In mir hat sich dabei weder Triumph noch Schadenfreude geregt. Da war nur diese nüchterne, beinahe erschöpfte Gewissheit: Anders hätten diese Menschen es nie begriffen.
„Leg die Schlüssel von meinem Auto auf den Tisch“, sagte ich ruhig.
Theresa hat mit zitternden Fingern in ihrer Tasche gekramt, den Schlüsselbund herausgezogen und ihn auf das kleine Holztischerl gelegt. Das Metall hat leise geklirrt.
Ich nahm die Schlüssel an mich, hängte den Anhänger mit dem Token wieder ordentlich an den Ring und wandte mich zu Florian.
„Morgen um neun reiche ich die Scheidung ein. In meine Wohnung kommst du nicht mehr. Die Schlösser lasse ich gleich in der Früh austauschen.“
„Anna, spinnst du jetzt völlig? Wegen so einem Blödsinn willst du dich scheiden lassen?“, rief Florian mir hinterher.
Ich blieb nicht stehen. Eine Antwort war er mir nicht mehr wert.
Grundbuch und Bescheid
Am nächsten Morgen war es in der Bürgerservicestelle beim Bezirksgericht fast gespenstisch still. Ich zog mir eine Wartenummer, setzte mich auf einen kalten Metallsessel und holte die Unterlagen aus meiner Tasche.
Der Scheidungsantrag war bereits ausgefüllt. Daneben lag ein frischer Grundbuchsauszug: eine Zweizimmerwohnung in Graz, eingetragene Eigentümerin — Anna Lea. Anteil des Ehemanns — null.
Um zehn Uhr läutete mein Handy. Am Display stand eine unbekannte Nummer. Als ich abhob, meldete sich Sebastians Anwalt. Seine Stimme war glatt, höflich und so kontrolliert, dass man die Panik dahinter trotzdem hören konnte.
„Frau Anna Lea, Grüß Gott. Herr Sebastian wäre bereit, Ihnen 50.000 Euro zu bezahlen, wenn Sie die Rechte an der Serversoftware übertragen. Wir müssen das System dringend wieder in Betrieb nehmen. Die Vertragsstrafen gegenüber den Partnern liegen bereits bei 80.000 Euro.“
Ich schaute auf den Nummernzettel in meiner Hand und antwortete ohne Hast:
„Richten Sie Sebastian bitte aus, dass der Quellcode des Systems endgültig von den Servern gelöscht worden ist. Eine Wiederherstellung ist nicht möglich. Er soll sich eine externe Firma suchen.“
Am anderen Ende blieb es einen Moment lang still. Dann begann der Anwalt irgendetwas von Vergleich, Verantwortung und wirtschaftlichem Schaden zu sagen. Ich legte auf, bevor er fertig war.
Gegen Mittag rief meine Schwiegermutter an. Diesmal schrie sie nicht. Sie weinte. Sie flehte. Sie erzählte, Theresa habe ihre gesamte Sammlung an Designertaschen und Schmuckstücken zum Verkauf stellen müssen, nur um den ersten Teil der Schulden gegenüber den Grazer Kunden irgendwie abzudecken. Sebastian habe inzwischen die Aufteilung des Vermögens beantragt.
Ich hörte ihr schweigend zu. Kein Wort von mir unterbrach ihr Schluchzen.
Als sie erneut sagte, ich solle doch „vernünftig sein“, drückte ich auf den roten Knopf.
Auf dem Smartphone leuchtete bereits eine neue Mitteilung von FinanzOnline auf: „Ihre Anmeldung der selbständigen Tätigkeit für Anna Lea wurde entgegengenommen.“
Ich schob die Autoschlüssel in meine Manteltasche, nahm meinen Nummernzettel fester in die Hand und ging zu Schalter sieben.
