„Ich kann euch nicht aufnehmen“ sagte Anna ruhig, während Tante Theresa am Telefon empört aufschnaubte

So unverschämt, dass es fast schon grausam ist.
Geschichten

„Anna, deine Meinung interessiert in dieser Sache niemanden, verstehst du? Wir sind eine Familie. Und du tust da, als wären wir irgendwelche Feinde. Morgen um zwei, vergiss es nicht!“

„Ich habe doch gerade gesagt …“

„Passt schon, Bussi, bis morgen!“

Dann war nur noch das Tuten in der Leitung.

Anna starrte ein paar Sekunden lang auf das dunkel gewordene Display. In ihr stieg etwas Heißes hoch, etwas Wütendes, das ihr beinahe die Brust sprengte. Sie schleuderte das Handy auf die Couch und begann im Zimmer auf und ab zu gehen: drei Schritte hin, drei zurück, wie ein eingesperrtes Tier.

Ihr Wille zählte also nicht. Großartig. Wirklich ganz hervorragend.

Mit einem Mal blieb sie stehen.

Na wartet, liebe Tante.

Anna griff wieder nach dem Handy und suchte in den Kontakten nach „Mama“.

„Hallo? Anna?“ Die Stimme ihrer Mutter klang warm und ein wenig überrascht. „Ist etwas passiert?“

„Servus, Mama. Hör zu, ich würde gern zu dir kommen. Morgen schon. Für eine Woche vielleicht, vielleicht auch ein bisserl länger.“

Am anderen Ende entstand eine kurze Stille.

„Morgen? Aber, Schatzerl, du warst doch erst vor einem Monat da …“

„Ich weiß. Aber ich muss einfach weg. Ich arbeite ohnehin ortsunabhängig, mir ist egal, von wo aus. Darf ich kommen?“

Ihre Mutter schwieg noch einen Augenblick, und Anna konnte sich beinahe vorstellen, wie sie die Stirn runzelte und zu begreifen versuchte, was los war.

„Natürlich darfst du kommen. Du weißt doch, dass ich mich immer freu. Aber bist du sicher, dass bei dir alles in Ordnung ist?“

„Ja, Mama. Alles gut. Ich hab dich nur vermisst.“

Sie beendete das Gespräch und ließ sich zum ersten Mal an diesem Tag ein kleines Lächeln zu. Morgen zu Mittag würde Tante Theresa samt Anhang vor einer versperrten Wohnungstür stehen. Sie konnten läuten, anrufen, gegen die Tür hämmern und das ganze Stiegenhaus zusammenschreien, so viel sie wollten — die Wohnungsinhaberin wäre nicht daheim. Nicht kurz beim Einkaufen, nicht schnell bei einer Freundin. Sondern in einer anderen Stadt, dreihundert Kilometer entfernt.

Anna öffnete die App für Bahntickets. Der Frühzug um sechs Uhr fünfundvierzig. Perfekt. Wenn ihre Tante unten vor dem Haus auftauchte, würde sie längst in der Küche ihrer Mutter sitzen und Tee trinken.

Blut mochte dicker sein als Wasser. Trotzdem tat es auch Verwandten manchmal gut, ein klares Nein zu hören.

Im Zug lauschte Anna dem gleichmäßigen Rattern der Räder und stellte sich vor, welches Gesicht Theresa machen würde, wenn sie vor der verschlossenen Tür stand. Ihr fielen die Augen zu, der Kopf dröhnte, aber innerlich war sie ruhig.

Ihre Mutter wartete am Perron, nahm sie fest in die Arme und brachte sie heim. Dort stellte sie ihr Palatschinken mit Topfen hin, kochte Tee und schickte sie danach ohne Diskussion ins Bett.

„Reden können wir später“, sagte sie und nahm ihr das leere Häferl ab. „Zuerst rastest du dich aus.“

Anna war eingeschlafen, kaum dass ihr Kopf das Polster berührt hatte.

Geweckt wurde sie vom schrillen Klingeln ihres Handys. Ihre Hand tastete automatisch über das Nachtkastl, bis sie es fand; erst nach ein paar Sekunden konnte sie den Namen auf dem Display erkennen: „Tante Theresa“.

„Anna!“, keifte Theresa ins Telefon.

Hedis Stube