vergessen, sie wieder zurückzugeben.

„Schau, womit er bei dir herumläuft“, sagte sie und stellte die Schuhe neben sich auf den Hocker. „Ich hab sie aufgehoben. Das zeigen wir der Richterin.“

Staubig waren sie, ausgetreten, mit rostbraunen Salzrändern. Den ganzen Winter war er damit gegangen, und im Frühling hatte er damit durch jede Lacke geschlurft.

Ich bin aus der Küche hinaus, auf einen Sessel gestiegen und hab vom oberen Stauraum die karierte Reisetasche heruntergeholt.

„Was machst du da?“, fragte Lukas aus dem Vorzimmer.

„Ich packe.“

„Für wen?“

„Für Paul.“

Ich legte Leiberl hinein, eine zweite Hose, den Pyjama mit den Motorrädern, das Halsmittel, Patschen in einem Beutel. Theresa stellte sich in die Tür und nahm mir das Licht.

„Anna, stell dich nicht so blöd an.“

„Nehmt ihn mit“, sagte ich, ohne mich umzudrehen. „Ganz. Nicht nur über die Feiertage, nicht fürs Wochenende. Ganz.“

Lukas lachte, aber nur mit einer Gesichtshälfte.

„Jetzt mach kein Theater.“

„Ich mach kein Theater. Deinen Antrag nimmst du nicht zurück, der soll ruhig dort liegen bleiben.“ Ich zog den Reissverschluss der Tasche zu und richtete mich auf. „Nur gehst du im Juni allein zur Verhandlung. Die Bestätigung von der Arbeit bringst du allein mit, und die Jugendwohlfahrt lässt du allein in deine Wohnung. Ich komme hin und sage der Richterin die Wahrheit: dass der Bub bei dir ist und dass ich ihn zurückhaben will.“

„Gibst du ihn mir jetzt oder gibst du ihn mir nicht?“

„Ich gebe ihn dir. Aber unterschreiben werde ich gar nichts. So ein Papier, mit dem eine Mutter ihren Sohn dem Vater überschreibt, gibt es überhaupt nicht. Ich hab nachgefragt.“

Er schwieg.

„Und noch eine Bedingung, Lukas. Du. Nicht deine Mutter, nicht Katharina, nicht irgendeine Nachbarin. Du weckst ihn auf, du bringst ihn in den Kindergarten, du holst ihn um sechs ab, du spülst ihm den Hals aus, wenn er krank ist, und du kaufst ihm Schuhe. In seiner Grösse.“

„Was redest du da für einen Blödsinn?“

„Und ich komme ihn nicht holen. Wenn du ihn zurückgeben willst, bringst du ihn selber.“

Theresa schlug die Hände zusammen.

„Das nennt sich Mutter. Gibt das Kind her wie einen Koffer. Ich hab’s dir gesagt, Lukas: zu nichts zu gebrauchen.“

Ich drehte mich zu ihr um.

„Theresa, Sie wollten doch, dass Ihr Enkel bei Ihnen aufwächst. Dann nehmen Sie ihn.“

Da sagte Lukas genau das, was ich ohnehin schon wusste.

„Mutter hat versprochen, die Papiere im Juni machen zu lassen. Ich tu das übrigens für den Buben. Er hätte dann ein eigenes Zimmer.“

„Ich weiss“, sagte ich. „Katharina hat es mir erzählt. Vom Notar. Und von Ostern.“

Er sah seine Mutter an. Seine Mutter schaute zum Fenster hinaus. Danach kam genau das, womit ich angefangen habe: die Tasche im Vorzimmer, die Nachbarin mit dem Kübel am Gang und Pauls Rucksack, den er selber zugemacht hatte.

Am Abend rief ich den Juristen an und erzählte ihm alles. Er fiel mir nicht ins Wort. Erst als ich fertig war, sprach er, ganz ruhig, und diese Ruhe war schlimmer als jedes Anschreien.

„Anna, Ihre Rechte haben Sie nicht verloren, das müssen Sie ganz klar verstehen. Eine Mutter kann ein Kind dem Vater nicht endgültig überlassen, so ein Schriftstück gibt es nicht. Wenn Sie wollen, fahren Sie morgen hin und holen ihn, und er kann Ihnen gar nichts.“

„Ich weiss.“

„Das Problem ist ein anderes. Im Juni ist die Verhandlung. Die Richterin wird fragen, wo der Bub lebt. Die Jugendwohlfahrt wird kommen und in den Bericht schreiben, wo er wohnt. Das nennt sich gelebte Betreuungssituation, und auf so etwas schauen Gerichte zuerst. Sie haben ihm mit eigenen Händen den einzigen Trumpf gegeben, den er vorher nicht hatte.“

„Ich weiss.“

„Ich habe Ihnen nicht dazu geraten. Schreiben Sie sich das bitte auf: Ich habe Ihnen nicht dazu geraten.“

„Hab ich mir aufgeschrieben.“

In dieser Nacht bezog ich Pauls Bett frisch und legte mich selbst hinein, quer darüber, ohne mich auszuziehen. Ob ich recht hatte oder nicht, liess sich da nicht mehr ausrechnen. Zählen konnte man nur noch die Tage.

An den ersten drei Abenden rief er um acht an. Am vierten kam kein Anruf.

Ich wählte selbst. Theresa hob ab.

„Er ist bei mir. Lukas hat Dienst.“

In der Woche darauf klang es schon anders.

„Er soll einstweilen bei mir bleiben. Lukas bringt seinen Dienstplan in Ordnung, dann holt er ihn.“

Mit seinem Dienstplan war er bis Ende Juni beschäftigt.

Ich rief jeden Abend um acht an. Paul erzählte mir, dass es im Hof bei der Oma eine Reckstange gebe und einen Buben namens Jonas, und dass Papa am Sonntag dagewesen sei und Chips mitgebracht habe. Ich hörte zu, sagte „brav“ und legte auf. Danach wusch ich in der Küche mein einziges Häferl ab.

Und eines muss ich klar sagen, sonst wäre es gelogen. Ich hätte an jedem beliebigen Tag hinfahren und ihn holen können. Weder sein Vater noch seine Grossmutter hätten mich daran gehindert, und hätten sie es versucht, wäre ich mit der Polizei wiedergekommen. Es gab kein Papier, das einer Mutter verboten hätte, ihren Sohn mitzunehmen. Ich bin nicht hingefahren.

Ende Mai bat er zum ersten Mal von sich aus darum.

Hedis Stube