Dazu kamen die Einkäufe fürs tägliche Leben, der Leasingvertrag für den fast neuen Audi, mit dem Tobias überall vorfuhr. „Lea, wie soll ich denn bitte mit irgendeiner alten Kraxn zu Investorenterminen kommen? Das ist eine Frage des Auftretens!“, hatte er damals erklärt.
Noch belastender als das Geldthema war allerdings Tobias’ Familie. Seine Mutter Theresa und sein achtunddreißigjähriger Bruder Raphael, der seit Jahren angeblich auf der Suche nach sich selbst war. Raphael hat es nie geschafft, länger als bis zum Ende der Probezeit in einer Stelle zu bleiben. Dafür meldete er sich verlässlich, wenn er wieder einmal „nur bis Freitag“ Geld brauchte. Zurückgezahlt hat er nie etwas.
Lea hat geschluckt, geschwiegen und weitergemacht. Sie ist in einer Familie groß geworden, in der eine Scheidung als persönliches Scheitern gegolten hat. Außerdem wollte sie wirklich daran glauben, dass jede Ehe schwierige Phasen durchstehen muss. Um wenigstens ihre gemeinsame Zukunft abzusichern, hatte sie vor drei Jahren ein Sparkonto eröffnet. Mit Tobias war ausgemacht, dass sie jeden Monat eineinhalbtausend Euro aus ihren Prämien dorthin überweist, damit sie irgendwann die Anzahlung für ein eigenes Haus beisammenhaben. Tobias hatte hoch und heilig versprochen, ebenfalls etwas von seinen „Honoraren“ einzuzahlen. Zugriff auf das Konto hatten beide.
Vielleicht bin ich heute Früh wirklich zu hart gewesen, dachte Lea und rieb sich die müden Augen. Theresa ist eben von der alten Schule. Vielleicht will sie einfach nur helfen und fühlt sich sonst nutzlos.
Am Abend, nahm sie sich vor, würde sie eine gute Torte besorgen. Dann könnten sie sich alle zusammensetzen und vernünftig reden.
Nur hatte das Schicksal offenbar andere Pläne.
Am Donnerstag arbeitete Lea von daheim aus. Ein Termin mit einem Subunternehmer war abgesagt worden, also saß sie an der Kücheninsel und korrigierte die Pläne für eine automatische Bewässerungsanlage. Tobias war mit seinem Audi in die Innenstadt gefahren, zu einem „wichtigen Business-Lunch“. Theresa wiederum war ins Einkaufszentrum aufgebrochen, selbstverständlich mit der Kreditkarte ihres Sohnes, die in Wahrheit Lea ständig wieder ausglich.
Tobias’ Tablet, genau jenes Gerät, auf dem Theresa die Bank-App installieren wollte, lag auf dem Sofa. Plötzlich leuchtete der Bildschirm auf, begleitet von einem kurzen Signalton. Dann noch einmal. Und gleich darauf ein drittes Mal.
Lea stand auf, um sich Wasser einzuschenken, und warf im Vorbeigehen nur einen flüchtigen Blick hinüber. Die Nachrichten kamen in einem Familienchat an. Da das Tablet nicht gesperrt war, erschien der Text vollständig am Display.
Raphael: Mama, was ist jetzt? Der Makler hat angerufen, der Vertrag muss heute unterschrieben werden. Kaution und erste Miete müssen bis am Abend überwiesen sein.
Theresa: Raphaeli, reg dich nicht auf. Tobias hat zugesagt, dass er das Geld heute abhebt.
Raphael: Und seine Bulldozer-Frau merkt das nicht? Die macht doch wegen jedem Euro ein Theater.
Theresa: Was soll sie schon machen? Arbeitstier bleibt Arbeitstier. Tobias hat gesagt, er nimmt es vom gemeinsamen Sparkonto. Er erzählt ihr dann, er hätte in Aktien investiert oder denkt sich irgendeinen anderen Blödsinn aus. Von Finanzen versteht sie eh nichts, sie kann nur ihre Sträucher einsetzen.
In Lea riss etwas ab. Ganz leise, fast sauber, als wäre tief in ihr ein feiner Draht gerissen und in einen dunklen Schacht gefallen. Sie trocknete sich die Hände am Geschirrtuch ab, ging zum Sofa und nahm das Tablet. Ihre Finger waren eiskalt.
Sie öffnete den Verlauf und begann zu lesen. Es war ein Chat zu dritt: Tobias, Raphael und Theresa. Lea kam darin nicht vor.
Sie scrollte nach oben. Woche um Woche, Monat um Monat. Mit jeder Nachricht löste sich der Schleier, der ihr acht Jahre lang vor den Augen gelegen hatte.
Eine Anzahlung für ein gemeinsames Haus gab es nicht. Das Sparkonto, auf das Lea Monat für Monat brav ihre hart verdienten eineinhalbtausend Euro überwiesen hatte, war von Tobias immer wieder geplündert worden. Das Geld war in Raphaels Schulden geflossen, in teure Urlaube für Theresa und in neue Uhren für Tobias.
Und jetzt planten Tobias, Raphael und die Schwiegermutter, mit Leas Geld Kaution, Maklerprovision und Miete für eine elegante Dreizimmerwohnung mitten im Zentrum zu bezahlen — natürlich für Raphael.
Tobias, Nachricht vom Dienstag: Mama, ich versuche, Lea den PIN für ihre Hauptbank-App herauszulocken. Dann richte ich gleich einen Dauerauftrag für Raphaels Wohnung ein. In den Auszügen fällt ihr das nicht einmal auf, die kontrolliert sie nie. Ich sage einfach, das sei eine neue Krankenversicherung.
Lea legte das Tablet ab. Sie zitterte nicht. Sie weinte auch nicht. Im Gegenteil: In ihrem Kopf wurde es plötzlich erschreckend klar. So klar wie in jenen Momenten, in denen sie in geodätischen Berechnungen einen entscheidenden Fehler entdeckte und sofort wusste, wie das Gelände neu ausgerichtet werden musste, damit das ganze Projekt nicht kippte.
Sie ging in ihr Arbeitszimmer, klappte den Laptop auf und stieg ins Onlinebanking ein. Dann öffnete sie genau dieses Sparkonto.
Der Kontostand betrug lächerliche 340 Euro.
Von den beinahe vierundfünfzigtausend Euro, die sie in drei Jahren eingezahlt hatte, war praktisch nichts mehr übrig. In der Umsatzliste reihten sich die Überweisungen wie eine endlose Beweiskette aneinander: „Raphael Lebensunterhalt“, „Kredit Raphael Rückzahlung“, „Mama Kurreise“, „Zahlung Makler“.
Mit der ruhigen Präzision einer Chirurgin lud Lea sämtliche Kontoauszüge als PDF herunter und druckte sie aus.
