— Anna, sag mir bitte den PIN für deine Banking-App an. Ich installiere sie mir jetzt auf meinem Tablet, damit wir endlich ein ordentliches gemeinsames Familienbudget haben.
Anna ist mit der Kaffeekanne in der Hand wie angewurzelt stehen geblieben. Der heiße Morgenkaffee hat eben erst seinen Duft in der Küche verteilt und den Geruch der frischen Semmeln aus der Bäckerei an der Ecke überlagert. Am großen Esstisch, der fast die Hälfte der hellen Küche mit den hohen Decken eingenommen hat, saß ihre Schwiegermutter, Theresa Petrovna. Sie trug einen seidenen Morgenmantel, die Haare waren tadellos frisiert, und vor ihr lag ein nagelneues Tablet — übrigens jenes, das im vergangenen Weihnachtsfest mit Annas Kreditkarte bezahlt worden war.
Ihr gegenüber saß Tobias, Annas Ehemann. Mit einer beinahe demonstrativen Trägheit strich er Butter auf ein knuspriges Laugenbrezerl und tat so, als wäre der Artikel auf seinem Handy von weltbewegender Bedeutung.
— Theresa Petrovna, ich glaube, ich bin noch nicht ganz wach, — sagte Anna langsam und stellte die Kaffeekanne auf den hölzernen Untersetzer. — Wozu brauchen Sie Zugriff auf mein privates Bankkonto?
— Aber Annalein, was soll denn dieser Kindergarten? — Die Schwiegermutter lächelte nachsichtig, wobei ihr goldenes Armband aufblitzte. — Tobias hat mir gestern erzählt, dass ihr beide eure Finanzen überhaupt nicht im Griff habt. Einmal kommt eine riesige Nachzahlung für Betriebskosten, dann wird wieder die Autoversicherung teurer. Ich habe immerhin dreißig Jahre in einer Planungsabteilung gearbeitet! Ich werde eure Geldflüsse ein bisserl optimieren. Versicherungen zahlen, die Miete überweisen, Lukas gelegentlich unterstützen, wenn es mit seinen Start-ups wieder ganz eng wird. In einer Familie muss es eine zentrale Kassa geben! Denk nur an diesen alten Film, wo es heißt: „Rechtzeitig verraten heißt nicht verraten, sondern vorausdenken!“ Ach nein, das war aus einem anderen Streifen … Jedenfalls: Die Gemeinschaft muss der Führung vertrauen!

— Lukas? Ihrem jüngeren Sohn? Den soll ich von meinem Gehalt unterstützen? — Anna wandte den Blick zu ihrem Mann. — Tobias, möchtest du dazu vielleicht auch etwas sagen?
Tobias seufzte theatralisch, legte das Messer weg und rieb sich über den Nasenrücken, als wäre er ein zutiefst erschöpfter Erwachsener, der mit uneinsichtigen Kindern verhandeln musste. Mit seinen fünfundvierzig Jahren pflegte er nach wie vor den Auftritt eines bohèmehaften Intellektuellen: leichter Dreitagebart, teure Hornbrille, Kaschmirpullover.
— Anna, bitte fang jetzt nicht wieder an. Mama hat recht. Du bist ständig in der Arbeit, hängst Tag und Nacht auf deinen Baustellen und Projekten herum, zeichnest deine Beete, Parks und Grünanlagen. Du hast doch gar keine Zeit, dich um Kontostände zu kümmern. Da ein Euro, dort eine Abbuchung, da ein Abo — und schon rinnt das Geld zwischen den Fingern davon. Gestern ist die Abrechnung für Heizung und Warmwasser gekommen: fast tausendzweihundert Euro zusätzlich! Mama würde einfach die Verwaltung übernehmen. Sie teilt uns dann Beträge fürs Taschengeld zu. Das ist doch praktisch.
— Die Nachzahlung für Heizung ist gekommen, Tobias, — Annas Stimme wurde gefährlich leise, — weil deine Mutter drei Monate im Jahr bei uns wohnt, die Heizkörper auf Stufe fünf dreht und gleichzeitig die Fenster sperrangelweit offen lässt, weil ihr angeblich „so stickig“ ist. Und mir rinnt kein Geld durch die Finger. Ich bin Landschaftsarchitektin. Ich plane städtische Parkanlagen und private Gärten. Ich verdiene sehr gut und weiß ganz genau, wohin jeder einzelne Cent geht.
— Wie kleinlich du bist, — Theresa Petrovna presste die Lippen zusammen. — Bei dir wird wirklich alles in Euro gemessen! Sogar die Heizung für deine eigene Schwiegermutter ist dir zu schade. Hast du nie alte Komödien gesehen? Da geht es um Herz, um Familie! Aber du bleibst halt bodenständig bis zur Grobheit. Tobias ist ein kreativer Mensch, ein Creative Producer. Der muss über das Große, das Ewige nachdenken und nicht Rechnungen überweisen!
— Ein Creative Producer, der in den letzten zwei Jahren nichts Erfolgreicheres produziert hat als eine Party in einer Bar ums Eck, die mit einem satten Minus geendet hat, — platzte es aus Anna heraus. — Nein, Theresa Petrovna. Mein PIN bleibt bei mir. Und wenn Sie so gern Finanzen verwalten, dann empfehle ich Ihnen, sich eine Arbeit zu suchen.
Sie drehte sich um, nahm ihre Tasche mit dem Laptop und verließ die Wohnung. Die schwere Eichentür zog sie sorgfältig hinter sich ins Schloss.
Den ganzen Arbeitstag über hat Anna sich nicht richtig konzentrieren können. Vor ihr auf dem Tisch lagen großformatige Pläne für einen neuen botanischen Garten, am Bildschirm leuchteten Tabellen mit Kostenaufstellungen für exotische Pflanzen aus Baumschulen, doch ihre Gedanken kehrten immer wieder in die Küche dieses Morgens zurück.
Sie war zweiundvierzig. Als sie Tobias vor acht Jahren geheiratet hatte, war er ihr wie ein Fest auf zwei Beinen erschienen, wie ein unerschöpflicher Erfinder genialer Ideen. In den ersten Jahren war ihr gemeinsames Leben tatsächlich leicht und fröhlich gewesen. Nach und nach aber waren die Feiern verstummt, und der Alltag hatte seine harte Seite gezeigt. Es stellte sich heraus, dass Tobias nicht imstande war, dauerhaft und verlässlich Geld zu verdienen. Seine Eventagentur existierte im Grunde nur auf dem Papier.
Die gesamte finanzielle Last ist auf Annas Schultern gelandet. Sie bezahlte die teure Miete für ihre Vierzimmerwohnung in einer guten Gegend — zweitausendfünfhundert Euro warm jeden Monat.
