– Anna, ich bin’s, die Tante Theresa! – Aus dem Hörer perlte eine derart aufgesetzte Fröhlichkeit, dass Anna unwillkürlich die Zähne zusammenbiss. – Wir sind nächste Woche in der Stadt, ein paar Unterlagen müssen erledigt werden. Wir wohnen dann bei dir, eine Woche oder vielleicht zwei, passt eh, oder?
Anna hätte sich beinahe am Tee verschluckt. Einfach so. Kein „Grüß dich“, kein „Wie geht’s dir?“, sondern sofort: Wir wohnen bei dir. Nicht: „Wäre es möglich?“ Nicht: „Ist es dir recht?“ Sondern eine fertige Entscheidung.
– Tante Theresa, – sagte Anna und zwang sich, ruhig und freundlich zu klingen, – ich freu mich, von dir zu hören. Aber wegen dem Übernachten… Ich such euch lieber ein Hotel heraus, ja? Es gibt derzeit wirklich gute Angebote, gar nicht teuer.
– Ein Hotel? – Theresa schnaubte, als hätte ihre Nichte den größten Unsinn der Welt vorgeschlagen. – Wozu sollen wir Geld beim Fenster hinauswerfen? Von deinem Vater ist dir doch diese Dreizimmerwohnung geblieben! Drei ganze Zimmer für eine einzige Person!
Anna schloss kurz die Augen. Also fing es wieder an.

– Das ist meine Wohnung, Tante.
– Deine? – In Theresas Stimme blitzte plötzlich etwas Scharfes, Unangenehmes auf. – Und dein Vater, zu wem hat der gehört? Etwa nicht zu unserer Familie? Blut ist kein Wasser, Anna. Wir sind dir ja wohl keine Fremden, und du willst uns ins Hotel abschieben wie irgendwelche streunenden Hunde!
– Ich schiebe niemanden irgendwohin. Es geht einfach nicht, dass ihr bei mir unterkommt.
– Und warum bitte nicht?
„Weil ihr mir beim letzten Mal mein Leben in eine Außenstelle der Hölle verwandelt habt“, dachte Anna. Laut sagte sie nur:
– Es gibt Umstände, Tante Theresa. Ich kann euch nicht aufnehmen.
– Umstände hat sie! – Jetzt gab sich Theresa gar keine Mühe mehr, ihren Ärger zu verbergen. – Drei Zimmer stehen leer, aber sie hat Umstände! Dein Vater hätte seine Familie übrigens niemals vor die Tür gesetzt. Aber du kommst ganz nach deiner Mutter, genau dieselbe…
– Tante…
– Was heißt hier Tante? Wir kommen am Samstag, gegen Mittag. Lukas und Tobias sind auch dabei. Du wirst uns ordentlich empfangen.
– Ich hab doch gesagt, dass es nicht geht.
– Anna! – Der Ton wurde hart, befehlend. – Darüber wird nicht diskutiert. Am Samstag sind wir da.
Dann knackte es kurz, und die Verbindung war weg.
Anna legte das Handy langsam auf den Tisch. Eine Minute lang blieb sie reglos sitzen und starrte ins Leere. Schließlich atmete sie schwer aus und lehnte sich gegen die Stuhllehne.
Es war jedes Mal dasselbe.
Vor zwei Jahren hatte Tante Theresa schon einmal „nur kurz“ bei ihr gewohnt. Damals waren sie zu viert aufgetaucht, angeblich für drei Tage, daraus sind am Ende zwei volle Wochen geworden. Anna erinnerte sich noch immer mit Grausen daran: Lukas, Theresas Mann, hatte sich mit Straßenschuhen auf ihrem Sofa breitgemacht und bis drei Uhr in der Früh mit der Fernbedienung herumgeklickt. Und dann war da noch Tobias, ihr verhätschelter Sohn.
