Dazu kamen die Einkäufe, die laufenden Haushaltskosten und das Leasing für den nagelneuen Audi, mit dem Tobias herumfuhr. „Anna, wie soll ich denn bitte mit irgendeiner alten Kraxn zu einem Termin mit Investoren kommen? Das ist doch eine Frage des Auftretens!“, hatte er damals gesagt.
Noch schwerer zu ertragen als seine Geldlosigkeit war allerdings seine Familie. Da war seine Mutter Theresa, eine Frau mit felsenfester Überzeugung, dass ihr Sohn zu Höherem bestimmt sei. Und da war Lukas, Tobias’ achtunddreißigjähriger Bruder, der seit Jahren „auf der Suche nach sich selbst“ war. Keine Stelle hielt er länger als bis zum Ende der Probezeit durch. Dafür meldete er sich regelmäßig, um sich „nur bis Freitag“ Geld auszuborgen — zurückgekommen ist davon nie etwas.
Anna hat lange geschluckt. Sie stammte aus einer Familie, in der eine Scheidung als endgültige Katastrophe gegolten hat, als persönliches Scheitern, über das man nicht einmal laut sprach. Außerdem wollte sie wirklich glauben, dass jede Ehe schwierige Phasen hatte und man diese gemeinsam durchstehen musste.
Um wenigstens ihre Zukunft abzusichern, hatte Anna vor drei Jahren ein Ansparkonto eröffnet. Mit Tobias war ausgemacht gewesen, dass sie jeden Monat eineinhalbtausend Euro aus ihren Prämien dorthin überweist. Dieses Geld sollte einmal als Eigenmittel für ein eigenes Haus dienen. Tobias hatte hoch und heilig versprochen, ebenfalls etwas von seinen angeblichen Honoraren beizusteuern. Zugriff auf das Konto hatten beide.
Vielleicht bin ich heute Früh wirklich zu hart zu ihnen gewesen, dachte Anna und rieb sich über die müden Augen. Vielleicht ist Theresa einfach eine Frau aus einer anderen Generation. Vielleicht will sie sich nur nützlich machen.
Am Abend, so nahm Anna sich vor, würde sie eine gute Torte besorgen. Dann würden sie sich in Ruhe zusammensetzen und vernünftig reden.
Doch es sollte anders kommen.
Am Donnerstag arbeitete Anna von daheim aus. Ein Termin mit einem Subunternehmer war kurzfristig abgesagt worden, also saß sie an der Kücheninsel und überarbeitete die Pläne für eine automatische Bewässerungsanlage. Tobias war mit dem Audi in die Innenstadt gefahren, angeblich zu einem „wichtigen Geschäftsessen“. Theresa wiederum hatte sich in ein Einkaufszentrum aufgemacht — selbstverständlich mit der Kreditkarte ihres Sohnes, die in Wirklichkeit Anna laufend ausglich.
Tobias’ Tablet lag auf dem Sofa. Dasselbe Gerät, auf dem Theresa unbedingt die Bank-App installieren hatte wollen. Plötzlich leuchtete der Bildschirm auf, begleitet von einem kurzen Signalton. Gleich darauf kam noch eines. Und dann noch eines.
Anna stand auf, um sich ein Glas Wasser einzuschenken. Im Vorbeigehen fiel ihr Blick zufällig auf das Display. Die Nachrichten kamen in einem Familienchat eines Messengers an. Da das Tablet nicht gesperrt war, wurden die Texte vollständig angezeigt.
Lukas: Mama, was ist jetzt? Der Makler hat angerufen, der Vertrag muss heute unterschrieben werden. Kaution und erste Miete müssen bis am Abend überwiesen sein.
Theresa: Luki, jetzt beruhig dich. Tobias hat gesagt, er hebt heute die nötige Summe ab.
Lukas: Und seine Bulldozer-Frau merkt das nicht? Die kriegt doch wegen jedem Euro einen Anfall.
Theresa: Was soll sie schon machen? Ein Arbeitstier ist sie. Tobias nimmt das Geld vom Ansparkonto. Er sagt ihr dann, er hätte es in Aktien gesteckt oder denkt sich irgendeinen anderen Unsinn aus. Von Finanzen versteht sie eh nichts. Sie kann nur ihre Sträucher einsetzen.
In Anna riss etwas. Nicht laut, nicht dramatisch, sondern leise, wie ein dünner Faden, der endgültig nachgibt und in die Tiefe fällt. Sie trocknete sich die Hände am Geschirrtuch ab, ging zum Sofa und nahm das Tablet hoch. Ihre Finger waren eiskalt.
Sie öffnete den Chatverlauf und begann zu lesen. Es war eine Unterhaltung zu dritt: Tobias, Lukas und Theresa. Anna kam darin nicht vor.
Langsam wischte sie nach oben, Nachricht um Nachricht, Monat um Monat. Und mit jeder Zeile löste sich der Schleier, der ihr acht Jahre lang vor den Augen gelegen hatte, ein Stück weiter auf.
Es gab keine angesparten Eigenmittel für ihr gemeinsames Haus. Das Konto, auf das Anna Monat für Monat gewissenhaft ihre hart verdienten eineinhalbtausend Euro überwiesen hatte, war von Tobias systematisch geplündert worden. Einmal waren damit Lukas’ Schulden gestopft worden, dann wieder teure Kuraufenthalte und Urlaube für Theresa bezahlt, ein anderes Mal hatte Tobias sich neue Uhren gekauft.
Und nun hatten Tobias, Lukas und ihre Schwiegermutter vor, mit Annas Geld die Kaution, die Maklerprovision und die Miete für eine luxuriöse Dreizimmerwohnung in der Innenstadt für Lukas zu finanzieren.
Tobias, Nachricht vom Dienstag: Mama, ich versuche, Anna den PIN für ihre Haupt-App herauszulocken. Dann kann ich direkt einen Dauerauftrag für Lukas’ Wohnung einrichten, und in den Auszügen fällt ihr das gar nicht auf, die kontrolliert sie sowieso nie. Ich sage einfach, das ist eine neue private Krankenversicherung.
Anna legte das Tablet hin. Sie zitterte nicht. Sie weinte auch nicht. Im Gegenteil: In ihrem Kopf wurde es auf einmal erschreckend still und klar. Es war dieselbe kalte, präzise Klarheit, die sie kannte, wenn sie in geodätischen Berechnungen einen entscheidenden Fehler entdeckte und sofort wusste, wie das Gelände angepasst werden musste, um ein ganzes Projekt zu retten.
Sie ging in ihr Arbeitszimmer, klappte den Laptop auf und loggte sich ins Online-Banking ein. Dann wählte sie genau jenes Ansparkonto aus. Der Kontostand betrug lächerliche 340 Euro. Von den fast vierundfünfzigtausend Euro, die sie in drei Jahren eingezahlt hatte, war praktisch nichts mehr übrig.
In der Umsatzliste reihten sich die Überweisungen endlos aneinander: „Für Lukas zum Leben“, „Kredit Lukas Rückzahlung“, „Mama Kurreise“, „Maklerzahlung“, „Uhr“, „Zwischenfinanzierung“. Jede einzelne Buchung war wie ein sauber gesetzter Schnitt.
Anna lud mit der ruhigen, distanzierten Gründlichkeit einer Chirurgin sämtliche Kontoauszüge als PDF herunter und druckte sie aus.
