„Lea, sag mir bitte den PIN von deiner Banking-App an.“ Lea blieb mit der Kaffeekanne in der Hand wie angewurzelt stehen

Unverschämte Forderung, zutiefst verletzend und erschreckend.
Geschichten

— Lea, sag mir bitte den PIN von deiner Banking-App an. Ich spiel sie mir gleich auf mein Tablet, damit wir endlich eine gemeinsame Familienkassa haben.

Lea blieb mit der Kaffeekanne in der Hand wie angewurzelt stehen. Der Duft des frisch aufgebrühten Morgenkaffees hatte eben erst die Küche erfüllt und sich mit dem Geruch warmer Semmeln aus der Bäckerei ums Eck vermischt. Am großen Esstisch, der fast die halbe helle Küche mit den hohen Decken einnahm, thronte ihre Schwiegermutter Theresa Petrovna. Sie trug einen seidenen Morgenmantel, die Frisur saß makellos, und vor ihr lag ein nagelneues Tablet — gekauft übrigens mit Leas Kreditkarte, im vergangenen Weihnachtsgeschäft.

Ihr gegenüber saß Tobias, Leas Ehemann. Mit betont abwesender Miene strich er Butter auf eine knusprige Brezn und tat so, als wäre der Artikel auf seinem Handy von weltbewegender Bedeutung.

— Theresa Petrovna, ich glaub, ich bin noch nicht ganz munter, — sagte Lea langsam und stellte die Kanne auf den Holzuntersetzer. — Wozu genau brauchen Sie Zugang zu meinem privaten Bankkonto?

— Lea, bitte, was soll denn dieser Kindergarten? — Die Schwiegermutter lächelte nachsichtig, wobei ihr goldenes Armband aufblitzte. — Tobias hat mir gestern erzählt, dass ihr beide mit Geld überhaupt nicht umgehen könnt. Einmal kommt eine Nachzahlung für die Betriebskosten, dann wird die Autoversicherung wieder teurer. Ich habe dreißig Jahre in der Planungsabteilung gearbeitet, mein Kind! Ich bringe Ordnung in eure Geldflüsse. Versicherungen zahlen, die Wohnung überweisen, Raphael ein bissl unterstützen, wenn es mit seinen Start-ups wieder eng wird. In einer Familie braucht es eine zentrale Kassa! Wie heißt es so schön im Film: „Rechtzeitig jemanden verraten ist kein Verrat, sondern Voraussicht!“ Ach nein, das war aus einem anderen Streifen … Jedenfalls: Das Kollektiv muss der Leitung vertrauen!

— Raphael? Ihrem jüngeren Sohn? Den soll ich von meinem Gehalt mitfinanzieren? — Lea sah zu ihrem Mann hinüber. — Tobias, möchtest du dazu vielleicht auch etwas sagen?

Tobias seufzte theatralisch, legte das Messer zur Seite und rieb sich den Nasenrücken, als hätte er es mit einem besonders begriffsstutzigen Kind zu tun. Mit seinen fünfundvierzig Jahren pflegte er noch immer den Auftritt eines bohemischen Intellektuellen: leichter Dreitagebart, teure Hornbrille, Kaschmirpullover.

— Lea, fang jetzt bitte nicht wieder an. Mama hat schon recht. Du bist dauernd in der Arbeit, hängst Tag und Nacht auf deinen Baustellen herum, zeichnest deine Beete und Parkanlagen. Du hast schlicht keine Zeit, dich um den Kontostand zu kümmern. Da ein Euro, dort eine Abbuchung, irgendwo ein Abo — und schon rinnt das Geld davon. Gestern ist die Nachverrechnung für Heizung und Warmwasser gekommen: fast tausendzweihundert Euro zusätzlich! Mama übernimmt einfach die Verwaltung. Sie teilt uns dann Beträge für persönliche Ausgaben ein. Das ist doch praktisch.

— Die Nachzahlung für die Heizung ist deshalb gekommen, Tobias, — Leas Stimme wurde gefährlich leise, — weil deine Mutter jedes Jahr drei Monate bei uns wohnt, die Heizkörper voll aufdreht und gleichzeitig die Fenster sperrangelweit offen lässt, weil es ihr angeblich „zu stickig“ ist. Und mir rinnt gar nichts durch die Finger. Ich bin Landschaftsarchitektin. Ich entwerfe Stadtparks und private Gärten. Ich verdiene sehr gut und weiß auf den Cent genau, wofür mein Geld ausgegeben wird.

— Du bist schon furchtbar materialistisch, — Theresa Petrovna verzog den Mund. — Bei dir wird wirklich alles in Euro gerechnet! Nicht einmal die Heizung gönnst du deiner eigenen Schwiegermutter. Hast du diesen alten Film gesehen? „Ljudka, he, Ljudka!“ Ach, was für ein Dorf! Genau so bist du: bodenständig bis zur Schmerzgrenze. Tobias ist ein kreativer Mensch, ein Creative Producer. Er muss über das Große und Ewige nachdenken, nicht über Zahlscheine!

— Ein Creative Producer, der in den letzten zwei Jahren nichts Erfolgreicheres zustande gebracht hat als eine Party in einer Vorstadtbar, die mit einem satten Minus geendet ist, — fuhr Lea heraus. — Nein, Theresa Petrovna. Mein PIN bleibt bei mir. Und wenn Sie so gern Finanzen verwalten, dann empfehle ich Ihnen, sich eine Arbeit zu suchen.

Sie drehte sich um, nahm ihre Tasche mit dem Laptop und verließ die Wohnung. Die schwere Eichentür zog sie sorgfältig hinter sich ins Schloss.

Den ganzen Arbeitstag über brachte Lea kaum einen klaren Gedanken zustande. Vor ihr lagen großformatige Pläne für einen neuen botanischen Garten, auf dem Bildschirm leuchteten Tabellen mit Kostenkalkulationen für exotische Pflanzen aus Baumschulen, doch ihre Gedanken wanderten immer wieder zurück in diese Küche am Morgen.

Lea war zweiundvierzig. Als sie vor acht Jahren Tobias geheiratet hatte, war er ihr wie ein Fest auf zwei Beinen erschienen, ein Mensch voller Einfälle, ein unerschöpflicher Erfinder genialer Projekte. In den ersten Jahren hatten sie tatsächlich leicht und lustig gelebt. Doch nach und nach waren die Feste weniger geworden, bis nur noch der nüchterne Alltag übrig geblieben ist. Dabei hatte sich herausgestellt, dass Tobias unfähig war, dauerhaft und verlässlich Geld zu verdienen. Seine Eventagentur existierte im Grunde nur auf dem Papier.

Die gesamte finanzielle Last war schließlich auf Leas Schultern gelandet. Sie zahlte die hohe Miete für ihre Vierzimmerwohnung in einer guten Gegend — zweitausendfünfhundert Euro warm, Monat für Monat.

Hedis Stube