„Schluss mit dem Gratisleben!“ — Sie ließ seine Bankkarten sperren und befahl ihrem Mann, sich sein Geld selber zu verdienen

Unverschämte Bequemlichkeit trifft längst überfällige, harte Konsequenz.
Geschichten

— Schluss mit dem Gratisleben! — Ich habe die Bankkarten sperren lassen, und mein zweiundvierzigjähriger Mann hat zum ersten Mal von mir gehört: Geh hinaus und verdien dir dein Geld selber!

Anna ist nicht vom Wecker munter geworden, sondern davon, dass im Zimmer eine stickige Hitze gestanden ist — wie in einem überfüllten Bus zur Hauptverkehrszeit, in dem der Fahrer vergessen hat, die Klimaanlage einzuschalten, während die Fahrgäste offenbar fest überzeugt sind, frische Luft sei gesundheitsschädlich.

Automatisch hat sie zur Decke hinaufgeschaut. In der Ecke saß eine Spinne. Sie war das einzige Lebewesen im Raum, das sich über die Temperatur anscheinend nicht beschwerte.

„Vielleicht leidet sie ja auch, nur halt still. Nicht so wie meine Verwandtschaft“, dachte Anna bitter und drehte sich auf die andere Seite.

Aus der Küche drang bereits das Scheppern von Geschirr. Das konnte nur eines heißen: Theresa war aufgestanden. Anna kannte diesen Ablauf nur zu gut. Ihre Schwiegermutter war Punkt sieben Uhr wach und begann sofort, Lärm zu machen, als würde sie mit der Müllabfuhr um die Wette arbeiten.

— Annalein, aufstehen, es ist schon halb acht! — rief es aus der Küche, heiter und fast ein bissl spöttisch. — Du bist hier schließlich die Einzige, die arbeiten geht. Nicht, dass du noch zu spät kommst!

— Danke für die Erinnerung — murmelte Anna, während sie sich aus dem Bett schälte. — Als ob ich das ohne euch nicht wüsste.

Im Vorzimmer erwartete sie ihr Mann Lukas. Er saß nur in der Unterhose da, das Handy in der Hand, und wischte konzentriert über den Bildschirm. Sein Gesichtsausdruck war so ernst, als würde er gerade über die Zukunft des Landes entscheiden. In Wahrheit — und Anna wusste das nur zu gut — rechnete er aus, welcher Fußballer heute bei einer Wette „sicher kommt“.

— Lukas, du könntest dir wenigstens etwas anziehen — sagte Anna, als sie an ihm vorbeiging.

— Wozu? — Er zuckte mit den Schultern, ohne den Blick vom Display zu heben. — Ich bin daheim. Das hat hier eben seine eigene Atmosphäre.

— Ja. Die Atmosphäre einer Fliegenklatsche — gab Anna trocken zurück.

Lukas reagierte nicht. Offenbar war sein Gehirn vollständig von der Quote auf Rapid besetzt.

In der Küche schlug Anna der Geruch von angebranntem Haferbrei entgegen. Theresa stand im Morgenmantel beim Herd und rührte mit wichtiger Miene in einem Topf herum.

— Ich hab dir Brei gemacht — verkündete sie, als hätte sie gerade eine Heldentat vollbracht. — Du brauchst Kraft. Immerhin hängt der ganze Haushalt an dir.

— Danke — sagte Anna und goss sich Kaffee ein —, aber ich frühstücke normalerweise mit Joghurt.

— Geh bitte, das ist doch kein richtiges Essen! — empörte sich die Schwiegermutter. — Brei ist die Grundlage. Nicht umsonst hab ich mein Leben lang Schulkinder damit gefüttert.

Anna nahm einen Schluck Kaffee und schluckte die spitze Antwort hinunter.

„Ja, Theresa, wahrscheinlich sind sie deshalb in jeder Pause zum Buffet gerannt, um sich eine Semmel zu holen. Brei hin oder her, irgendetwas Ordentliches braucht der Mensch halt auch.“

— Mama, kannst du mir Geld aufs Handy laden? — rief Lukas aus dem Zimmer. — Ich bin schon im Minus.

Anna verschluckte sich beinahe.

— Lukas, du bist ein erwachsener Mann. Zweiundvierzig Jahre alt. Du hast zwei Hände und sogar ein Ingenieursdiplom. Ist es wirklich so schwer, dein Handy selber aufzuladen?

Lukas erschien im Türrahmen der Küche und kratzte sich am Bauch.

— Würd ich ja gern machen, aber meine Karte ist leer. Und du bist bei uns die Finanzministerin, für dich ist das einfacher.

— Finanzministerin? — Anna lächelte bitter. — Ich dachte eigentlich, ich bin deine Frau.

— Bist du eh — nickte Lukas. — Zwei in einem, sozusagen.

In diesem Moment stellte sich Theresa natürlich auf die Seite ihres Sohnes.

— Annalein, warum bist denn so kleinlich? Du verdienst doch. Wir sind eine Familie. Wozu ist Familie da, wenn nicht zum Teilen?

— Interessant — Anna trank einen weiteren Schluck Kaffee und sah ihre Schwiegermutter von der Seite an. — Aus irgendeinem Grund teile immer nur ich. Die anderen nehmen bloß.

In der Küche wurde es still. Sogar der Haferbrei hörte auf zu blubbern.

— Fangst du schon wieder damit an? — Theresa runzelte die Stirn. — Diese Geizerei von dir gefällt mir gar nicht.

— Das ist keine Geizerei, sondern ein Rest von Gerechtigkeitssinn — erwiderte Anna. — Ich bin kein Bankomat.

— Na super, da haben wir’s wieder — seufzte Lukas. — Es ist noch nicht einmal richtig in der Früh, und du machst schon Vorwürfe. Verstehst du nicht, dass das alles von deiner Anspannung kommt? Du müsstest das Leben lockerer nehmen.

— Lockerer? — Anna spürte, wie ihr die Wut langsam die Brust hinaufkroch. — Du sitzt seit zwei Jahren daheim und nimmst alles locker. Und deine Mutter kommt noch dazu.

Hedis Stube