„Mit dem Geld hab ich längst den Festsaal reserviert und die ganze Anzahlung hingeblättert!“ sagte Elisabeth selbstzufrieden, während Katharina mit Ersatzschlüssel in der Hand entsetzt im Gang stand

So unverschämt und selbstsüchtig, dass es wehtut.
Geschichten

Die endgültige, nach Abzug der Anzahlung noch offene Summe beläuft sich auf …

Er nannte den Betrag, und Katharina ließ vor Schreck die Gabel fallen. Sie rutschte ihr aus den Fingern und schlug mit hellem Klirren gegen den Teller.

— Katharina! — Elisabeth fuhr in blanker Verzweiflung zu ihrer Tochter herum. — Hast du Geld auf der Karte? Hilf deiner Mutter!

Katharina sackte augenblicklich tiefer in ihren Sessel, als wollte sie eins mit dem Polster werden. Von ihrer eben noch so selbstbewussten Frechheit war nichts mehr übrig.

— Mama, woher denn?! — jammerte sie mit dünner Stimme. — Ich bin doch als Gast gekommen! Ich hab nur Geld fürs Taxi mit! Und überhaupt, ich zahl noch den Kredit fürs Handy ab, das hab ich dir eh gesagt!

Familiäre Geschlossenheit hält genau bis zu dem Moment, in dem jemand die eigene Bankkarte zücken soll.

Elisabeth ließ den Blick fahrig durch den Saal huschen, auf der Suche nach einem rettenden Zeichen aus der Verwandtschaft.

Doch die Tanten und Onkel, die noch wenige Minuten zuvor ihre Großzügigkeit in den höchsten Tönen gelobt hatten, entwickelten plötzlich ein brennendes Interesse an den Tischtüchern, der Decke und den Mascherln ihrer eigenen Schuhe. Niemand verspürte auch nur den geringsten Drang, sich an dem teuren Cognac zu beteiligen, der längst wohlig in ihren eigenen Mägen gluckerte.

— Wie könnt ihr nur … — presste Elisabeth giftig hervor und starrte Lukas an. — Das ist eine Gemeinheit!

— Gemein, Mama, — sagte Lukas fest, — ist es, uns ins Gesicht zu lügen, von einem angeblich befreundeten Bauleiter zu erzählen, unser erspartes Geld einzusacken und es dann für Livemusik und diesen ganzen Zirkus auszugeben, in der Hoffnung, dass ich mich vor den Tanten schäme und alles brav bezahle.

Sebastian räusperte sich dezent.

— Bar oder mit Karte? — fragte er höflich und schob Elisabeth das Terminal hin.

Elisabeth blieb keine Wahl.

Mit zitternden Fingern holte sie ihr Handy hervor, öffnete die Banking-App und löste vorzeitig eines ihrer beiden Sparkonten auf — ausgerechnet jenes, von dem sie eigentlich die neue Küchenzeile bezahlen hatte wollen. Der Betrag wurde auf ihr Kartenkonto übertragen.

Erst danach zog sie die Plastikkarte aus der Geldbörse und hielt sie ans Terminal. Das Gerät piepste kurz und bestätigte die Abbuchung. Elisabeths Gesicht zeigte in diesem Augenblick eine derart echte Trauer, als würde sie jeden einzelnen verlorenen Cent persönlich zu Grabe tragen.

Lukas und ich standen auf, verabschiedeten uns höflich von der verstummten Verwandtschaft und gingen zum Ausgang. Katharina hob nicht einmal den Blick. Sie stocherte angestrengt mit der Gabel in einer leeren Serviette herum.

Damit war die Sache allerdings noch nicht vorbei.

Am nächsten Tag, Punkt zehn Uhr vormittags, rief Lukas seine Mutter an. Er ließ sich gar nicht erst auf ihre Klagen über Blutdruck, undankbare Kinder und verletzte Mutterherzen ein.

— Mama, — sagte er hart. — Das Bankett von gestern hast du selbst bezahlt, das ist dein Problem. Jetzt warte ich auf die Rücküberweisung unseres Geldes, das du angeblich für die Fenster bekommen hast. Dein Jubiläum hat dir kein Recht gegeben, über unsere Ersparnisse zu verfügen.

— Aber ich hab es doch für die Anzahlung ausgegeben! — schluchzte Elisabeth ins Telefon. — Ich hab nichts mehr! Ihr treibt mich noch in den Ruin!

— Ich erwarte die Überweisung bis heute Abend. Wir haben dir das Geld für einen ganz konkreten Zweck geschickt, und sowohl der Kontoauszug als auch der gesamte Schriftverkehr sind bei mir gespeichert, — antwortete Lukas ruhig, aber eiskalt. — Wenn du dich weigerst, es zurückzugeben, bekommst du morgen per Einschreiben eine außergerichtliche Zahlungsaufforderung wegen ungerechtfertigter Bereicherung. Danach gehe ich vor Gericht. Und dann erfahren von deinem Jubiläumstrick nicht nur die Verwandten und die Kellner, sondern auch die zuständigen Stellen.

Elisabeth wusste sehr genau: Lukas redete nicht einfach daher. Wenn er so etwas sagte, zog er es auch durch.

Die juristischen Begriffe wirkten auf sie offenbar wie eine kalte Dusche. Noch am Abend war der gesamte Betrag, bis auf den letzten Cent, wieder auf der Karte meines Mannes.

Wie wir später erfahren haben, musste Elisabeth dafür auch ihr zweites Konto vorzeitig auflösen — genau jene Reserve, die sie für den „allerschlimmsten Notfall“ aufgehoben hatte. Dabei verlor sie sämtliche Zinsen. Das Komischste daran war: Diesen schwarzen Tag hatte sie sich ganz allein organisiert.

Katharina weigerte sich kategorisch, auch nur irgendetwas beizusteuern. Sie erklärte, sie habe schließlich den Kredit fürs Handy, eigene Ausgaben und überhaupt „kein Geld“. Dass sie für die Ausarbeitung eines in seiner Unverschämtheit fast bewundernswerten Plans auf fremde Kosten keinerlei finanzielle Kräfte gebraucht hatte, störte sie dabei offenbar nicht. Das Bündnis der zwei Holzwürmer zerbröselte beim ersten Kontakt mit dem finanziellen Insektenspray mit lautem Krachen.

Drei Wochen später waren in unserer Wohnung bereits die neuen, strahlend weißen Fenster eingebaut. Die Handwerker arbeiteten schnell, sauber und ordentlich. Drinnen wurde es still, warm und unglaublich behaglich, obwohl draußen das Wetter wieder einmal alle Launen ausspielte, die es nur auf Lager hatte.

Seitdem hat Elisabeth aufgehört, uns vorzuschlagen, irgendwelche familiären Anschaffungen über ihre „absolut verlässlichen Bekannten“ laufen zu lassen. Auch der Kontakt zu uns beschränkte sich von da an fast ausschließlich auf Feiertage — kurz, trocken und in einem Ton, der eher an ein Amtsformular erinnerte als an mütterliche Zuneigung.

Echte Achtung vor fremden Grenzen erwacht bei manchen Menschen eben erst dann, wenn eine Grenzüberschreitung aus der eigenen Geldbörse bezahlt werden muss.

Die Fotos von jenem verhängnisvollen Jubiläum zeigte Elisabeth der Verwandtschaft übrigens auch deutlich seltener, als sie ursprünglich geplant hatte.

Auf den meisten Bildern im ausgedruckten Album strahlte sie, hob ihr Glas und nahm die Bewunderung der anderen mit gnädiger Miene entgegen. Doch das letzte Foto war besonders ausdrucksstark geworden. Darauf saß sie vor der aufgeklappten schwarzen Mappe, in der einen Hand das Handy, in der anderen die Bankkarte.

Ihr Gesicht war erstarrt, als hätte man sie selbst in ein schalldichtes Dreifach-Isolierglas eingemauert und sie dort allein mit dem tatsächlichen Preis ihrer eigenen Großzügigkeit zurückgelassen. Und kein Hilfeschrei drang mehr hindurch.

Hedis Stube