„Mit dem Geld hab ich längst den Festsaal reserviert und die ganze Anzahlung hingeblättert!“ sagte Elisabeth selbstzufrieden, während Katharina mit Ersatzschlüssel in der Hand entsetzt im Gang stand

So unverschämt und selbstsüchtig, dass es wehtut.
Geschichten

— Was schlägst du also vor? — Lukas zog die Stirn kraus, setzte sich aber wieder hin.

Und genau in dem Moment habe ich ihm eine kleine Vorlesung gehalten.

Die Ökonomie eines Banketts ist gnadenlos. Sie hat kein Mitleid mit Menschen, die einen Vertrag unterschreiben, ohne die Beilagen auch nur anzuschauen. Zum eigentlichen Menü gesellen sich ganz unschuldig Servicepauschalen, Gerätemiete, Livemusik, Dekoration, Korkgeld und noch ein paar „kleine“ Zusatzgerichte.

Die Anzahlung, die meine Schwiegermutter geleistet hatte, war nichts anderes als der Köder. Sobald sich der Kunde bereits wie der Herr der Lage fühlt, fängt der eigentliche Spaß erst an. Und wenn der Auftraggeber überzeugt ist, dass am Ende ohnehin jemand anderer die Rechnung übernimmt, dann spart er ganz sicher nicht.

— Verstehst du? — Ich lächelte. — Eine fremde Geldbörse wirkt immer bodenlos, bis einem plötzlich der Boden der eigenen Dummheit entgegenblitzt. Soll sie bestellen, was sie will. Wir zahlen es einfach nicht.

Lukas schnaubte belustigt, und in seinen Augen tauchte dieser schelmische Funke auf, wegen dem ich mich damals in ihn verliebt hatte.

Drei Tage später standen Elisabeth und Katharina bei uns vor der Tür — nicht einfach zu Besuch, sondern mit der feierlichen Wichtigkeit einer offiziellen Delegation.

Meine Schwiegermutter sah aus, als hätte sie bereits für die Rolle einer reisenden Monarchin geprobt. Sie trug eine neue Bluse, und ihre Haare waren zu einem komplizierten Turm aufgesteckt, der vermutlich die Höhe ihrer Ansprüche symbolisieren sollte.

— Meine Kinder! — begann sie getragen, ließ sich aufs Sofa sinken und strich über imaginäre Falten auf ihren Knien. — Einundsiebzig ist nicht bloß irgendeine Zahl. Im Vorjahr ist mein Jubiläum ins Wasser gefallen, also hole ich heuer alles nach!

Sie richtete sich stolz auf.

— Das Restaurant „Imperial“. Ich habe beschlossen, ganz bescheiden zu feiern, aber mit Stil. Nur der engste Kreis! Etwa vierzig Personen.

Lukas und ich wechselten einen Blick. Bescheiden. Im „Imperial“. Vierzig Leute.

Sie reichte uns eine Einladungskarte, gedruckt auf dickem Papier mit goldener Prägung.

— Am Ende des Abends wird dort allerdings noch das eine oder andere Kleingeld zu begleichen sein, — warf meine Schwiegermutter scheinbar beiläufig ein, während sie ihren Nagellack betrachtete. — Aber du bist ja mein ältester Sohn, meine Stütze! Du wirst deine Mutter an so einem Tag doch nicht im Stich lassen. Und du, Anna, kümmerst dich bitte um kleine Gastgeschenke, Bonbonnieren und so weiter. Das ist jetzt sehr modern.

Katharina, die neben ihr saß, nickte eifrig und stellte mit jeder Faser ihres Körpers Unterstützung und familiäre Geschlossenheit dar.

— Mama hat sich ein Fest verdient! — erklärte meine Schwägerin mit Pathos. — Ich würde ja alles selber zahlen, ihr wisst doch, wie sehr ich mein Mütterchen liebe. Aber bei mir ist es finanziell gerade so eng, ich könnte heulen. Die Handys sind auch schon wieder teurer geworden, und meines war wirklich uralt, da musste ich ein neues auf Kredit nehmen.

Dabei schob sie etwas unbeholfen ihr nagelneues Spitzenmodell von Smartphone tiefer in die Handtasche.

Ich betrachtete die beiden und genoss den Augenblick. Die Unverschämtheit dieser Frauen hatte ein solches Ausmaß erreicht, dass man sie eigentlich in einem Museum hätte ausstellen können.

Großzügigkeit auf fremde Rechnung ist die angenehmste Form der Wohltätigkeit — vor allem, wenn man felsenfest davon ausgeht, dass einen die Kassa am Ende nicht einmal streift.

— Kommen werden wir, — sagte ich ruhig. — Aber die Gastgeschenke und alle weiteren Extras organisiert ihr bitte selbst. Wir bestellen gar nichts. Übrigens, was ist eigentlich mit den Fenstern? Der Ausmesser hat sich bis heute nicht gemeldet.

Für den Bruchteil einer Sekunde geriet Elisabeth aus dem Takt, fing sich aber sofort wieder, so professionell wie eine Schauspielerin auf der Bühne.

— Ach, dort ist in der Produktion gerade die Hölle los! Juli, Bausaison, du weißt ja! — Sie wedelte mit der Hand. — Der Bauleiter hat gesagt, man müsse noch warten. Vielleicht zwei Wochen, vielleicht einen Monat. Macht euch nur keine Sorgen, das Geld ist in sicheren Händen!

„In den sichersten überhaupt“, dachte ich. „Direkt in der Restaurantkassa.“

Kurz bevor sie ging, erwähnte Elisabeth noch nebenbei, sie habe dem Restaurant Lukas’ Telefonnummer als Kontakt hinterlassen. Nur für den Fall, dass dringend eine Zahlung oder die Lieferung von Portionsdesserts abgestimmt werden müsse. Ihren Sohn vorher um Erlaubnis zu fragen, war ihr selbstverständlich nicht eingefallen.

Keinen einzigen Cent bekam meine Schwiegermutter danach noch von uns.

Die Fenster haben wir in aller Ruhe bei einer anderen, verlässlichen Firma beauftragt und den nötigen Betrag vorübergehend aus unserer eisernen Reserve genommen.

Zwei Tage vor dem Bankett fuhr Lukas ins „Imperial“. Er wollte sicherstellen, dass unsere Falle ordentlich zuschnappte, und zugleich mit der Restaurantleitung ein paar Dinge unmissverständlich klären.

Der Restaurantleiter, Sebastian, erwies sich als Mann um die achtundfünfzig, mit tadelloser Haltung, unbewegter Miene und Manieren, wie man sie sonst nur bei einem mustergültigen Butler erwartet.

Lukas stellte sich vor und erklärte, seine Nummer sei in der Reservierung als zusätzlicher Kontakt angegeben. Dann bat er um Auskunft, ob daraus irgendeine finanzielle Verpflichtung für ihn entstehe.

— Auftraggeberin und Zahlungspflichtige laut Vertrag ist Elisabeth, — sagte Sebastian, nachdem er die Unterlagen geprüft hatte. — Ihre Unterschrift findet sich im Vertrag nicht. Ihre Telefonnummer ist ausschließlich für Rückfragen vermerkt.

— Ausgezeichnet, — nickte Lukas. — Dann ersuche ich darum, mir die Endabrechnung nicht vorzulegen. Ich habe keine zusätzlichen Leistungen bestellt und werde auch keine bezahlen.

— Sämtliche Abrechnungen erfolgen ausschließlich mit jener Person, die den Vertrag unterzeichnet hat, — bestätigte der Restaurantleiter völlig ungerührt. In seinen Augen huschte ein kaum merklicher Schatten von Verständnis vorbei; offenbar hatte er schon mehr als genug Familiendramen wegen unbezahlter Rechnungen für Stör, Torten und Musikbegleitung erlebt.

Dann kam der große Tag.

An diesem Abend flimmerte draußen noch der Juli über dem Asphalt, als würde die Straße langsam weich werden. Im Saal des „Imperial“ aber arbeiteten die Klimageräte mit voller Kraft, und deshalb konnte Elisabeth sich in der kühlen Pracht des Raumes vollkommen sicher fühlen.

Hedis Stube