ein dreiundzwanzigjähriger Riesenbub, der sich wie ein Teenager aufgeführt hat, ständig den Kühlschrank geplündert und kein einziges Mal auch nur seinen Teller abgespült hat. Theresa selbst hat in Annas Küche das Kommando übernommen und an allem herumgemäkelt: an den Vorhängen, an der Ordnung, sogar an den angeblich „völlig falsch“ ausgesuchten Fliesen.
Als sie endlich wieder abgereist sind, hat Anna eine angesengte Stelle am Bezug des Sessels entdeckt, ein kaputtes Regal im Bad und merkwürdige Flecken auf dem Teppich im Wohnzimmer. Von Geld hat selbstverständlich niemand geredet. Weder für die Einkäufe noch für Strom, Wasser und Heizung, die in diesen zwei Wochen ordentlich ins Gewicht gefallen sind, ist auch nur ein Cent gekommen. Sie haben bloß ihre Taschen gepackt, sind zur Tür hinaus und haben im Gehen noch gerufen: „Danke, Anna, du bist wirklich ein braves Mädel.“
Anna rieb sich die Schläfen.
Nein. Noch einmal würde sie sich das nicht antun. Theresa konnte schreien, so viel sie wollte, von ihrem Vater anfangen und mit Familienpflichten wedeln. Wenn sie am Samstag vor der Tür stand, würde diese Tür eben zu bleiben.
Anna griff nach dem Handy und öffnete den Browser. Sie würde ihnen ein Hotel heraussuchen. Ein ordentliches, sauberes, mit allem, was man braucht. Dann würde sie die Adresse schicken und unmissverständlich dazuschreiben, dass genau das ihre ganze Hilfe war.
Und wenn sie das nicht akzeptierten, war es nicht mehr Annas Angelegenheit.
Die nächsten zwei Tage vergingen in einer beinahe seligen Ruhe. Anna arbeitete, machte abends ihre Spaziergänge, kochte nur für sich allein und redete sich fast ein, Theresas Anruf sei nichts weiter als ein grauslicher Traum gewesen. Vielleicht überlegten sie es sich ja anders. Vielleicht fanden sie irgendeine andere Verwandtschaft, bei der sie sich einnisten und die Beine hochlegen konnten.
Am Donnerstag gegen Abend läutete das Telefon. Auf dem Display stand „Tante Theresa“, und Anna zog sich der Magen zusammen.
„Anna, ich bin’s!“, schallte Theresas muntere Stimme in die stille Wohnung. „Wir kommen morgen. Der Zug ist um zwei da. Du holst uns ab, ja? Und richt was zum Essen her, nach der Fahrt braucht man schon etwas Ordentliches!“
Langsam setzte sich Anna auf die Sofakante. Ihre Finger klammerten sich so fest ums Handy, dass die Knöchel hell wurden.
„Tante Theresa“, sagte sie langsam, betont ruhig und Wort für Wort, „ich habe es dir bereits gesagt. Ich lasse euch nicht in meine Wohnung. Kommt nicht zu mir.“
„Ach geh, stell dich nicht so an!“ Theresa lachte kurz auf, als hätte Anna einen schlechten Scherz gemacht. „Was führst du dich denn auf wie ein kleines Kind? Ich lass euch nicht rein, ich lass euch rein … Wir haben die Fahrkarten längst gekauft!“
„Das ist euer Problem.“
„Anna, was ist denn mit dir los?“ Für einen Augenblick klang sie ehrlich überrascht, doch gleich darauf war der gewohnte Druck wieder da. „Bist du jetzt Familie oder nicht? Der Familie hilft man, das ist heilig!“
„Ich bin niemandem etwas schuldig.“
„Und ob du das bist! Dein Vater, Gott hab ihn selig …“
„Tante, hör auf mit meinem Vater. Ich habe Nein gesagt. Das ist mein letztes Wort.“
Theresa atmete laut und übertrieben aus, als müsste sie all ihre Geduld für ein trotziges Kind zusammennehmen. Dann setzte sie zu ihrer nächsten Belehrung an.
