zum ersten Mal in all den Wochen.
– Mama, kommst du am Samstag? Wir könnten in den Park gehen. Oma geht nie mit mir.
Ich habe das Handy mit beiden Händen festgehalten.
– Diesen Samstag nicht, Paul.
– Und den nächsten?
– Ich ruf dich morgen um acht an. Hast du dir die Zähne geputzt?
Er hat gesagt, ja, und dann haben wir uns verabschiedet. Danach bin ich noch lange am Fenster gestanden und habe hinuntergeschaut, wie fremde Kinder im Hof mit ihren Tretrollern herumgeflitzt sind. Das war der einzige Moment, in dem ich beinahe losgefahren wäre.
Anfang Juni hat mich meine Schwiegermutter zum ersten Mal von sich aus angerufen.
– Anna, hol ihn übers Wochenende. Er steht um sechs auf, und ich muss mich nach dem Essen hinlegen. Er ist wie aufgezogen.
– So war das nicht ausgemacht, Theresa.
– Was heißt, nicht ausgemacht? Das ist dein Sohn.
– Meiner, ja. Aber ich borge ihn euch nicht. Entweder ich nehme ihn ganz heim, oder gar nicht.
Sie hat aufgelegt. Zehn Tage später hat sie wieder angerufen, diesmal ohne vertraulichen Ton, ganz förmlich.
– Anna, bitte, wenigstens für eine Woche. Bei mir daheim steht alles Kopf.
– Nein.
Katharina hat mir in der Nacht geschrieben: „Bist du eine Mutter oder was? Das Kind ist bei fremden Leuten, und du spielst stur.“ Ich habe nicht geantwortet. Claudia hat mir in der Arbeit ein Glas Tee hingestellt und mich geradeheraus gefragt:
– Anna, was führst du da eigentlich auf?
– Ich führe nichts auf. Ich warte.
– Worauf?
– Dass es aufhört.
Am zwanzigsten Juni ist Theresa plötzlich selbst gekommen, ohne vorher anzurufen, mit dem Taxi. Paul ist am Stiegenabsatz gestanden, in neuen Sandalen, und hat mit beiden Händen eine karierte Reisetasche gehalten, die ihm fast bis zu den Knien gereicht hat.
– Nimm ihn, – hat Theresa gesagt.
Ich habe meinen Sohn in die Wohnung geführt, und er ist sofort in sein Zimmer gelaufen, als käme er aus einem Ferienlager zurück und müsste nachschauen, ob noch alles da ist.
– Wo ist Lukas?
– In Tirol, auf Montage. Zwei Monate. Er hat mir eine Nachricht geschickt, kannst du dir das vorstellen? Seiner eigenen Mutter. Eine Nachricht.
Sie ist an der Türschwelle stehen geblieben und nicht hereingekommen. In diesen fünf Wochen ist sie kleiner geworden, wirklich, als hätte ihr jemand ein Stück Körper weggenommen.
– Ich hab ihn in den Kindergarten gebracht. Die ersten Tage hat er geweint. Er hat ja auf dich gewartet.
Ich habe geschwiegen.
– So unfähig bist du offenbar doch nicht, – hat sie schließlich gesagt. – Ich hab geglaubt, nach drei Tagen stehst du da und bettelst. Aber du hast es ausgehalten.
– Hab ich.
– Und die Wohnung überschreib ich ihm jetzt auch nicht. Hat er nicht verdient. – Sie hat ihr Tuch zurechtgezupft. – Glaub nur nicht, dass ich mich vor dir rechtfertige.
– Glaub ich eh nicht.
Sie ist gegangen, ohne „Entschuldigung“ zu sagen und ohne „danke“. Die Lifttür ist zugeschlagen, dann war es still.
Im Bad hat das Wasser zu rauschen begonnen. Paul hat sich die Hände gewaschen und dabei irgendetwas vor sich hingesungen, wie immer mit lauter falschen Wörtern. Ich habe mich im Vorzimmer neben die Garderobe auf den Boden gesetzt, direkt auf den kleinen Teppich, und die Beine ausgestreckt. Dort bin ich sitzen geblieben, bis das Wasser verstummt ist. Und zum ersten Mal seit einem halben Jahr hat mein Hinterkopf nicht mehr gedröhnt.
Wie das Verfahren ausgegangen ist, muss ich der Reihe nach erzählen, weil es nicht von allein vorbei gewesen ist.
Im Juni ist Lukas nicht zur Verhandlung erschienen. Im Juli ist er ein zweites Mal nicht gekommen, und die Richterin hat seinen Antrag nicht weiter behandelt – so heißt das, wenn der Kläger zweimal fernbleibt. Danach hat er den Buben von niemandem mehr verlangt.
Die Ehe ist im April geschieden worden, gleichzeitig sind auch die Alimente festgesetzt worden. Die Wohnung ist im Herbst je zur Hälfte aufgeteilt worden, und auch zu diesem Termin ist Lukas kein einziges Mal erschienen.
Im Februar des darauffolgenden Jahres habe dann ich selbst Klage eingebracht. Nicht aus Bosheit: Sebastian hat gesagt, ich brauche ein Papier, sonst taucht Lukas in zwei Jahren wieder mit einem neuen Antrag auf. Ich habe beantragt, dass Pauls Hauptwohnsitz bei mir festgelegt wird. Die Kinder- und Jugendhilfe ist noch einmal gekommen, hat sich sein Bett angeschaut, den Kühlschrank geöffnet und geschrieben, dass die Bedingungen passen. Lukas ist nicht erschienen. Das Gericht hat festgehalten, dass Paul bei mir lebt, und dieses Schriftstück liegt seither in derselben Mappe wie die Zahlungsbelege.
Paul ist jetzt dreizehn. Er geht schwimmen, der Trainingsplan hängt am Kühlschrank, noch immer unter demselben Magneten mit dem Gänseblümchen.
Ich bin mittlerweile leitende Annahmekraft, zwei Filialen laufen über mich, drei Mädchen arbeiten unter meiner Verantwortung. Meine Hälfte der Wohnung habe ich verkauft, etwas draufgelegt und mir eine kleine Einzimmerwohnung auf Kredit genommen. Schuhe kaufe ich meinem Sohn jedes Jahr in seiner tatsächlichen Größe.
Lukas ist nach zwei Jahren wieder aufgetaucht. Die Alimente kommen unregelmäßig, öfter gar nicht als doch, und bei der Exekution zucken alle nur mit den Schultern. Zu Pauls neuntem Geburtstag ist er mit einer Packung Bausteine gekommen und hat vierzig Minuten bei uns gesessen. Danach hat Paul gefragt, ob Papa jetzt öfter kommen wird. Ich habe gesagt, dass ich es nicht weiß. Er hat nie wieder gefragt.
Theresa hat die Wohnung in der Donaustraße verkauft und ist zu Katharina gezogen. Ihrem Enkel gratuliert sie zweimal im Jahr über den Messenger, immer mit denselben Sätzen. „Entschuldige“ hat sie zu mir kein einziges Mal gesagt. In der Verwandtschaft erzählt sie bis heute, ich hätte den Buben seinem Vater vor die Füße gelegt, damit ich selbst frei herumziehen kann.
Im Mai ist Paul nach dem Training heimgekommen und in der Küchentür stehen geblieben.
– Mama. Stimmt es, dass du mich damals selber weggegeben hast?
Gesagt hatte es ihm sein Cousin, Katharinas Ältester.
– Es stimmt, – habe ich gesagt.
Er ist noch einen Augenblick dagestanden, hat genickt und ist in sein Zimmer gegangen. Ein zweites Mal hat er nicht gefragt. Was er in sieben Jahren damit machen wird, weiß ich nicht.
Und letzten Samstag ist Sarah aus dem dritten Stiegenhaus zu mir gekommen. Sie ist auf dem Hocker gesessen, hat eine Serviette zwischen den Fingern zerknüllt und erzählt, ihr Mann drohe damit, Julia mitzunehmen. Er habe einen Anwalt, seine Mutter hinter sich und überhaupt alle Trümpfe in der Hand.
– Anna, wie hast du das damals gemacht? Vielleicht soll ich es auch so versuchen?
– Wag dich ja nicht, – habe ich gesagt. – Sammel deine Unterlagen. Beantrag über das Gericht Auszüge zu seinen Kontobewegungen, heb Rechnungen auf, Bestätigungen, alles, was du findest. Und geh mit einer Mappe zum Juristen, nicht nur mit Tränen.
– Aber du hast ihn doch selbst hergegeben.
– Hab ich. Nur war ich damals keine Heldin, Sarah. Ich war einfach am Ende. Und ich hab gerechnet: Ein halbes Jahr Gericht halte ich nicht durch. Er hält nicht einmal einen Monat durch. Ich hab darauf gesetzt, dass er früher zusammenbricht als ich. Mit Paul hab ich gesetzt. – Ich habe ihr Tee eingeschenkt. – Und ich hab richtig geraten. Ich hätte aber genauso falsch liegen können.
Ich habe damals mit meinem Kind ein Risiko genommen. Ich hatte recht – oder darf man so etwas mit Kindern nicht tun?
Im Vorzimmer stehen seine Turnschuhe. Größe einundvierzig, genau passend. Auf Zuwachs kaufe ich schon lange nichts mehr.
