„Wenn Mama nicht eingeladen ist, bleiben wir auch nicht“ sagte Lukas entschieden im Vorzimmer, während Elisabeth kühl lächelte und Tobias den Blick senkte

Diese herzlose Entscheidung wirkt zutiefst ungerecht.
Geschichten

Tobias ist noch lange im Auto sitzen geblieben.

Vor seinem inneren Auge sind die vergangenen Jahre vorbeigezogen. All die kleinen Sticheleien seiner Mutter. Katharinas müdes Lächeln, wenn sie so getan hat, als hätte sie nichts gehört. Die Kinder, die danebenstanden und viel zu oft Zeugen solcher Augenblicke geworden sind.

Und immer wieder seine eigene Stimme.

„Reg dich nicht auf. Hör einfach nicht hin.“

Plötzlich ist ihm etwas klar geworden, das ihm beinahe den Atem genommen hat.

Auch Schweigen kann verletzen.

Eine Woche später rückte Lukas’ Geburtstag näher. Elisabeth rief ihren Enkel schon im Voraus an.

„Die Oma hat dein Geschenk schon besorgt.“

„Danke“, sagte Lukas leise.

„Wann soll ich denn kommen?“

Am anderen Ende blieb es für einen Moment still.

„Oma …“

„Ja?“

„Wenn Mama nicht eingeladen ist …“

Er atmete schwer aus.

„Dann ist niemand eingeladen.“

Elisabeth wusste im ersten Moment nicht, was sie sagen sollte.

„Was redest du denn da für einen Unsinn?“

„Das ist kein Unsinn“, erwiderte Lukas. „Du hast selbst gesagt, Mama gehört nicht zur Familie. Für mich ist sie aber der wichtigste Mensch.“

Danach war die Verbindung weg.

Elisabeth blieb noch lange mit dem Handy in der Hand sitzen. Zum ersten Mal seit vielen Jahren spürte sie keine Wut.

Sondern Leere.

Und auf einmal verstand sie: Es ging gar nicht nur um Katharina. Mit ihren eigenen Worten hatte sie jene Menschen von sich weggestoßen, für die sie jedes Mal den Tisch gedeckt, gekocht und gebacken hatte.

Doch etwas wieder gutzumachen war viel schwieriger, als den besten Kuchen der Welt zu backen.

In diesem Moment fasste Elisabeth zum ersten Mal den Entschluss, nicht darauf zu warten, dass man ihr vergab. Sie musste selbst den ersten Schritt auf ihre Familie zu machen.

Teil 3

Fast eine ganze Woche ist vergangen.

Mehrmals hat Elisabeth Katharinas Nummer gewählt. Jedes Mal hat sie den Anruf wieder abgebrochen, bevor es richtig läuten konnte. Sie brachte es einfach nicht über sich, zu sprechen.

Ihr Stolz stellte sich ihr in den Weg.

„Warum soll ausgerechnet ich mich entschuldigen? Ich bin die Ältere. Ich bin seine Mutter“, redete sie sich ein.

Doch immer wieder sah sie diesen Sonntagstisch vor sich.

Zwölf Teller.

Lukas’ Lieblingskuchen.

Die Torte, die Sophie so gern mochte.

Und die leeren Sessel.

Zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte niemand dieses Festessen gebraucht. Nicht, weil das Essen misslungen gewesen wäre. Sondern weil an diesem Tisch für den Menschen kein Platz gewesen war, der für die Kinder am wichtigsten war: ihre Mama.

Am Tag vor Lukas’ Geburtstag fuhr Tobias zu seiner Mutter.

„Wir müssen reden.“

Elisabeth begriff sofort, dass dieses Gespräch nicht leicht werden würde.

„Schon wieder wegen Katharina?“

„Nein“, sagte Tobias ruhig. „Wegen uns.“

Er setzte sich ihr gegenüber.

„Weißt du noch, was Papa immer gesagt hat? Dass man eine Familie mit einem einzigen Satz zerstören kann?“

Elisabeth wandte den Blick ab.

„Jetzt mach kein Drama daraus.“

„Das ist kein Drama. Das ist die Wahrheit.“

Zum ersten Mal sprach Tobias ohne Ärger in der Stimme. Still, aber fest.

„Ich habe jahrelang geschwiegen. Wenn du meine Frau kritisiert hast. Wenn du dich über ihre Arbeit lustig gemacht hast. Wenn du vor den Kindern gesagt hast, Mama verstehe ohnehin nichts. Ich habe mir eingeredet, es sei einfacher so.“

Er hielt kurz inne.

„Aber mein Schweigen war am Ende wie Zustimmung.“

Elisabeth stellte ihre Tasse so hart auf den Tisch, dass es klirrte.

„Also bin jetzt nur noch ich schuld?“

Tobias schüttelte den Kopf.

„Nein. Ich auch. Weil ich zugelassen habe, dass es immer weitergeht.“

Überrascht sah sie ihren Sohn an.

So hatten sie noch nie miteinander gesprochen.

An Lukas’ Geburtstag kamen bei Katharina nur die engsten Menschen zusammen. Die Kinder schmückten das Wohnzimmer mit Luftballons. Katharina hatte eine Schokoladentorte gebacken, und aus der Küche zog der Duft von Vanille und Zimt durch die Wohnung.

Trotz aller Lächeln merkte sie genau, dass Lukas auf etwas wartete.

Auf einen Anruf.

Von seiner Oma.

Doch das Telefon blieb stumm.

Eine Stunde vor Beginn der kleinen Feier läutete es plötzlich an der Tür.

Lukas lief als Erster hin.

Draußen standen Tobias und Elisabeth.

In den Händen hielt Elisabeth diesmal kein riesiges Sackerl voller Geschenke, wie sonst.

Sondern einen kleinen Strauß Gänseblümchen.

Katharinas Lieblingsblumen.

Alle verstummten überrascht.

Elisabeth machte einen Schritt über die Schwelle und blieb vor Katharina stehen.

Hedis Stube