„Darf ich da kurz nachfragen? Wie hoch war denn diese erste Anzahlung genau?“
Für einen Augenblick hat sie die Frage aus dem Gleichgewicht gebracht. Man hat es ihr angesehen. Doch sie hat sich rasch wieder gefasst.
„Na, was heißt wie hoch. Ordentlich halt. Ich hab ja etwas dazugegeben.“
„Wie viel haben Sie konkret dazugegeben?“
„Maria, darum geht es doch nicht, um irgendwelche Zahlen …“
„Doch“, sagte ich. „Genau darum geht es. Um Zahlen. Sie haben damals dreitausend Euro gegeben. Ich weiß es noch ganz genau. Sie haben Florian das Geld hier in diesem Zimmer in die Hand gedrückt und gesagt: ‚Von mir zum Einzug, Kinder.‘ Dreitausend Euro. Die gesamte Anzahlung hat aber ungefähr zwanzigtausend Euro betragen. Vielleicht können Sie mir erklären, woher der Rest gekommen ist?“
In der Küche ist es auf einmal still geworden. Florian hat endlich den Blick gehoben.
„Der Rest“, fuhr ich fort, „war meine Wohnung. Die von meiner Großmutter. In Linz, in Urfahr. Die Wohnung, die ich zwei Jahre vor unserer Hochzeit geerbt habe. Ich habe sie verkauft und das Geld in diese Anzahlung gesteckt. Fast den ganzen Betrag. Bis auf Ihre dreitausend Euro. Den Kaufvertrag habe ich. Den Kontoauszug auch. Und die Daten dazu. Alles passt zusammen.“
„Na und?“, sagte meine Schwiegermutter. Ihr Gesicht bekam rote Flecken, aber aufgeben wollte sie nicht. „Dann hast du es halt hineingesteckt. Eingetragen ist die Wohnung trotzdem auf Florian. Im Grundbuch steht sein Name.“
„Ja“, erwiderte ich. „Sie ist auf Florian eingetragen. Das stimmt. Nur heißt das nicht das, was Sie glauben. Die Wohnung ist während der Ehe gekauft worden. Und alles, was in der Ehe angeschafft wird, ist gemeinsames Vermögen. Es wird aufgeteilt, egal, auf wessen Namen es im Grundbuch steht. Auf Florian, auf Sie oder auf sonst wen. Das ist der erste Punkt. Und der zweite: Das Geld aus dem Verkauf meiner vorehelichen Wohnung bleibt mein persönliches Vermögen. Es ist nicht automatisch gemeinsames Geld geworden, nur weil ich es in unsere Zweizimmerwohnung investiert habe. Dieser Anteil gehört mir. Nicht zur Hälfte. Sondern ganz.“
Ich habe ruhig gesprochen. Gleichmäßig. Fast so, als würde ich im Spital einem Patienten erklären, wann er welche Tablette nehmen soll. Kein Schreien, keine Tränen, kein Zittern in der Stimme. Ich habe nur eines nach dem anderen hingelegt, sauber und geordnet, so wie es mir die Juristin erklärt hatte.
„Wenn man es ganz grob rechnet“, schloss ich, „gehören mir an dieser Wohnung mindestens zwei Drittel. Vielleicht sogar mehr. Also werde nicht ich, Theresa, in irgendeine Mietwohnung ausziehen. Und Sophie mir gerichtlich wegzunehmen, wird auch nicht so leicht werden, wie Sie sich das offenbar vorstellen. Eine Mutter mit fixer Arbeit, mit Wohnraum und ohne einzige Beanstandung durch die Kinder- und Jugendhilfe verliert ihr Kind nicht einfach so an den Vater. Schon gar nicht an einen Vater, der ein halbes Jahr lang darüber nachdenkt, wie er seine Frau möglichst geschickt vor die Tür setzen kann.“
Florian saß da wie versteinert, kreidebleich. Theresa öffnete den Mund, machte ihn wieder zu und sah dabei aus wie ein Fisch an Land.
„Du … du warst bei einem Anwalt?“, brachte Florian schließlich hervor.
„Ja“, sagte ich. „War ich. Oder hätte ich das nicht dürfen? Ihr zwei habt euch doch auch rechtzeitig alles zurechtgelegt. Ich habe mich lediglich ebenfalls vorbereitet. Du hast ja selbst in der Küche gesagt: Sobald sie anfängt, zu Juristen zu laufen, geht es los.“ Ich sah ihm direkt in die Augen. „Jetzt ist es losgegangen, Florian.“
Da hat er begriffen. Wirklich begriffen. Dass ich es gehört hatte. Alles. Jedes einzelne Wort. Die Sache mit den Trümpfen. Dass ich still sei. Eine Last. Ohne Schönheit, ohne Biss, ohne Geschick. Aus seinem Gesicht wich die letzte Farbe, und er wurde grau wie ein zerknittertes Leintuch auf einer Spitalsliege. Theresa hingegen lief dunkelrot an.
„Das ist Lauschen!“, kreischte sie. „Du hast gelauscht! Das ist … das ist niederträchtig!“
„Niederträchtig ist es, zu planen, wie man eine Mutter mit ihrem Kind aus der Wohnung drängt, während sie im Dienst Menschenleben rettet“, sagte ich. Noch immer leise. „Ich bin nur heimgekommen, weil ich meinen Dienstausweis holen musste, Theresa. Ich hatte ihn auf der Kommode liegen lassen. Und dann habe ich gehört, was ich eben gehört habe. Ich habe nicht gelauscht. Ich bin bloß in einem für Sie äußerst ungünstigen Moment nach Hause gekommen.“
Ich stand auf, nahm mein Häferl, trug es zur Abwasch, spülte es aus und stellte es in die Abtropftasse. Ganz alltägliche Bewegungen. Meine Hände waren vollkommen ruhig. Dann drehte ich mich wieder zu ihnen um.
„Ich werde heute nichts im Affekt entscheiden. Und einen Krach mache ich auch nicht. Nicht, solange Sophie da ist. Aber ab jetzt gilt etwas anderes. Von heute an läuft alles nach dem Gesetz und nicht mehr nach irgendwelchen Abmachungen, die ihr heimlich am Küchentisch trefft. Wenn du die Scheidung willst, Florian, bitte. Dann teilen wir das Vermögen ordentlich. Mit Bewertung, mit Berechnung und mit Anerkennung meines Anteils. Unsere Tochter bleibt bei mir. Und falls du zur Vernunft kommst und anders reden willst, dann kann man darüber sprechen. Aber nur auf Augenhöhe. Nicht so, dass ihr über mein Leben bestimmt und ich draußen im Vorzimmer stehe und von nichts eine Ahnung habe.“
Dann verließ ich die Küche. Hinter mir blieb eine schwere, dichte Stille zurück. Nur aus dem Wohnzimmer klang die fröhliche Musik eines Zeichentrickfilms herüber, dazwischen Sophies helles Lachen.
Ich ging zu ihr hinein und setzte mich an den Rand des Sofas. Sie rutschte sofort zu mir, warm, weich, nach Kindershampoo duftend.
„Mama, musst du heute nicht arbeiten?“
„Heute hab ich frei, mein Schatz.“
„Juhu! Gehen wir irgendwohin?“
„Ja“, sagte ich und drückte sie an mich. „Wir gehen ganz sicher irgendwohin.“
Ich hielt sie im Arm und schaute hinaus. Draußen verdichtete sich die Winterdämmerung, in dem Haus gegenüber gingen nach und nach die Fenster an. Hinter jedem dieser hellen Rechtecke gab es vermutlich auch eine Küche. Eigene Abmachungen. Eigene Schweigen. Eigene Schreie. Ich wusste noch nicht, was weiter passieren würde. Ob Florian seiner Mutter folgen oder bleiben würde. Ob wir uns scheiden lassen oder versuchen würden, etwas zusammenzukleben, das längst bis in den Kern gesprungen war. Ich wusste auch nicht, ob ich die Kraft haben würde, zu streiten, zu teilen, zu beweisen, vor Gericht zu stehen. Oder ob ich irgendwann wieder müde werden und mir einreden würde, es sei leichter, einfach still zu sein.
Aber eines wusste ich mit völliger Sicherheit: Ich würde nie wieder im Vorzimmer stehen und zuhören, wie andere über mein Leben entscheiden. Was auch immer als Nächstes käme — ich würde mitreden. Wenn schon nicht alles in meiner Hand lag, dann würde ich zumindest im selben Zimmer sitzen. Am Tisch. Nicht hinter der Tür.
Sophie plapperte mir ins Ohr, sie erzählte von ihrem Hund aus Knetmasse, dem sie endlich einen langen Schwanz gemacht hatte. Ich strich ihr über den Kopf und dachte an meine Großmutter. An ihre kleine Wohnung in Linz, in der es immer nach Herztropfen und frisch gebackenem Kuchen gerochen hatte. An die Pelargonie auf dem Fensterbrett. An den alten Spiegel an der Wand, der jetzt in meinem Vorzimmer hing. Meine Großmutter, die ihr Leben lang leise gewesen war, beinahe unsichtbar, und nie die Stimme erhoben hatte. Und die mir beim Gehen nicht bloß ein paar Quadratmeter hinterlassen hatte. Sie hatte mir Boden unter die Füße gelegt. Festen Boden, auf dem man stehen kann, wenn andere rundherum erklären wollen, wer man ist und was man wert sei.
Danke, Oma, dachte ich. Du hast gar nicht gewusst, wie rechtzeitig das war.
Draußen war es inzwischen ganz dunkel. Aus der Küche hörte ich Florian und seine Mutter leise miteinander reden. Nicht mehr selbstsicher wie zuvor, sondern fahrig, gedämpft, verunsichert. Ich aber saß mit meiner Tochter auf dem Sofa, in einer Wohnung, von der mindestens zwei Drittel mir gehörten, und fühlte mich zum ersten Mal seit sehr langer Zeit nicht mehr still.
Ich fühlte mich ruhig.
Und das, begriff ich in diesem Moment, ist etwas völlig anderes.
Was morgen sein würde, wusste ich nicht. Aber ganz gleich, wie dieses Morgen aussah: Ich würde ihm nicht mehr im Vorzimmer begegnen.
