„So ein „Geschenk“ hast du mir gemacht, du Taugenichts!“ schrie die Schwiegermutter und drängte die Gäste zur Seite

So ein giftiger Machtkampf ist unerträglich verletzend.
Geschichten

»Du bist es doch, die mich noch in den Wahnsinn treibt! Wegen dir steht die ganze Wohnung Kopf!«

Anna trat einen Schritt vor. »Wegen mir? Bin ich es, die hier jeden Tag stichelt? Bin ich es, die seufzt, als wäre ich die unbrauchbarste Ehefrau, die dein Sohn nur finden hat können?«

Die Gäste standen inzwischen wie erstarrt in einem Halbkreis. Keiner wusste, ob er eingreifen oder sich lieber still und heimlich verdrücken sollte. Tante Rosi hatte bereits ihren Mantel übergezogen.

»Meine Damen«, versuchte Onkel Toni vorsichtig zu schlichten, »vielleicht muss man das nicht unbedingt vor allen Leuten austragen …«

Doch die beiden Frauen hörten schon niemandem mehr zu. Sie standen einander gegenüber, und in ihren Blicken brannte alles, was sich über Monate angestaut hatte.

»Glaubst du wirklich, ich merke nicht, was du machst?«, fragte Anna mit einem spöttischen Lächeln. »Jeden Tag findest du etwas. Einmal steht der Topf am falschen Platz, dann sauge ich zur falschen Zeit. Meinst du, dein Sohn liebt dich deswegen mehr?«

»Ich bin seine Mutter!«, schrie Theresa. »Dreißig Jahre lang habe ich ihn großgezogen. Und wer bist du?«

»Seine Frau! Und ich bin diejenige, die mit ihm leben wird. Nicht du!«

»Schluss!«, brüllte Lukas so laut, dass alle zusammenzuckten. »Jetzt reicht es, und zwar euch beiden! Ich schäme mich wegen euch! Vor Gästen so einen Streit anzufangen …«

Aber da war es bereits zu spät. Die Gäste zogen sich schweigend an. Manche murmelten noch ein Dankeschön fürs Essen, andere nickten nur verlegen. Eine halbe Stunde später war die Wohnung leer.

Zurück blieben nur drei Menschen: Ehemann, Ehefrau und Schwiegermutter, zwischen den Resten der festlichen Tafel und einem Familienfrieden, der endgültig in Scherben lag.

»Anna«, sagte Lukas erschöpft, »das mit dem Pensionistenheim war grausam.«

»Und mein teures Kleid zu ruinieren, war ganz normal?«, gab sie sofort zurück.

»Ich kann dein Kleid nicht mehr hören!«, schluchzte Theresa plötzlich los. »Immer nur dieses Kleid! Ja, es ist kaputtgegangen. Na und? So etwas kann jedem passieren!«

Anna sprach nun sehr leise, doch jedes Wort schnitt scharf durch den Raum. »Theresa, das war kein Versehen. Sie haben ganz genau gewusst, was Sie tun.«

Die Schwiegermutter verstummte. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie ihre Schwiegertochter an.

»Und das Pensionistenheim war auch kein Zufall«, fuhr Anna fort. »Das war meine Antwort. Auf Ihre Andeutungen. Auf Ihre Bemerkungen. Auf mein zerstörtes Kleid.«

Ohne ein weiteres Wort drehte Theresa sich um und ging in Richtung ihres Zimmers. An der Tür blieb sie stehen.

»Dann ist es also Krieg.«

»Dann eben Krieg«, erwiderte Anna.

Nach diesem Fest wurde das Leben in der Wohnung noch unerträglicher. Der kurze Waffenstillstand war vorbei, und die beiden Frauen begannen mit neuer Kraft, einander das Dasein zu vergällen. Theresa wusch Annas Gewand „versehentlich“ gemeinsam mit roten Socken, die abfärbten. Anna stellte dafür den Wecker ihrer Schwiegermutter eine Stunde zu früh, damit diese völlig übermüdet zur Arbeit kam. Versteckte Theresa Annas Haarspangen, landete im Kaffee der Schwiegermutter Salz statt Zucker.

Lukas versuchte verzweifelt, zwischen ihnen zu vermitteln, doch beide blieben hart. Jede war überzeugt, im Recht zu sein, und jede bewahrte ihre Kränkungen sorgfältig wie Beweisstücke auf.

»Mama, versuch Anna doch wenigstens zu verstehen«, bat er seine Mutter.

»Anna, sie ist nun einmal ein älterer Mensch«, flehte er seine Frau an.

Doch Verständnis stellte sich nicht ein. In der kleinen Wohnung war ein echter Kleinkrieg ausgebrochen, und ein Ende war nicht abzusehen.

Abends saß Lukas oft allein in der Küche, trank Tee und dachte daran, dass es irgendwo auf der Welt Familien geben musste, in denen die Menschen einander liebten und nicht wegen Kleidern oder Pensionistenheimen Skandale auslösten. In seiner eigenen Familie aber war Frieden etwas Zerbrechliches, etwas, das schon ein unbedachtes Wort in tausend Splitter schlagen konnte.

Und in den Zimmern nebenan sannen die zwei wichtigsten Frauen seines Lebens immer neue Möglichkeiten aus, einander wehzutun.

Aufhalten konnte sie niemand.

Nicht einmal die Liebe.

Hedis Stube