— Das ist alles deine Schuld! — schrie die Schwiegermutter und drängte die Gäste zur Seite. — So ein „Geschenk“ hast du mir gemacht, du Taugenichts!
In der Dreizimmerwohnung in einem alten Gemeindebau in Wien-Favoriten hat der Krieg gleich am ersten Tag begonnen: genau in dem Moment, als Theresa gesehen hat, wie die frischgebackene Schwiegertochter Anna im Vorzimmer ihre Schuhe auszog. Nicht ordentlich, wie es sich für ein wohlerzogenes Mädchen gehört hätte, sondern mit einem schnellen Tritt von den Füßen geschleudert, sodass sie mitten am Gang liegen blieben.
— Schuhe stellt man in den Kasten — sagte Theresa kühl und deutete auf den schmalen Schuhkasten neben der Eingangstür.
— Natürlich, Theresa — erwiderte Anna mit einem Lächeln, doch in ihren Augen blitzte es kurz auf.
Lukas hat diesem stummen Schlagabtausch damals keine Bedeutung beigemessen. Er war glücklich: Endlich hatte er seine Frau zu seiner Mutter nach Hause gebracht. Er war überzeugt, die beiden würden schon zueinanderfinden. Die zwei wichtigsten Frauen in seinem Leben mussten doch irgendwie miteinander auskommen.

Wie sehr er sich geirrt hatte.
Theresa, die selbst mit sechzig noch die strenge Haltung einer ehemaligen Kindergartenleiterin an sich trug, war Ordnung und widerspruchslosen Gehorsam gewohnt. Anna hingegen, siebenundzwanzig Jahre alt, Wirtschaftlerin, ehrgeizig und mit sehr eigenen Vorstellungen vom Leben, hatte nicht die geringste Absicht, sich unterzuordnen.
Die ersten Wochen bestanden aus vorsichtigen Gefechten. Theresa kommentierte das Kochen („Den Sauerrahm gibt man erst ganz zum Schluss hinein, nicht mitten beim Kochen“), während Anna die Töpfe im Küchenkasten umräumte („So ist es viel praktischer, Theresa“). Beschwerte sich die Schwiegermutter über Unordnung im Bad, begann Anna ihre Strumpfhosen über dem Heizkörper im Wohnzimmer zu trocknen. Regte Theresa sich über Musik am Abend auf, schaltete Anna am nächsten Morgen Punkt sieben den Staubsauger ein.
Lukas versuchte, das Ganze nicht allzu ernst zu nehmen. Wenn ihn Kolleginnen und Kollegen in der Arbeit fragten, wie es daheim laufe, antwortete er nur:
— Passt schon. Sie müssen sich halt erst aneinander gewöhnen.
Daheim gewöhnte sich allerdings niemand an irgendwen. Im Gegenteil: Zwei starke Willen prallten immer härter aufeinander und hinterließen tiefe Risse im ohnehin dünnen Familienfrieden.
Anna wusste sehr wohl, dass sie nicht in ihrer eigenen Wohnung lebte, und bemühte sich, gewisse Grenzen nicht zu überschreiten. Doch wenn Theresa in ihrer Gegenwart wieder einmal seufzte: „Hätte Lukas doch nur die Lena aus dem Nachbarstiegenhaus geheiratet, die kann wenigstens kochen“, dann war auch Annas Geduld irgendwann am Ende.
— Theresa — sagte Anna in solchen Momenten mit betont ruhiger Stimme. — Wissen Sie eigentlich, dass ich in einem Monat mehr verdiene als Ihre Lena in einem halben Jahr an der Billa-Kassa?
— Geld ist in einer Familie nicht das Wichtigste — gab Theresa scharf zurück.
— Da stimme ich Ihnen zu. Das Wichtigste ist Respekt. Und genau daran mangelt es bei uns leider.
Solche Gespräche endeten meist damit, dass sich die beiden Frauen in verschiedene Zimmer zurückzogen. Lukas kam nach der Arbeit heim und fand eine spannungsgeladene Stille vor — dazu ein Abendessen, das nur halb fertig war.
Der wirklich heftige Streit aber entzündete sich an einem Seidenkleid.
Lukas bemerkte, dass seine Frau immer verschlossener und gereizter wurde, und beschloss, die Lage mit einem romantischen Abend zu retten. Er reservierte einen Tisch in einem Restaurant und kaufte Karten fürs Theater.
— Anna — sagte er am Morgen und küsste sie auf die Wange — heute Abend entführe ich dich. Mach dich schön, wir haben ein richtiges Rendezvous.
Zum ersten Mal seit vielen Tagen leuchtete Annas Gesicht in einem ehrlichen Lächeln auf.
— Lukas, wie schön! Dann ziehe ich mein neues Kleid an.
Dieses Kleid war ihr ganzer Stolz: edles Smaragdgrün, reine Seide, gekauft von ihrer ersten Prämie im neuen Job. Behutsam nahm Anna es aus dem Kasten und hängte es an die Tür, damit sich die Falten bis zum Abend aushängen konnten.
