so laut, dass Anna das Handy unwillkürlich ein Stück vom Ohr wegzog.
„Wir stehen seit zwanzig Minuten vor deiner Wohnungstür!“, schrie Theresa weiter. „Warum machst du nicht auf?!“
Anna richtete sich im Bett auf und fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht. Draußen war die Sonne schon im Sinken; offenbar hatte sie den halben Tag verschlafen.
„Weil ich nicht dort bin“, sagte sie schließlich. Trotz allem zuckte ihr ein schiefes Lächeln über die Lippen.
„Wie, du bist nicht dort?! Wo bist du denn?“
„In einer anderen Stadt.“
Am anderen Ende blieb es für einen Moment völlig still. Dann platzte Theresa los:
„Sag einmal, bist du jetzt komplett frech geworden?! Du hast gewusst, dass wir kommen, und bist einfach abgehauen? Wie kannst du nur!“
„Ganz leicht“, erwiderte Anna müde. „Ich hab dir gesagt, dass ich euch nicht hineinlasse. Ihr wolltet es halt nicht hören.“
„Was bildest du dir eigentlich ein!“, fauchte Theresa. Ihre Stimme überschlug sich vor Empörung. „Irgendwer wird ja wohl einen Ersatzschlüssel haben! Eine Nachbarin, eine Freundin, irgendwer! Ruf dort an, die sollen ihn bringen. Wir kommen auch ohne dich zurecht, wir sind ja keine kleinen Kinder!“
Anna erstarrte. Das war jetzt nicht mehr nur Unverschämtheit. Das war schon fast bewundernswert dreist.
„Theresa, meinst du das ernst?“
„Natürlich meine ich das ernst! Wir sind von der Fahrt erledigt, und du führst dich auf wie im Zirkus!“
„Ich hatte nie vor, mit euch in meiner Wohnung zu wohnen“, sagte Anna langsam. „Und ganz sicher lasse ich euch nicht hinein, wenn ich nicht einmal da bin.“
„Du kleine—“
In diesem Augenblick knarrte die Zimmertür. Maria stand im Türrahmen, im Morgenmantel, die Haare zerzaust, die Augen noch schmal vom Schlaf, aber ihr Blick war plötzlich hellwach. Wortlos streckte sie die Hand aus.
Anna verstand selbst nicht genau, warum sie es tat, doch sie reichte ihr das Handy.
„Theresa“, sagte Maria. Ihre Stimme war so kalt, dass Anna eine Gänsehaut bekam. „Hier ist Maria. Du hörst mir jetzt sehr genau zu und fällst mir nicht ins Wort.“
Aus dem Lautsprecher drang ein undeutliches, empörtes Gemurmel.
„Michael konnte dich nie ausstehen“, fuhr Maria unbeirrt fort. „Sein ganzes Leben lang nicht. Und glaub mir, das weiß ich besser als jeder andere. Also erklär mir: Warum bedrängst du seine Tochter? Was willst du von ihr?“
Anna hörte, wie Theresa am anderen Ende nach Worten suchte, stotterte, wieder ansetzte und sich dabei selbst verhedderte.
„Gut“, schnitt Maria ihr das Wort ab. „Dann ist das geklärt. Du rufst Anna nicht mehr an. Nie wieder. Wenn sie Hilfe braucht, hat sie Menschen, an die sie sich wenden kann. Und du gehörst ganz bestimmt nicht dazu. Ende der Durchsage.“
Sie tippte auf Auflegen und gab Anna das Handy zurück.
Anna starrte ihre Mutter an, als sähe sie sie zum allerersten Mal.
„Mama … du … so hab ich dich ja noch nie erlebt.“
Maria schnaubte leise und zog den Morgenmantel zurecht.
„Das hab ich von deinem Vater gelernt. Der hat immer gesagt: Mit der Theresa geht’s nur so. Einmal ordentlich zurückbellen, dann traut sie sich jahrelang nimmer her.“
Plötzlich lächelte sie. Um ihre Augen legten sich kleine Fältchen wie Sonnenstrahlen.
„Und stell dir vor: Es funktioniert immer noch.“
Da brach Anna in lautes Gelächter aus. Befreit, ungebremst, mit allem Druck der letzten Tage, der endlich aus ihr herausströmte. Einen Augenblick später lachte Maria mit.
„Na komm“, sagte sie schließlich und deutete Richtung Küche. „Wir machen uns einen Tee. Und dann erzählst du mir in Ruhe, was da eigentlich alles passiert ist.“
