„Mit dem Geld hab ich längst den Festsaal reserviert und die ganze Anzahlung hingeblättert!“ sagte Elisabeth selbstzufrieden, während Katharina mit Ersatzschlüssel in der Hand entsetzt im Gang stand

So unverschämt und selbstsüchtig, dass es wehtut.
Geschichten

So hatte sie sich auch nicht im Geringsten davor gefürchtet, ein unfassbar schweres, enges Kleid mit Lurexfäden anzuziehen.

Darin hat sie gewirkt wie eine glitzernde Discokugel, die man mitten in einen Festsaal gestellt hatte. Um ihren Hals funkelte billiger Modeschmuck, den sie mit einer derartigen Wichtigkeit trug, als handle es sich um unbezahlbare Stücke aus einer Museumsvitrine.

Die Gäste — eine ganze Schar aus Tanten, Onkeln, entfernten Neffen, Cousinen dritten Grades und Nachbarinnen — überschütteten sie mit Lob. Elisabeth nahm die Glückwünsche mit gnädiger Miene entgegen, ganz so, als wäre sie eine großzügige Wohltäterin der Familie.

Blutsbande werden erstaunlich fest, sobald man sie nur ausreichend mit kostenlosem Spitzenalkohol begießt.

Zwischen den Tischen bewegte sich lautlos der Fotograf der Festagentur, mit der das Restaurant zusammenarbeitete. Katharina hatte ihn schon vorab ausgesucht, und Elisabeth hatte die Fotos samt gedrucktem Album einfach in den Bankettvertrag aufnehmen lassen — selbstverständlich in der festen Überzeugung, dass Lukas am Ende ohnehin alles begleichen würde.

— Familie bedeutet mir alles! — verkündete sie ins Mikrofon und tupfte sich mit einem Papiertaschentuch die Augenwinkel ab. — Für meine Liebsten ist mir nichts zu schade! Ich hab immer gesagt: Geld ist nur Papier. Wichtig ist doch, dass die Menschen, die einem nahestehen, glücklich sind!

Dann schnippte sie mit den Fingern nach dem Kellner.

— Junger Mann, — kommandierte die Schwiegermutter laut genug, damit es auch wirklich jede Verwandte am Tisch mitbekam. — Nehmen Sie diesen Wein weg, der ist irgendwie sauer! Bringen Sie Cognac. Aber einen erstklassigen! Und füllen Sie die Kaviarschälchen wieder auf. Meine Familie feiert heute ordentlich!

Der Kellner nannte höflich den Preis und legte Elisabeth ein zusätzliches Bestellblatt vor. Sie las nicht einmal bis zum Ende, sondern setzte schwungvoll ihre Unterschrift darunter.

Und so ging es weiter: beim Cognac, bei neuen Portionen der Delikatessen und bei der dreimaligen Verlängerung der Livemusik. Eine fremde Geldbörse verlieh ihrer Handschrift eine geradezu beeindruckende Sicherheit.

Irgendwann langte Katharina, die gerade gierig an ihrem Julienne löffelte, zu energisch nach einem Salat und fegte mit dem Ellbogen ein hohes Glas vom Tisch. Es zerschellte am Boden mit einem hellen, kristallenen Knall. Der Kellner brachte umgehend ein weiteres Zusatzblatt, und Elisabeth unterschrieb, ohne hinzuschauen, auch diese familiäre Ungeschicklichkeit.

Katharina lächelte nur selig vor sich hin; sie war überzeugt, dass ihr großzügiger Bruder dieses ganze Fest des Lebens bezahlte.

Ich saß da, trank Mineralwasser mit Zitrone und genoss das Schauspiel.

Elisabeth benahm sich, als stünde sie hinter der dicken Scheibe ihres heiß geliebten neuen Fensters: Sie nahm weder die Preise in der Karte noch den gesunden Menschenverstand wahr und berauschte sich an ihrer eigenen Bedeutung. Je lauter die Musik spielte, desto schwerer schien die Mappe in den Händen des unerschütterlichen Sebastian zu werden.

Gegen Mitternacht begannen die ersten Gäste, sich langsam zu verabschieden. Statt einer riesigen Torte servierte das Restaurant kleine Desserts in Portionen — Elisabeth hatte sie vorsorglich in die Bestellung aufnehmen lassen, nachdem wir uns geweigert hatten, ihre Konditorträume zu finanzieren.

Kurz darauf erschien Sebastian im Saal.

Er glitt zwischen den Tischen dahin wie ein großer Ozeandampfer, der ruhig durch die Wellen schneidet. In den Händen hielt er genau jene schwarze Mappe mit der Rechnung. Als er bei Elisabeth angekommen war, verneigte er sich elegant.

— Ihre Abrechnung, geschätzte Elisabeth. Ich hoffe, der Abend ist ganz nach Ihren Vorstellungen verlaufen?

Die Schwiegermutter machte eine lässige Handbewegung und warf nicht einmal einen Blick auf den Betrag.

— Alles wunderbar. Geben Sie die Rechnung meinem Sohn. Lukas, bezahl den Herrn, lass ihn nicht warten.

— Verzeihen Sie bitte, — erwiderte Sebastian völlig gelassen und legte die Mappe direkt vor Elisabeth ab. — Laut Vertrag sind Sie die Auftraggeberin und Zahlungspflichtige.

Elisabeth packte die Mappe verärgert und schob sie selbst quer über den Tisch zu Lukas.

— Nimm sie und zahl endlich. Führ dich nicht auf!

Lukas öffnete die Mappe langsam. Sein Blick wanderte über die lange Liste der Positionen: der teure Cognac, das gedruckte Fotoalbum, drei zusätzliche Stunden Musik, das von Katharina zerbrochene Glas und noch einiges mehr.

Dann klappte mein Mann die Mappe mit einem trockenen Schnappen wieder zu und reichte sie über den Tisch zurück, geradewegs in die Hände seiner Mutter.

— Mama, das ist deine Rechnung, — sagte Lukas laut und so deutlich, dass es wirklich niemand überhören konnte.

Mit einem Schlag verstummten alle Gespräche. Die Verwandtschaft erstarrte, manche noch mit halb gekauten Bissen im offenen Mund.

Kein noch so kostspieliges Make-up kann ein Gesicht so schnell verändern wie eine Mappe mit einer unbezahlten Rechnung.

— Lukas, was sollen diese Späße? — Elisabeth lachte nervös auf, doch ihre Augen begannen unruhig hin und her zu flackern. — Bezahl das Bankett. Du hast es doch versprochen!

— Ich habe so etwas nie versprochen, — antwortete mein Mann ruhig. — Anna und ich haben dir eine größere Summe für neue Fenster überwiesen. Du hast dieses Geld ohne unsere Zustimmung als Anzahlung für dein Bankett verwendet. Daher zahlst du den Rest laut Vertrag selbst. Und verwechsel da nichts: Dieses Geld war kein Geschenk und wird auch keines. Den Betrag, den du als Anzahlung ausgegeben hast, gibst du uns gesondert zurück. Dein Vergnügen zahlen wir nicht ein zweites Mal.

Die Stille an den Tischen wurde so dicht, dass man Nägel hineinschlagen hätte können. Elisabeths Gesicht überzog sich mit hässlichen, dunkelroten Flecken, die sich scharf vom silbrigen Lurex ihres Kleides abhoben.

— Welche Fenster?! — kreischte sie und verlor dabei den letzten Rest ihrer vornehmen Haltung. — Du blamierst deine eigene Mutter vor allen Gästen?! Ich hab mich doch für euch bemüht, ich hab ein Fest organisiert!

— Der Vertrag läuft auf Ihren Namen, Elisabeth, — schaltete sich Sebastian mit eisiger Höflichkeit ein. — Sie haben sämtliche Zusatzleistungen persönlich bestellt. Den nach Abzug der bereits geleisteten Anzahlung offenen Restbetrag werde ich Ihnen jetzt mitteilen.

Hedis Stube