— Katharina, was denn für Fenster? Mit dem Geld hab ich längst den Festsaal reserviert und die ganze Anzahlung hingeblättert!
Die Stimme meiner Schwiegermutter Elisabeth klang dermaßen selbstzufrieden, als hätte sie gerade im Lotto gewonnen — mit einem Los, das sie von der Pension eines anderen bezahlt hatte.
— Lukas wird schon nicht auskommen. Er wird ja wohl nicht vor allen Gästen einen Wirbel machen. Den Rest zahlt er brav nach, da kannst du sicher sein. Voriges Jahr hab ich meinen Siebziger nicht ordentlich feiern können, aber jetzt hol ich das nach. Und zwar königlich!
Den Schlüssel zu ihrer Wohnung hatten wir für Notfälle.
Elisabeth hatte mich selbst gebeten, ihr Eclairs vorbeizubringen. Sie hatte extra dazugesagt: Falls sie nicht zur Tür kommt, solle ich einfach mit unserem Ersatzschlüssel aufsperren. Sie erwarte nämlich ein wichtiges Telefonat am Handy und könne das Läuten im Vorzimmer überhören.

Ich bin leise hineingegangen, fest entschlossen, das Sackerl nur schnell in der Küche abzustellen. Doch im Gang bin ich wie angewurzelt stehen geblieben, als ich Lukas’ Namen gehört habe — und gleich darauf dieses unverschämte Gespräch über unser Geld für die neuen Fenster.
Erst am Tag davor hatten mein Mann und ich Elisabeth eine ordentliche Summe überwiesen.
Sie hatte hoch und heilig versprochen, über einen alten Bekannten — irgendeinen angeblichen Bauleiter — den Austausch aller Fenster in unserer Wohnung zu einem sensationellen Preis zu organisieren. Allerdings müsse das Geld sofort her, in einer einzigen Überweisung auf ihre Karte, damit sie es, wie sie sagte, gleich an die Firma weitergeben könne.
Elisabeth hat überhaupt gern über ihre Geldnot gejammert, obwohl sie sich mehr als einmal mit zwei unangetasteten Bankeinlagen gebrüstet hatte. Die eine war für eine neue Küchenzeile bestimmt, die andere nannte sie mit wichtiger Miene ihre Reserve „für den ganz finsteren Tag“.
Nur ihr eigenes Geld anzugreifen, das kam für sie grundsätzlich nicht infrage.
— Mama, du bist ein Genie! — säuselte meine Schwägerin Katharina fröhlich über die Freisprechanlage. — Genau richtig so, sollen sie halt blechen. Auf die Idee muss man erst kommen: mitten im Juli Fenster tauschen wollen, bis zur Kälte ist ja noch ewig Zeit! Familie geht vor! Das Menü hab ich auch schon großartig zusammengestellt. Sag ihnen nur vorerst nichts. Wir erzählen einfach, die Fenster verzögern sich, weil die Produktion überlastet ist.
Die beiden erinnerten mich an zwei geschäftige Borkenkäfer, die sich bereits bis ins Mark eines fremden Budgets durchgefressen hatten und nun satt die Beinchen aneinander rieben, während sie verzückt über den Geschmack frischer Sägespäne plauderten.
Elisabeths Gewissen hatte ungefähr die Eigenschaften eines schalldichten Dreifachglasfensters: Es hielt sämtliche Geräusche von außen zuverlässig ab — vor allem die Stimme der Vernunft, die Interessen anderer Leute und jede gewöhnliche Anständigkeit.
Verwandtenliebe ist oft blind. Sobald es aber um fremde Ersparnisse geht, bekommt sie auf wundersame Weise plötzlich hundert Prozent Sehkraft.
Ich bin nicht ins Zimmer gegangen.
Wozu sollte ich den Damen die Feier schon bei der Generalprobe verderben? Lautlos stellte ich das Sackerl mit den Eclairs auf das kleine Kästchen beim Spiegel und schlich genauso leise wieder hinaus auf den Stiegenabsatz. Die Tür zog ich vorsichtig hinter mir zu.
Daheim beschloss ich, nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen. Ein Skandal wäre zu einfach gewesen — und außerdem völlig wirkungslos.
Die beste Methode, jemanden davon abzubringen, einem ständig auf der Nase herumzutanzen, besteht darin, im entscheidenden Augenblick freundlich zu lächeln und einen Schritt zur Seite zu machen. Genau dann, wenn der andere gerade zum Sprung ansetzt.
Ich holte meine tiefe Pfanne hervor und begann, Fleischlaberl in Sauce zu machen, denn nichts beruhigt die Nerven so zuverlässig wie das gleichmäßige Kneten von Faschiertem und das Formen perfekter kleiner Fleischkugeln. Ich briet sie rundherum goldbraun an und goss dann eine dicke Sauce darüber, gemacht aus passierten frischen Juli-Paradeisern, Sauerrahm und duftenden Kräutern.
Schon bald zog ein so cremig-knoblauchiger, würziger Duft durch die Küche, dass die Nachbarn vermutlich durch die Lüftungsschächte neidisch wurden. Die Fleischlaberl schmurgelten langsam auf kleiner Flamme und saugten diese süß-säuerliche Paradeiserzartheit in sich auf.
Als Lukas von der Arbeit heimkam, gab ich ihm zuerst einmal Abendessen.
Ich wartete, bis er sich satt und zufrieden gegen die Sessellehne sinken ließ. Erst dann erzählte ich ihm alles, was ich in Elisabeths Vorzimmer mitangehört hatte.
Lukas verschluckte sich vor Überraschung beinahe und hätte fast den Kompott verschüttet. Seine Augenbrauen wanderten langsam nach oben, während sich sein Kiefer sichtbar verhärtete.
Mein Mann war immer ein direkter und gerechter Mensch gewesen. Intrigen konnte er nicht ausstehen. Und Diebstahl aus dem Familienbudget, serviert mit der Sauce mütterlicher Liebe, löste bei ihm beinahe körperlichen Widerwillen aus.
— Wart einmal, — sagte er dumpf und griff nach seinem Handy. — Sie hat den Firmennamen genannt. „Bau-Fenster-Garant“. Das überprüfen wir jetzt.
Nach fünf Minuten Telefonat mit einem Mitarbeiter war Lukas’ Gesicht wie aus Stein. Es gab keinen Auftrag auf unseren Familiennamen, keine Bestellung für unsere Adresse und auch nichts unter dem Namen Elisabeth. Der von ihr erwähnte Bauleiter hatte in dieser Firma nie gearbeitet, und die Telefonnummer, die sie ihrem Sohn gegeben hatte, war nicht erreichbar.
— Ich fahr jetzt zu ihr und hol mir das Geld zurück, und wenn ich es aus ihr herausschütteln muss, — fuhr Lukas hoch und stieß dabei beinahe den Sessel um. — Das überschreitet jetzt wirklich jede Grenze!
— Setz dich, — bat ich ruhig und schenkte ihm ein Glas kühles Wasser ein. — Wenn du jetzt hinfährst und einen Krach machst, bekommt sie einen hysterischen Anfall. Sie wird stöhnen, jammern und die Rettung rufen. Katharina kommt mit Baldriantropfen angelaufen, und am Ende sind wir die Schuldigen. Dann heißt es, die grausamen Kinder hätten die aufopfernde Mutter wegen ein paar lächerlicher Scheine fertiggemacht.
Ich ließ eine kurze Pause entstehen.
— Nein, mein Lieber. Wenn sie schon beschlossen hat, diese Aufführung zu inszenieren, dann schauen wir sie uns auch bis zum Schluss an. Nur die Karten für die erste Reihe hat sie diesmal selbst bezahlt.
