„„Hörst du überhaupt, was deine Mutter dir sagt? Oder bist du vor lauter eigener Wichtigkeit schon taub geworden?“ faucht Barbara am Küchentisch, Katharina zuckt zusammen und der Teelöffel klirrt

Diese schamlose Einmischung fühlte sich grausam ungerecht an.
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„Hörst du überhaupt, was deine Mutter dir sagt? Oder bist du vor lauter eigener Wichtigkeit schon taub geworden?“

Katharina zuckte zusammen. Der Teelöffel schlug hell gegen den Rand der Untertasse, und dieses kleine Klirren schnitt durch die morgendliche Stille in der Küche wie eine Ohrfeige. Draußen begann gerade erst ein grauer Oktobertag, im Hof schepperte die Müllabfuhr mit den Tonnen, und im Türrahmen stand bereits Barbara, ihre Schwiegermutter, im Mantel, obwohl es erst Anfang Oktober war. Sie war ohne Vorwarnung aufgetaucht, genau zum Frühstück, als hätte sie ein angeborenes Recht darauf.

„Ich bleib eh nur eine Minute“, warf sie hin, ohne ihre Schwiegertochter anzuschauen, und ging zum Tisch, als wäre die Wohnung ihr Eigentum. „Lukas, bist du fertig? Oder hast du wieder die halbe Welt verschlafen?“

Lukas saß Katharina gegenüber, über seinen Teller mit Omelett gebeugt. Kaum hatte seine Mutter die Küche betreten, zog er den Kopf zwischen die Schultern; für einen Augenblick sah er aus wie ein Bub, den man beim Rauchen am Schulklo erwischt hat. Genau so reagierte er immer: Er wurde kleiner, matter, als ließe jemand die Luft aus ihm heraus.

„Mama, muss das gleich in der Früh sein?“, murmelte er und stocherte mit der Gabel in einem Stück Paradeiser herum. „Lass mich wenigstens meinen Kaffee austrinken.“

„Ich komm nicht gleich in der Früh. Ich komm vom Stiegenhaus, wo deine Frau eine derartige Schweinerei stehen hat, dass sich die Nachbarn schon wegdrehen“, sagte Barbara scharf und stellte ein prall gefülltes Plastiksackerl auf den Tisch. Drinnen klirrte Glas an Glas. „Katharina, Liebes, gehört das dir? Vor eurer Tür hab ich es gefunden. Einmachgläser mit saurem Gemüse. Direkt vor der Wohnungstür. Eine Schande ist das. Ein ordentliches Haus, und du machst daraus ein Lager wie am Bauernhof. Trag das sofort weg, bevor es noch alle sehen.“

Langsam hob Katharina den Blick von ihrer Tasse. Ihre Kehle war plötzlich trocken. Noch gestern waren diese Gläser am Balkon gestanden, sauber in eine Kunststoffkiste geschlichtet, die sie extra bestellt hatte, damit nichts im Weg herumstand. Lukas hatte sie dorthin geräumt. Von sich aus. Ohne dass sie ihn darum gebeten hätte. Und jetzt lagen sie plötzlich beim Eingang, als hätte sie jemand über Nacht dorthin gezaubert.

„Barbara“, sagte sie leise, aber fest. „Die Gläser waren am Balkon. Ich hab sie nicht hinausgestellt.“

„Dann hast du offenbar ein Gedächtnis wie ein Sieb“, winkte die Schwiegermutter ab. „Lukas, siehst du, unter welchen Umständen du leben musst? Du hast mich doch gestern selbst angerufen und gejammert, dass man vor lauter Eingelegtem kaum noch atmen kann. Also hab ich mir gedacht, ich helf euch. Und du, Katharina, statt dich zu bedanken, spielst wieder die gekränkte Prinzessin. Weißt du, wie man so etwas nennt? Undankbarkeit.“

Lukas schwieg. Nicht einfach nur so; er schien beinahe zu verschwinden. Sein Blick, trüb und verschlafen, hing irgendwo bei der Butterdose fest und streifte weder seine Frau noch seine Mutter auch nur für eine Sekunde. Katharina sah auf seinen gesenkten Kopf, auf den leicht rosigen Scheitel, auf die Finger, mit denen er mechanisch Brotkrümel in den Teller rieb, und spürte, wie in ihr, tief unter den Rippen, etwas Fremdes und Beißendes zu kochen begann. Es fühlte sich an wie ein kaputtes Kabel in der Steckdose: erst ein leises Knistern, dann die ersten Funken.

Zwei Jahre lang hatte sie versucht, sich daran zu gewöhnen. Zwei Jahre lang hatte sie sich eingeredet, Barbara sei eben eine einsame Frau, eine Mutter, die Angst hatte, ihren Sohn zu verlieren. Zwei Jahre lang hatte sie Bemerkungen hinuntergeschluckt: dass der Boden falsch gewischt sei, dass die Vorhänge viel zu grell wären, dass ihre Laibchen nicht annähernd so saftig gelängen wie bei Mama, und dass sie das Waschmittel völlig gedankenlos kaufe, viel zu teuer, wo es doch auch ein billigeres täte. Sie hatte geschluckt und gelächelt. Weil Lukas sie jedes Mal gebeten hatte, keinen Streit anzufangen.

Hedis Stube