„So ein „Geschenk“ hast du mir gemacht, du Taugenichts!“ schrie die Schwiegermutter und drängte die Gäste zur Seite

So ein giftiger Machtkampf ist unerträglich verletzend.
Geschichten

damit der Stoff wieder glatt wurde.

— Mama, — wandte sich Lukas an Theresa, — wir gehen heute Abend essen. Ist dir das recht?

— Natürlich, mein Bub. Macht euch einen schönen Abend, — antwortete sie. Ihr Blick blieb dabei jedoch einen Moment zu lange an dem Kleid hängen.

Als Anna nach der Arbeit heimkam und sich voll Vorfreude für das lang ersehnte Rendezvous herrichten wollte, hing das Kleid nicht mehr an der Tür. Ein ungutes Gefühl zuckte durch sie hindurch, doch sie schob es sofort beiseite. Wahrscheinlich war es nur heruntergerutscht.

Aber weder im Kasten noch am Boden, auch nicht auf dem Bett war es zu finden.

— Theresa, — sagte Anna und bemühte sich, ruhig zu klingen, — hast du vielleicht mein grünes Kleid gesehen?

— Ach, das Kleid, — die Schwiegermutter erschien in der Tür und trocknete sich die Hände an der Schürze ab. — Entschuldige, ich hab gedacht, du hast es extra aufgehängt, damit ich es wasche. Es war ja ganz zerknittert. Ich hab’s in die Waschmaschine gegeben.

Anna wurde auf einmal ganz trocken im Mund.

— In welches Programm?

— Na, in unseres halt. Neunzig Grad, damit es ordentlich sauber wird.

Anna stürzte zur Maschine. Hinter dem runden Glas der Tür drehte sich ein grau-grünes, unförmiges Etwas — ein nasser Fetzen, der einmal ihr Lieblingskleid gewesen war.

— Theresa, — ihre Stimme begann zu zittern, — das war reine Seide. Ich hab dafür ungefähr hundertzwanzig Euro gezahlt. Seide wäscht man kalt, höchstens ganz vorsichtig mit der Hand.

— Geh, das hab ich doch nicht wissen können, — sagte Theresa und hob hilflos die Hände. — Ich dachte, Wäsche wird bei neunzig Grad halt richtig sauber. Wenn es so teuer war, dann kauft ihr eben ein neues.

Anna starrte auf die traurigen Überreste ihres Kleides, und in ihr zog sich alles schmerzhaft zusammen, als würde sich ein harter Knoten bilden. Es war nicht bloß ein Kleidungsstück gewesen. Für sie hatte es bedeutet, dass sie etwas Eigenes geschafft hatte. Dass sie unabhängig war. Dass sie auch in diesem Haus das Recht hatte, sie selbst zu bleiben.

— Das werde ich dir nie vergessen, — sagte sie leise und trat von der Waschmaschine zurück.

Am Abend ist sie mit Lukas trotzdem ins Restaurant gegangen. Doch in ihrem alten schwarzen Kleid saß sie ihm gegenüber wie hinter einer unsichtbaren Wand, still und verschlossen.

— Was ist denn los? — fragte Lukas.

— Nichts. Ich bin nur müde.

Von dem ruinierten Kleid erzählte sie ihm kein Wort. Wozu auch? Er würde sich ohnehin vor seine Mutter stellen, würde sagen, es sei ja keine Absicht gewesen und man müsse mit einem älteren Menschen mehr Geduld haben.

Aber Anna vergrub diese Kränkung tief in sich. Und sie wartete auf den passenden Augenblick.

Der kam einen Monat später, als Theresa ihren Geburtstag vorbereitete. Einundsechzig — kein runder Anlass, aber wichtig genug, um die ganze Verwandtschaft zusammenzutrommeln und allen zu zeigen, was für eine prächtige Familie sie hatte.

— Wir laden alle ein, — verkündete die Schwiegermutter beim Abendessen. — Deine Eltern auch, Anna. Sie sollen sehen, wie harmonisch wir hier miteinander leben.

Anna nickte nur. In Gedanken begann sie bereits, ihren Plan zu ordnen.

Eine Woche vor der Feier trat zwischen den beiden Frauen plötzlich eine Art Waffenstillstand ein. Das Menü musste festgelegt, eingekauft und die Tischdekoration überlegt werden. Sie diskutierten über Rezepte, teilten sich die Aufgaben auf und fragten einander sogar um Rat, wie die Wohnung am besten geschmückt werden sollte.

— Was hältst du davon, wenn wir den Mayonnaisesalat nicht mit Extrawurst, sondern mit gekochter Zunge machen? — schlug Anna vor.

— Gute Idee. Und den Heringssalat könnten wir als Roulade anrichten. Das schaut gleich viel festlicher aus.

Lukas beobachtete diese Zusammenarbeit mit sichtlicher Erleichterung. Endlich, dachte er, hatten seine Frau und seine Mutter einen gemeinsamen Ton gefunden.

Am Morgen des Geburtstags wirbelten sie in der Küche herum, als wären sie schon seit Jahren ein eingespieltes Team. Anna schnitt Gemüse für die Salate klein, Theresa kümmerte sich um die warmen Speisen. Bis vier Uhr am Nachmittag bog sich der Tisch unter den Köstlichkeiten: klassische Salate, gefüllter Fisch, hausgemachte pikante Teigtascherl und eine Cremetorte, die sie gemeinsam gebacken hatten.

Hedis Stube